"Nein, Mutter.", wiederholt sprach ich diese Worte.
Sie blieb kurz vor mir stehen und küsste meine Stirn. "Du hast viel Mut, meine geliebte Tochter.", flüsterte sie mir ins Ohr.
Dann ging sie weiter auf die Angreiferin zu und ließ mich stehen.
Wortlos sah ich ihr hinterher, ich fühlte, dass es kein gutes Ende nehmen kann.
"Wie seltsam, Lagertha, dass du nun die Thronräuberin spielst. Eine Schildmaid gegen eine wehrlose Frau. Du wirst deinem Ruf nicht gerecht.", sprach meine Mutter.
"Ich war nie die Räuberin. Ich war stets die Beraubte.", Lagertha steckte ihr Schwert weg, "Du hast mir meinen Gemahl genommen, meine Welt und meine Freunde. Dass du eine Frau bist, ist nicht von Bedeutung."
"Ragnar hat selbst entschieden, ich habe ihn dir nicht weggenommen."
"Er hat sich nicht entschieden, du bist eine Hexe. Und du hast ihn verhext."
"Du kannst glauben, was du willst, das überlasse ich dir. Gewiss können Frauen Macht über Männer ausüben, aber das muss nicht immer Zauberei sein, Lagertha. Aber wie dem auch sei. Ragnar ist tot.", meine Mutter klang gleichgültig.
Ich sah entsetzt in die Menschenmenge.
"Ragnar ist gestorben. Und mein Sohn Ivar auch."
"Nein, Mutter.", ich stürmte zu ihr, "Das ist nicht wahr.", ich schüttelte den Kopf, "Ivar kann nicht tot sein.", Angst stieg in mir auf. Oder war es Wut? Hass? Ich wusste es nicht.
"Ich werde nicht mit dir kämpfen, Lagertha. Ich bin nicht wie meine Mutter oder gar wie mein Vater. Ich würde verlieren.", sie warf ihr Schwert zu Boden.
"Alles was ich will ist, dass du mich gehen lässt. Alles was ich will ist, dass ihr mich gehen lasst, mir kein Leid zufügst und meine Kinder ihr Leben in Kattegat leben lasst.", meine Mutter sah durch die Menge, "Meine Söhne werden dankbar sein, wenn sie hören, wie du mich hast gehen lassen. Und sie werden nicht auf Rache Sinnen."
"Ich verstehe. Was ist mit deiner Tochter?"
Meine Mutter drehte sich zu mir um, legte ihre Hand auf meine Schulter und lächelte mich ein letztes Mal an, bevor sie sich den Weg aus der Menschenmasse bahnte. "Ich danke dir, Lagertha."
Ich wusste nicht, ob ich meine Mutter einfach so gehen lassen sollte, also ging ich unsicher hinterher.
Wie aus dem nichts schoss ein Pfeil an mir vorbei und traf meiner Mutter in den Rücken.
"Nein!", brüllte ich ungehalten und zog mein Schwert, während ich auf Lagertha zuging.
Ich brüllte so laut, dass selbst die Dorfbewohner Angst zu haben schienen.
Lagertha sah mich kalt an und bevor ich bei ihr ankam wurde ich von zwei Männern gepackt und auf den Boden gedrückt.
Ich wehrte mich immer noch brüllend und schlug nach den Männern.
"Sperrt sie weg und bewacht sie, bis sie sich beruhigt hat."
Ich wurde vor den Augen der Dorfbewohner abgeführt. Ich, die Tochter von Ragnar Lothbrok.
Was für eine Demütigung.
Die Männer nahmen mir meine Waffen ab, banden mir meine Hände auf dem Rücken zusammen und sperrten mich in eine Scheune.
Ich trat immer und immer wieder mit meiner ganzen Kraft gegen die Tür und die Wände der Scheune, brüllte vor Wut doch nichts tat sich.
"Ihr werdet noch bereuen, dass ihr mir das antut. Ich werde euch umbringen, euch alle umbringen!", drohte ich den wachen. Ich machte mir selber ein wenig Angst, denn meine Betonung und wie ich diesen Satz aussprach erinnerte mich nur zu sehr an Ivar.
Es vergingen gefühlte Tage, bis ich ihre Stimme hörte, "Sie sollte sich von ihrer Mutter verabschieden dürfen, lasst sie raus, nehmt ihre Fesseln ab."
Kurz danach öffnete sich die Tür, der Mann tat, was ihm befohlen wurde und ich folgte ihm daraufhin zum Pier.
Dort lag sie, auf einem Schiff auf dem Wasser. Die Bewohner hatten ihr Dinge mit auf den Weg gegeben. Ich kniete mich am Ende des Steges hin und sah zu meiner Mutter hinunter.
"Danke, Mutter.", flüsterte ich nur.
Sie wurde auf den Fjord hinausgeschoben und schließlich traditionell einem brennenden Pfeil abgeschossen.
Ich sah ihr solange hinterher, bis ich wieder einmal gepackt wurde, mir meine Hände erneut zusammengebunden wurden und ich zurück in die Scheune geschubst wurde.
Ich hoffte, dass meinen Brüdern nichts passiert war und sie bald wieder in Kattegat ankommen würden.
Ich sah durch die Latten der Scheune hindurch. Draußen im Dorf schien es ruhig geworden zu sein. Es schien niemanden mehr zu kümmern, was geschehen war. Dass die Tochter von Ragnar Lothbrok eingesperrt in einer alten Scheune saß.
"Lasst mich vorbei!"
Die Türen der Scheune öffneten sich und Ubbe kam hereingestürmt, er schlug die Wachen weg, die ihm hinterherkamen. Er schien wütend. So wütend habe ich ihn lange nicht mehr erlebt. Nein, eigentlich noch nie.
"Tjara.", er erblickte mich und löste meine Hände voneinander.
"Ist alles in Ordnung?", er packte meinen Kopf und schien ihn zu untersuchen.
Ich nickte nur, ich hatte die Schmerzen in meinem Bein bereits vergessen.
Aber als ich von dem Haufen Stroh aufstehen wollte, stach der Schmerz erneut zu. Ich ließ ein schmerzvolles Stöhnen von mir, doch versuchte normal zu gehen.
Mein Bruder sah an mir herunter und entdeckte die Wunde.
"Du bist verwundet.", er schmiss mich regelrecht über seine Schulter und brachte mich in unsere Hütte, wo Sigurd schon wartete.
"Ich habe gehört, dass du tapfer gekämpft hast, um unsere Mutter zu schützen.", sagte Ubbe.
"Und versagt.", entgegnete ich leise.
Sigurd schüttelte den Kopf, "Nein."
Ubbe versorgte meine offene Wunde.
"Lass es uns jetzt machen. Lass uns in die große Halle gehen und sie umbringen.", er sah zu Sigurd.
"Mach was du willst, aber auf mich brauchst du nicht zu zählen."
"Was redest du da, Bruder?", Ubbe sah Sigurd verständnislos an.
"Das hätte sie für uns auch nicht getan."
"Sie war unsere Mutter. Lagertha hat unsere Mutter ermordet!", schrie ich Sigurd an, "Ich helfe dir, Ubbe."
"Sie hat uns nie geliebt Ubbe. Sie wollte uns nie. Sie hat nur Ivar und Tjara geliebt.", er sah mich schon fast neidisch an, "Ivar soll sie umbringen, wenn er das will."
"Wenn er noch lebt?", Ubbe richtete sich auf.
"Er lebt noch. Die Götter haben es mir gesagt.", ich sah zu Ubbe, "Sigurd hat Recht. Ivar soll sie umbringen."
Wir nickten einstimmig und legten uns schlafen.
Ich legte mich an eine Wand, neben Sigurd und schlief schnell ein.
Am Morgen wachte ich durch Schmerzen in meinem Bein auf. Ich schnellte hoch und griff mir wieder einmal schmerzverzehrt an mein Bein.
Sigurd wachte auf und sah verwundert durch den Raum. Plötzlich wirbelte er herum, wodurch er nun auch Ubbe weckte.
In unserer neuen Hütte saß eine Frau und lächelte uns an.
"Ich bin Astrid."
"Wir wissen wer du bist.", sagte Sigurd verwirrt, "Aber was willst du hier?"
"Ich mache es mir zur Aufgabe, dass die Kinder Ragnars meine Freunde werden."
Ubbe verdrehte die Augen und stöhnte genervt, "Verzeih mir Astrid, aber ich befürchte, dass wir...-"
"Ja, ihr solltet euch fürchten.", ihr Blick blieb an mit hängen, "Besonders du, Tjara Lothbrok. Es war zwar Mutig, dein Dorf und deine Mutter so ehrenvoll zu verteidigen, aber es war nicht schlau. Das wollte ich euch nur sagen."
Ich zog die Augenbrauen hoch und sah abwechselnd zu meinen Brüdern.
"Wenn ihr Lagertha etwas antut, dann überlebt ihr das nicht.", Astrid stand auf, um die Hütte zu verlasen.
Ich sah zu Ubbe, der wütend grinsend nach seinem Becher griff und ihn schließlich nach ihr warf.
Astrid blieb stehen und drehte sich um und kam auf Ubbe zu.
"Glaubst du, dass ich mich, wenn ich mich vor Lagertha nicht fürchte, ich mich vor dir fürchte?", er sah sie drohend an.
Astrid drehte sich wortlos um und beendete ihren Besuch.
DU LIEST GERADE
Er ist mein Bruder
FanfictionDer legendäre Ragnar Lothbrok ist ihr Vater, doch wer ist eigentlich dieser Mann, der sie und ihre Brüder verließ, als sie noch ein kleines Kind war? Trotz der Herausforderungen, sich alleine gegen ihre Brüder durchzusetzen, ist sie herangewachsen...
