Björn schien mein Schweigen als Zustimmung zu sehen und klopfte mir auf die Schulter, "Wo auch immer uns unser Weg hinführt, die Götter werden uns leiten. Skål!"
Viele Tage später machten sich Björn, Ubbe, Lagertha und einige Männer auf die Suche nach geeignetem Land, um Lagerthas Hütte zu bauen.
Hvitserk und ich saßen in unserer Hütte und tranken.
"Du willst Ivar wirklich umbringen, Bruder?"
Hvitserk sah auf, er zitterte und sah mich wie ein Wahnsinniger an, "Wenn es mein Schicksal ist, werde ich es tun müssen."
"Dein Schicksal ist es, an seiner Seite zu sein, genauso wie es mein Schicksal ist.", flüsterte ich leise, "Hast du schon vergessen, was der Seher damals zu mir sagte, Bruder?"
Hvitserk sah sich wie im Wahn um und trank seinen Becher aus, den er sofort wieder füllte.
"Er hat dich zurückgelassen oder ist das etwa nicht wahr?", er sah mich an.
Schnell wendete ich mich ab und sah durch die Hütte.
"Deine ganze Geschichte ist eine Lüge, habe ich Recht?", fragte er laut und schlug auf den Tisch, "Du wirst Ivar bis in den Tod treu sein, alles andere schien sowieso nicht wahr zu sein."
Er wusste, dass mein Schweigen bedeutete, dass er Recht hatte.
"Was denkst du wird mit dir geschehen, wenn ich es Björn sage? Niemand ist mehr an deiner Seite. Ubbe hat sich von dir abgewendet. Von dir, seiner jüngeren Schwester, die er stets nur schützen wollte, was denkst du wird er sagen, wenn er es erfährt?"
"Wag es nicht mir zu drohen, Hvitserk!", rief ich laut und stand auf.
"Entweder wirst du es ihm sagen oder ich werde es tun.", er zuckte gleichgültig mit den Schultern und sah mich mit Blut unterlaufenen Augen an.
Blitzschnell zog ich mein Schwert und legte die Spitze an seine Kehle. Drohend sah ich ihn an, doch mein Bruder fing zu lachen an, "Du wirst ihm immer ähnlicher."
Wutgeladen drückte ich die Spitze meines Schwertes weiter in seine Kehle, als die Tür aufsprang und Ubbe heimkehrte.
"Was ist hier los?", fragte er prüfend, als er sah, was hier vor sich ging, doch ich ließ mein Schwert nicht sinken, ich durchbohrte Hvitserk weiter mit meinem Blick.
"Nimm das Schwert runter, Tjara.", Ubbe hielt seine Axt an meinen Hals.
In diesem Moment wurde es mir klar, ich war nicht mehr seine kleine Schwester, die er versuchte zu beschützen. Ich war in seinen Augen wohl nur noch Ivars Schwester, die er aufhalten und umstimmen musste.
Ich senkte mein Schwert und steckte es wieder weg. Stumm drehte ich mich zu ihm um und sah ihn an. In meinem Blick war keine Spur von Reue zu sehen.
Ungläubig über das, was er gesehen hatte sah er mich an.
"Vielleicht solltest du dich besser um deinen kleinen Bruder kümmern, er wird langsam aber sicher ein großes Problem!"
Ubbe sah kurz zu Hvitserk und dann wieder zu mir. Schließlich packte er mich am Arm und zerrte mich aus der Hütte in Richtung Strand.
"Du hast Wut?", er zog seine Axt und sah mich an, "Dann lass sie raus, na los.", rief Ubbe.
Er wollte, dass ich ihn angreife.
Ohne groß zu überlegen, zog ich mein Schwert und griff meinen Bruder voller Wut an.
Ich wusste nicht einmal mehr warum ich wütend war. Vielleicht, weil Ivar mich zurückgelassen hatte? Oder, weil Björn seinen Platz eingenommen hatte. Oder gar wütend, weil meine Brüder gegen Ivar waren? Ich wusste es nicht.
Natürlich wusste ich, dass ich Ubbe niemals schlagen konnte.
Doch ich wusste auch, dass ich besser geworden war und vertraute auf mein Können.
"Komm schon.", rief Ubbe nach mehreren Fehlschlägen meinerseits.
Wutgeladen rannte ich brüllend auf ihn zu, doch erntete schließlich nur mit dem Griff seiner Axt einen Schlag auf den Kopf.
Ohne nachzudenken ließ ich mein Schwert fallen und fing an Ubbe gegen die Brust zu schlagen. Dieser steckte seine Axt weg und drückte mich schließlich fest an sich.
Ich wusste nicht mehr, wie mir geschah, aber die Umarmung meines großen Bruders erwärmte mein Herz und ließ es ein wenig heilen.
Ich erwiderte schließlich seine Umarmung und legte meinen Kopf gegen seine Schulter.
Ubbe hatte meine Wut und meinen Hass gebrochen. Schon als wir Kinder waren, war es seine besondere Gabe.
Als er mich wieder losließ wischte ich mir das Wasser aus meinen Augen.
Er ließ sich schließlich im Sand nieder, ich tat es ihm gleich. Schweigend sahen wir auf den Fjord.
"Was hat Ivar nur mit dir gemacht?", flüsterte er, "Ich habe dich kaum wieder erkannt."
"Er hat mich einerseits stark und andererseits sehr verwundbar.", flüsterte ich.
Nachdem mein Bruder lange vor sich hin genickt hatte, sah er mich ernst an, "Warum hast du das Schwert gegen Hvitserk erhoben?"
Ich seufzte kurz. "Es war geschwindelt.", flüsterte ich ganz leise, "Ich wollte mit Ivar gehen, doch da er nicht wusste, wo ihn sein Weg hinführt und was für Gefahren auf ihn lauern, sagte er, dass ich hierbleiben soll, es wäre sicherer für mich.", mulmig sah ich in den Sand zwischen meinen Füßen.
"Heißt das, du würdest dich Ivar wieder anschließen, wenn ihr euch eines Tages wieder seht?"
Ich zuckte mit den Schultern, "Mein Herz war gebrochen, als Ivar ging. Es fühlte sich an, als würden die Götter sich gegen mich stellen.", ich legte eine kurze Pause ein, "Doch als ich dich in der Menschenmenge erblickte heilte mein Herz. Bis es wieder brach, als du Björn umarmtest und mich stehen ließ, als wären wir Fremde Leute."
Ubbe sah immer noch hinaus auf das Meer, "Ich konnte nicht anders, denn du hattest dich gegen mich entschieden. Du hast...-", ich unterbrach meinen Bruder stürmisch, "Du hättest mich in der Schlacht töten können. Warum hast du es nicht getan? Du hast stattdessen einen deiner Männer umgebracht!"
"Als ältester Bruder tötet man seine jüngeren Geschwister nicht. Keinen einzigen von ihnen, verstehst du?"
Ich nickte. Zwar wusste ich nicht, wie es sich anfühlte jüngere Geschwister zu haben, doch ich könnte auch niemals einen von meinen Brüdern töten.
"Auch nicht Ivar?", fragte ich vorsichtig.
Ubbe schüttelte leicht mit dem Kopf, "Nein...", hauchte er leise.
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Er ist mein Bruder
FanfictionDer legendäre Ragnar Lothbrok ist ihr Vater, doch wer ist eigentlich dieser Mann, der sie und ihre Brüder verließ, als sie noch ein kleines Kind war? Trotz der Herausforderungen, sich alleine gegen ihre Brüder durchzusetzen, ist sie herangewachsen...
