Keimende Hoffnung

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Ich ging und ging. Immer weiter, ohne Ziel, obwohl meine Beine eigentlich keine Kraft mehr besaßen. Aber der Schmerz darin beruhigte mich. Half mir, zu mir zu finden. Also zwang ich mich, meinen Weg fortzusetzen. Dem brennenden Ziehen in meinen Muskeln zu widerstehen und mich in den Stimmen der beschäftigten Leute um mich herum, zu verlieren. Doch der Kampf zerrte noch immer an mir. So sehr, dass ich irgendwann trotz des Feuers in meiner Brust, keinen Schritt mehr laufen konnte. Am helllichten Tage, mitten in der Innenstadt, umgeben von Passanten, ging ich in die Knie. Sie gehorchten mir nicht mehr. Es schien alles so normal, so friedlich. Einige Menschen warfen mir merkwürdige Blicke zu, machten einen Bogen um mich. Eine Mutter zog ihr kleines Mädchen dichter, als sich dieses am Schaufenster eines Ladens festgucken wollte. Seine überraschten Augen wanderten kurz zu mir, ehe es sich jammernd an die Mutter wandte. Wie merkwürdig, dachte ich im Stillen. Teilnahmslos, aufgefressen von der inneren Leere, machten mir all diese skeptischen Gesichter nichts mehr aus. Aber etwas in mir löste sich. Begann, sich nach Hilfe zu sehnen, um der verlorenen Einsamkeit zu entkommen. Gedankenversunken, zog ich das Handy hervor. Ein heller Schimmer, versteckt in der schweren Dunkelheit, ließ Hoffnung aufkeimen. Die Hoffnung, nicht alles alleine tragen zu müssen.

Obwohl sich alles so surreal anfühlte, dass ich selbst nicht genau wusste, was ich tat, starrte ich auf die Chatliste. Meine Augen wanderten hin und her, zwischen Lilly, Carlos, Dan und Kira. Ich will nicht allein sein. Mit aller Kraft drängte ich aufsteigende Tränen zurück. Biss die Zähne fest aufeinander und atmete tief durch. Ich wollte keinen Trost. Ich sehnte mich nach Ablenkung. Nach jemandem, der mich wieder in die Realität zurückholen würde. Also wählte ich Carlos Nummer und führte mit schlagendem Herzen das Handy an mein Ohr.

Es begann, zu piepen. Unruhe flutete meinen Körper, als Carlos nicht direkt abnahm. Sie schenkte mir neue Kraft, um mich langsam wieder auf die schwachen Beine zu kämpfen. Mit gesenktem Kopf, wollte ich das Handy grade wieder sinken lassen, als ein vertrautes Knacken ertönte. „Hey, Ava. Was ist los?"

Was ist los? Seine Worte hallten einen Moment in meinem Kopf wider, ehe ich nach einer zu langen Pause antwortete: „Wollte nur fragen, ob du Zeit hast."

Meine Stimme klang nicht so furchtbar, wie ich mich fühlte, trotz des wackligen Untertons. „Klar, wir hatten euch auch eine Kampfanfrage geschickt. Hat Vincent nichts erzählt?"

Plötzlich erstarrte ich, als er den Namen meines Partners aussprach. Doch ich schüttelte die aufsteigende Beklemmung ab und erwiderte unsicher: „Nein. Können wir uns irgendwo treffen?"

Carlos schwieg einen Augenblick. Auch wenn ich ihn nicht sah, wusste ich, dass ihm meine Aussage vermutlich Sorgen bereitete. „Klar,", begann er schließlich etwas perplex. „Aber Dan ist grade los.", „Macht nichts."

Seufzend sah ich mich nach einer Sitzgelegenheit um, als meine Augen einige Meter weiter, vor einem Kleidungsgeschäft, eine Metallbank neben einem überfüllten Mülleimer fanden.

„Wo bist du denn? Klingt, als wärst du schon in der Stadt.", „Bin ich. Aber ich komme zum Parkeingang, wenn das okay für dich ist."

Erleichterung erfasste mich, als ich mich auf das Metallgitter der Bank fallen ließ, wohl wissend, dass ich ohnehin wieder aufstehen musste. „Kein Problem. Ist alles okay?"

Nein, nichts ist okay. Aber ich schluckte diese Worte hinunter, um schließlich ein erzwungen gut gelauntes: „Ja, denke schon.", herauszubringen.

Dann verabschiedeten wir uns. Kraftlos ließ ich den Arm sinken und starrte auf den hellen, gepflasterten Boden. Ich wollte mich nicht an so einem belebten Ort mit ihm treffen. Je länger ich mich hier aufhielt desto entfernter fühlte ich mich. Obwohl die Geräusche der beschäftigten Leute anfangs gut taten, begann mein Kopf nun mehr und mehr zu pochen. Seufzend zwang ich mich wieder auf die Füße, sammelte übrig gebliebene Kraft und setzte meinen Weg fort. Je weiter ich lief, desto enger wurde es in meiner Brust. All diese Menschen schienen mir plötzlich die Luft zum Atmen zu rauben. Als ob ich nicht schnell genug die Innenstadt verlassen könnte, beschleunigte ich meine Schritte. Carlos. Vielleicht würde sich mein gequältes Herz beruhigen, wenn ich ihn sah.

Azure ☆ Straying BirdWo Geschichten leben. Entdecke jetzt