"Das ist nicht dein Ernst, oder?", wollte Hannah wissen, als ich ihr erzählt hatte, dass meine Mutter heute mit dem Vater von Josh ausgeht.
"Doch", antwortete ich. "Da lernt man mal einen richtig netten Typen kennen und dann passiert so etwas." Ich nahm einen Schluck von meinem Orangensaft. Charlotte und Hannah hatten sich ihren mit ein wenig Tequila versüßt, was man bei Charlotte auch schon merken konnte.
"War er denn heiß?", wollte Charlotte wissen.
Ich dachte kurz nach, dann antwortete ich: "Ja, schon irgendwie."
"Aber nicht so heiß, wie der Bademeister", lachte Hannah, die auf Vincent deutete, der in seinem Bademeisteroutfit am Pool entlang ging.
Ich schüttelte den Kopf. "Der Kerl kann mir gestohlen bleiben."
"Wieso denn das?" Hannah zog eine Augenbraue hoch, als wenn es etwas neues wäre, dass ich den Kerl nicht leiden konnte.
"Er hat mich vor Josh so lange provoziert, bis ich ihm eine verpasst hatte. Er wollte sich wohl vor Camille mal wieder aufspielen und der Coole sein." Bis jetzt hatte ich versucht die Ereignisse dieses Abends einigermaßen zu verdrängen.
"Du hast ihn geschlagen?" Charlotte brach in lautes Gegacker aus, so dass uns einige Gäste ansahen.
Ich nickte nur und nahm wieder einen Schluck meines Saftes, um zu vermeiden, dass sie weitere Einzelheiten erwartete.
"Das sind also deine Freunde", hörte ich von hinten jemanden sagen. Es war Josh, der wohl vorhin nicht verstanden hatte, dass ich eine Pause von ihm brauchte. "Keine Sorge, ich gehe gleich wieder." Er musste erkannt haben, wie ich mein Gesicht verzogen hatte.
"Und du musst der sein, von dem uns hier die ganze Zeit erzählt wird", lächelte Hannah ihn an. Sie sah aus, als würde sie ihn gleich ablecken wollen, damit er für immer ihr gehört.
"Ach, du redest über mich?", fragte er nun, an mich gewandt. Ich sah das als eine rhetorische Frage an und gab keine Antwort. "Dann wünsche ich den Ladys noch viel Spaß", lächelte er und machte sich auf den Weg Richtung Strand. Was er wohl zutun hatte, wo sein Vater doch mit meiner Mutter ausging?
Charlotte gackerte immer noch vor sich hin, als hätte sie einen Sonnenstich bekommen. Die Sonne schien allgemein sehr stark, aber wir saßen direkt neben einer Hecke, die die Strahlen ein wenig von uns abschirmte.
Hannah saß nur noch dort, ihr Kinn auf ihre Hand gestützt und starrte ins Leere. "Diese grünen Augen", schwärmte sie vor sich hin.
"Lass den Kerl bloß nicht wieder gehen", sagte nun Charlotte, die sich wohl von ihrem Lachanfall erholt hatte. Ich war überrascht darüber, dass ihr noch kein Arzt verboten hatte, Alkohol zu trinken. Denn bei ihr wirkte dieser immer schnell und stark.
"Ach, dass ist alles nicht so einfach", murmelte ich und meinte damit nicht nur unsere Eltern, sondern auch meine grässliche Vergangenheit. Da meine Freundinnen hiervon aber nichts wissen sollten, lenkte ich nur auf das eine Thema ein. "Jetzt wo unsere Eltern etwas miteinander zu haben scheinen, ist alles komisch. Ich meine, vielleicht wird das mit ihnen auch nichts, aber ich weiß nicht, ob es etwas an der Situation ändern würde."
"Und was, wenn du mal mit deiner Mutter darüber redest?" Hannahs Vorschlag war eigentlich gar nicht so schlecht, aber ich wollte meiner Mutter nichts kaputt machen. Ich hatte noch so viele Jahre Zeit, einen Freund zu finden und bereit für alles, was zu einer Beziehung gehörte, war ich wahrscheinlich sowieso noch nicht.
"Ich möchte ihr das nicht zerstören", sagte ich. Sie war so glücklich als sie mir das erzählt hat."
"Du warst aber auch glücklich", konterte Charlotte, die mittlerweile ihren zweiten Drink ausgetrunken hatte. Ich wusste nicht, wo dieser Abend bei ihr noch hinführen sollte.
"Ich glaube tatsächlich, ich war nicht so glücklich wie sie." Langsam wurde mir klar, dass ich nie richtig mit meinen Freundinnen reden konnte, ohne ihnen wenigstens einen Teil meiner Vergangenheit zu erzählen. Ich schluckte kurz. Meine Therapeutin hatte damals gesagt, das ist, wie ein Pflaster abreißen. Desto schneller, desto schmerzloser. "Es bringt wohl nichts, länger Geheimnisse vor euch zu haben", fing ich also an. Kurz und schmerzlos, wiederholte noch einmal die Stimme in meinem Kopf. Hoffentlich brachte ich es übers Herz.
"Du hast Geheimnisse vor uns?", gackerte Charlotte schon wieder.
Hannah nahm Charlottes Glas in die Hand und stellte es beiseite, damit der Kellner nicht auf die Idee kam, es noch einmal nachzufüllen. "Ich glaube, sie möchte uns etwas ernstes sagen, Char", motzte Hannah sie an, als wäre sie ihre Mutter.
"Sorry", murmelte diese vor mich hin und beide sahen mich an.
Kurz und schmerzlos.
"Ich bin nicht so gut, was Beziehungen angeht", erläuterte ich, mit zitternder Stimme. Charlotte und Hannah bekamen ein dickes Fragezeichen im Gesicht, aber horchten dennoch dem, was ich vorhatte zu erzählen. Nicht nur meine Stimme zitterte, auch meine Beine wackelten hin und her. Für Menschen, die das Gespräch nicht hörten, musste es so aussehen, als wenn ich dringend auf die Toilette musste. Bevor ich weiter redete, drehte ich mich noch einmal um, damit auch niemand lauschte. "Es sind bestimmte Dinge in meiner Vergangenheit passiert, die mich dazu gebracht haben, keinem Jungen mehr zu vertrauen." Vor ihren Köpfen spielten sich jetzt wahrscheinlich tausend mögliche Szenarien ab, doch keines würde so schlimm sein, wie das, was ich erlebt hatte.
"Du musst nicht weiterreden", stoppte mich Hannah.
Erst jetzt bemerkte ich, dass mein Gesicht ein wenig nass geworden war. Unbeabsichtigt hatte ich wohl angefangen, meinen Gefühlen freien Lauf zu lassen. Ein Wunder, dass ich noch nicht in den Pool gespuckt hatte. Meine Verfassung schien besser zu sein, als noch vor einigen Monaten.
Liebevoll legte Hannah ihre Hand auf meine und Charlotte sah mich wie ein trauriges Hundebaby an, bis Hannah ihr einen bösen Blick zuwarf. Sie wollte wohl nicht, dass ich noch trauriger wurde.
Da kam auch schon der Kellner. "Wir möchten gerne dreimal Tequila", sagte Hannah und der Kellner stellte unsere leeren Gläser auf sein Tablett.
"Wieder mit Orangensaft?", wollte er wissen.
Hannah verneinte. "Ohne alles bitte."
Und so trank ich das erste mal seit langem wieder Alkohol.
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Why
RomansSofia Castillo hat in ihrer Vergangenheit schreckliches erlebt. Aufgrund dessen ist sie leicht zu verängstigen und bekommt schnell Panikattacken. Sie versucht dies in den Griff zu bekommen, doch immer wieder kommt ihr Vincent in den Weg, der versuch...
