49. Der Armreif

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Sofort wurde uns beiden ein Schild gebracht. Sie sahen fast so aus, wie die, die wir nutzten, doch sie fühlten sich anders an.
Zögernd sah ich zu Hvitserk, der das gleiche zu bemerken schien.

Ich steckte mein Schwert weg und legte meine Axt in die rechte Hand, "Bereit, Bruder?", flüsterte ich.
Konzentriert nickte Hvitserk mir zu, ich bemerkte seinen verbissenen Blick. Er wollte auf keinen Fall ein zweites Mal verlieren.

Wir beide gaben unser Bestes, doch den letzten Schlag meines Bruders sah ich nicht kommen. Die Spitze seines Schwertes schnitt mir eine tiefe Wunde direkt unter das linke Auge.
Ich fiel zu Boden und hatte auch schon Hvitserks Klinge am Hals.
Ich ließ Axt und Schild los und fuhr mit meiner linken Hand über die getroffene Stelle unter meinem Auge.
Meine Hand war voller Blut und schon hockte Hvitserk vor mir, er beäugte die Wunde und sah mich an, "Verzeih mir, Tjara.", flüsterte er und fuhr mit seinem Finger über mein Gesicht.

"Hvitserk!", schrie Ivar, der schon fast bei uns angelangt war, "Man könnte fast der Annahme sein, dass du das mit Absicht machst.", Ivar schien wütend, doch weder Hvitserk, noch ich wussten wen von uns beiden er nun meinte.
Wir waren uns bewusst, dass genau dies in der Vergangenheit oft geschehen war.
Ivar zog mich grob auf die Beine, drückte lieblos meinen Kopf zurecht und begutachtete, wie Hvitserk es tat, meine Wunde. Schließlich verzog er das Gesicht und schubste mich von sich weg.

Ich sah zu dem Platz, wo Ivar zuvor noch saß.
Oleg war bereits verschwunden.

Kurz sah ich zu Hvitserk, doch er sah nur schweigend zu Boden.

"Wenn du so in unserer Schlacht kämpfst, dann wirst du nicht kämpfen!", schrie Ivar so laut, dass es hallte.
Ich zuckte zusammen und sah zu Boden. Schweigend dachte ich an Hvitserks Worte, - nicht einmal du kannst sie ewig schützen. -
Doch ich wagte es nicht auszusprechen.

Ivar verließ uns wütend.
Es schien so, als wagte Hvitserk erst jetzt wieder zu atmen.
Er schlug mir brüderlich auf die Schulter, als Ivar außer Reichweite war, "Du weißt, wie er es meint, Tjara."
Immer noch stumm nickte ich.
"Du bist unsere jüngere Schwester, auch ich weiß, wie er fühlt, doch ich kann dich auf dem Schlachtfeld schützen, er nicht", flüsterte er.

"Ivar sagte immer er wäre ein Gott.", sagte ich trotzig, "Wenn dem so wäre hätte er nicht diese Angst.", flüsterte ich Hvitserk nun zu.

Er seufzte nur, legte seinen Arm um mich und verließ mit mir die Halle.

Draußen war es bereits dunkel, es war Abend geworden, "Du musst hungrig sein.", sagte Hvitserk zu mir, als wie durch die Stadt gingen.

"Du etwa nicht, Bruder?", fragte ich fast lachend. Die schlechte Stimmung war schon fast wieder vergessen.
Hvitserk nickte und wir traten kurze Zeit später in unseren Saal ein.

Ivar saß auf der Bettkante und richtete seine Schienen an den Beinen ordentlich.
Er verlor uns nicht aus den Augen, als wir uns auf die gepolsterten Bänke setzten.

"Ihr solltet euch ein letztes Mal stärken. Morgen werden wir aufbrechen.", mühselig stand er auf und schritt Richtung Tür, "Ich werde mit Oleg speisen.", mit Abscheu sah er uns an und verließ den Saal.

Erneut sah ich zu Boden, "Er ist enttäuscht von mir.", flüsterte ich und griff nach dem Essen, welches bereits auf dem Tisch stand.
Hvitserk tat es mir gleich und so aßen wir schweigend zu Abend.

"Was fühlst du, wenn du an die Heimat denkst?", fragte ich meinen Bruder schließlich.

Er zuckte mit den Schultern, "Was soll ich schon fühlen?", fragte er mit vollem Mund.

"Ich hoffe, dass Ubbe los gesegelt ist, um das neue Land zu finden. Ich will ihm nicht im Kampf gegenüberstehen.", seufzend griff ich nach einem Stück Fleisch.

"Ich würde ihn erschlagen. Und das solltest du auch tun.", Hvitserk sah mich entschlossen an.

Ich schluckte, doch ich wusste, dass es getan werden musste.

Es war bereits spät in der Nacht, als ich am Fenster saß und hinuntersah. Auf einmal ertönte ein Schnarchen, welches mich aufschrecken ließ.
Hvitserk saß nur noch halb auf der Bank und schien eingeschlafen zu sein.
Lachend widmete ich mich wieder dem Fenster und lehnte mich gehen die Wand hinter mir. Es war wirklich gemütlich und ich merkte, dass ich auch langsam müde wurde und schloss die Augen.
Doch kaum hatte ich das getan, kam Ivar krachend herein.
Ich schreckte auf und aus der Richtung von Hvitserk hörte ich ein rumpeln - er war von der Bank gefallen und sah orientierungslos durch den Saal.
Ivar stieß die Tür zu und humpelte auf sein Bett zu.
"Warum schlaft ihr beide noch nicht? Hvitserk, Tjara.", abwechselnd sah er zu uns.

Hvitserk richtete sich langsam auf und sah verschlafen zu Ivar, "Ich habe bereits geschlafen, Bruder.", sagte er müde.

Erwartungsvoll sah Ivar nun zu mir.

"Ich wollte gerade schlafen, Ivar.", sagte ich ruhig und begab mich zu meinem Schlafplatz.

Am nächsten Morgen brachen wir früh auf. Ich war total unausgeschlafen und am dauergähnen.

Bevor wir an Bord der Schiffe gingen, machte Prinz Oleg seinen Kriegern eine Ansage.
Währenddessen stellte sich Ivar vor uns auf, "Es wird nicht lange dauern, bis wir ankommen werden.", behutsam strich er mit dem Daumen über meine Wunde im Gesicht, "Ich erwarte, dass ihr euch, so wie ihr es schon immer getan habt, auf dem Schlachtfeld unterstützt und uns zum Sieg führen werdet, meine Geschwister.", er umarmte uns beide kurz und wir gingen an Bord.

Als wir uns weit vorne auf das Schiff stellten, hielt Ivar mich an der Schulter und ich drehte mich zu ihm um.
Hvitserk schien so verwirrt zu sein, wie ich.
Ivar sah mir, bis wir kurz darauf ablegten in die Augen, "Ich habe etwas für dich, kleine Schwester.", flüsterte er und setzte sich auf ein Holzfass, welches hinter ihm stand.
Er zog mich zu sich und schob meinen Ärmel hoch.
Er schien genau zu wissen, was er dort tat, denn im nächsten Moment tat er dasselbe bei sich.
Er sah mir kurz in die Augen und nahm seinen Armreif ab, den er schließlich sanft an meinem Arm hochschob.

"Aber das ist dein Armreif, Ivar.", flüsterte ich fast gerührt, "Du hast ihn von Vater bekommen."

Ivar lachte kurz auf, "Ich bin ein Krüppel. Ich habe ihn doch nur bekommen, damit ich mich wie unsere Brüder fühlen durfte. Ich war ein kleines Kind."

Ich strich über den Armreif und sah Ivar dankend an.

"Ich gebe ihn dir nicht nur, damit du darauf schwören kannst, sondern damit er dir Kraft gibt.", ihm entglitt tatsächlich ein leichtes Lächeln.

"Danke, großer Bruder.", flüsterte ich ihm zu.

Er ist mein BruderGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt