Zwei Monate später war ich im Dorf unterwegs.
Mir lag das wohl der Bewohner sehr am Herzen, daher mischte ich mich gerne unter das Volk und beobachtete wie sie lebten.
Als ich am Pier angekommen war blickte ich über den Fjord, der Abendsonne entgegen und atmete tief ein, bevor ich mich auf den Weg zurück in die große Halle machte.
Mir wurden die Türen von den Wachen geöffnet und ich ging ruhig auf meinen Bruder zu, der auf dem Thron saß und das Schicksal eines Dorfbewohners festlegte.
"Was hat er getan?", fragte ich eher desinteressiert im Vorbeigehen, während ich den Mann, der vor meinem Bruder kniete musterte.
"Es ging um Land. Er hatte Zwist mit seinem Bruder und tötete ihn.", sagte Ubbe ruhig, während er denn Mann anstarrte, der sich sichtlich unwohl fühlte.
"Und da zögerst du noch?", fragte ich ungläubig und kippte mir Bier in einen Krug, "Knüpft ihn auf.", befahl ich und gab den Wachen mit den Händen ein Zeichen, dass sie verschwinden sollen.
Ich sah ihnen hinterher, wie sie den Mann aus der Halle zogen.
Plötzlich bemerkte ich Ubbes Blicke auf mir.
Denselben Blick, den er schon damals aufsetzte, wenn ich etwas tat, was Ivar von mir verlangte.
Ich zog die Augenbrauen hoch und musterte ihn, "Trink was.", sagte ich mit einem falschen Lächeln auf den Lippen und hob ihm meinen Becher entgegen.
Mein Bruder schüttelte ungläubig den Kopf, "Warum musst du immer alles entscheiden, Tjara? Ich bin der ältere, ich müsste hier das Sagen haben!"
Leise lachte ich auf, "Deine Entscheidungen sind schlecht, Ubbe.", sagte ich trotzig, "Urteile über die Bewohner Kattegats solltest du mir überlassen, Bruder."
Er atmete wütend aus.
"Wenn ich Herrscherin über unser Volk werden sollte, dann überlasse ich dir Kattegat, Ubbe. Dann kannst du ein kleiner Jarl sein.", flüsterte ich überheblich und machte mich auf den Weg in das Hinterzimmer.
"Es war ein Bote hier.", sagte Ubbe ruhig.
Neugierig blieb ich stehen und drehte mich zu meinem Bruder.
"Die Wahl wird in zwei Wochen hier stattfinden.", flüsterte er in meine Richtung.
Dankend nickte ich ihm zu und verschwand hinten.
"Was wirst du machen, wenn du Herrscherin des Volkes wirst, Tjara?", fragte Kjell, als wir am Abend vor der Wahl außerhalb des Dorfes am Strand saßen und die Sterne am Himmel bewunderten.
"Unsere große Streitmacht wird König Alfred und seine Leute töten, wir werden England einnehmen und jeder, der sich widersetzt wird sterben.", flüsterte ich voller Hass, denn ich dachte wieder einmal an Ivar, ich vermisste ihn sehr.
"Was ist mit Kattegat?"
"Wenn ich erst einmal Herrscherin über alles, was wir kennen bin, brauche ich Kattegat nicht mehr. Ubbe kann es haben.", flüsterte ich nachdenklich.
"Und die Bewohner?", Kjell legte sich in den Sand und verschränkte die Arme hinter dem Kopf.
"Die Bewohner sind freie Leute. Sie können mit mir gehen, sie können bleiben und Ubbes Herrschaft anerkennen. Es steht ihnen frei, ich will nicht über sie bestimmen.", sagte ich fast weise.
"Und dein Plan für die große Schlacht von England?"
"Der Schlachtplan ist schon lange fertig. Wir werden zuerst nur mit weniger als der Hälfte der Krieger nach England fahren. Wir überwintern dort, denn im Winter werden sie uns nicht angreifen. Selbst wenn sie es tun sollten, haben wir genug Krieger, um sie bezwingen zu können. Dann im Frühling kommt der Rest der Streitmacht nach, dies wird deine und Hildurs Aufgabe sein. Und dann greifen wir sie unerwartet an.", ich sah Kjell mit meinem kältesten Blick an.
Doch er lachte nur und legte eine Hand auf meine Wange, "Du hast viel von deinen Brüdern gelernt, Tjara. Halte dieses Wissen fest."
Spät in der Nacht kehrten mein Vertrauter und ich zurück in die Halle und setzten uns an das Feuer.
Es herrschte Totenstille und Ubbe war auch nirgendwo aufzufinden.
Somit beschloss ich mich schlafen zu legen, schließlich sollte der nächste Tag anstrengend werden.
Am nächsten Morgen wurde ich unsanft von Ubbe geweckt.
Er schmiss mir meine Kleidung auf die Beine, "Aufstehen, Tjara."
Müde sah ich durch den Raum und erblickte Ubbe am anderen Ende, auf seinem Bett.
Er schnitzte an einem dicken Stock herum und sah mich auffordernd an. Er schien nervös zu sein.
Langsam erhob ich mich aus meinem Bett und ging zur Waschschale rüber.
"Wie lange bist du schon wach?", fragte ich meinen Bruder, während ich mir mein Gesicht wusch.
"Ich habe nicht geschlafen.", flüsterte er.
"Also, wo warst du heute Nacht?", ich sah ihn an und trocknete mein Gesicht.
"Auch wenn wir nun erwachsen sind, du viele Wächter und Freunde hast, gibt es Menschen, die dich hassen, die dich tot sehen wollen.", er legte eine Pause ein.
"Ich habe dich gesucht, ich habe mich um meine kleine Schwester gesorgt.", flüsterte er, als könnte er nicht glauben was er da sagte.
Ich musste lächeln.
Als ich mich angezogen hatte, setzte ich mich neben ihn und legte einen Arm um meinen Bruder, "Mir passiert so schnell schon nichts.", ich strich ihm durch die Haare und erhob mich.
"Ich erinnere mich oft an deine ersten Schlachten zurück, wären ich und Hvitserk und natürlich Ivar nicht gewesen, wärst du heute gewiss nicht mehr am Leben. Doch ich kann mich davon nicht trennen. Ich sehe dich noch immer als meine kleine, schwache Schwester, die ich um jeden Preis schützen muss."
Ich schüttelte den Kopf, "Ich hoffe, dass wir bald Seite an Seite kämpfen und uns gegenseitig schützen werden, so wie es Vater und Onkel Rollo taten, als sie jung waren.", flüsterte ich und reichte meinem Bruder die Hand, damit er aufstand.
"Wir sollten uns stärken. Die Wahl lässt nicht auf sich warten, großer Bruder.", Arm in Arm verließen wir das Hinterzimmer.
DU LIEST GERADE
Er ist mein Bruder
FanfictionDer legendäre Ragnar Lothbrok ist ihr Vater, doch wer ist eigentlich dieser Mann, der sie und ihre Brüder verließ, als sie noch ein kleines Kind war? Trotz der Herausforderungen, sich alleine gegen ihre Brüder durchzusetzen, ist sie herangewachsen...
