Sanfte Klaviertöne schweben durch die kühle Nachtluft, während wir die Kisten in einer geordneten Schlange weitergeben. Heute wird bis spät gearbeitet, weil uns mitten in den Shows in Köln die Getränke ausgegangen sind. Jetzt verladen wir die neue Lieferung in den Kühlwagen, da morgen früh schon die nächste Show ansteht.
Für einen Moment halte ich inne und lasse meinen Blick auf das noch schwach beleuchtete Hauptzelt wandern, aus dem die Musik dringt. Sie ist nicht besonders laut – wir stehen einfach nur sehr nah dran.
Ich kann meine Hände nicht mehr spüren. Ich hätte Handschuhe anziehen sollen. Auf dem Weg zum Lieferwagen rutsche ich beinahe aus – der Regen ist zu Eis gefroren. Es ist eisig kalt, und wir stehen immer noch hier und arbeiten, während andere längst in ihren warmen Betten liegen.
Naja, ich habe nie erwartet, dass die Arbeit hier leicht wird. Deshalb bin ich nicht hier.
Unser Teamleiter gibt uns heißen Kaffee aus, und da es wohl noch dauern wird, und ich die Kälte nicht mehr aushalte, trinke ich mehr, als ich sollte. Als die Arbeit endlich geschafft ist, bin ich so aufgeputscht, dass man meinen könnte, ich hätte einen Drink zu viel gehabt. Ich bin hellwach und mein Herz pocht noch von der Arbeit.
Die Musik läuft noch und ich entscheide mich auf dem Heimweg kurz reinzuschauen. Vielleicht ist es ja ein neuer Artist, eine neue Nummer, etwas, das man sehen sollte. Kaum trete ich ins Zelt, umfängt mich eine Welle aus heißer Luft. Der Bass dringt mir bis in die Knochen, obwohl es von draußen gar nicht so laut klang. Die Wärme brennt mir jetzt in den Fingern und ich will hier bleiben – in meinem Wohnwagen ist es längst nicht so warm. In den Duschen vermutlich auch nicht; so spät gibt es nur noch kaltes Wasser.
Ich trete näher an die Manege und sehe, wie sich jemand in der Luft bewegt. Als ich merke, wer, entsteht ein Kampf in meinem Kopf: Renn, geh weg, schnell, bevor er dich sieht gegen Wow...
Noch bevor ich mich entscheiden kann, zieht mich der Anblick in seinen Bann: die Eleganz, mit der er sich bewegt, das Spiel der Muskeln unter der engen Kleidung. Er beugt sich, die Beine in den Tüchern befestigt, kopfüber so nach hinten, dass sein Blick unweigerlich auf mich fällt.
„Shit –" Er fährt so heftig zusammen, dass die Tücher, in denen er hängt schwanken. Seine Augen weiten sich, und für einen Moment wirkt es, als würde er versuchen, mich überhaupt erst als Mensch und nicht als dunkle Gestalt am Eingang zu erkennen. „Scheiße, Josh!" Er flucht weiter, und seine Stimme klingt angespannter, als ich es je von ihm gehört habe. Klar, mitten in der Nacht, wenn man glaubt, allein zu sein, und dann steht einfach jemand da und starrt einen an...
„Sorry." Ich mache einen vorsichtigen Schritt näher. „Ich wollte dich nicht erschrecken."
Er löst seine Beine aus den Tüchern, und für einen Moment bin ich wie gefesselt, unfähig, meinen Blick von ihm abzuwenden. Das schwarze, enganliegende Tanktop zeichnet jede Linie seines Körpers nach, während die lockere Jogginghose lässig auf seinen Hüften liegt.
Okay. Ich sollte wirklich gehen. Ich schaue zurück, als könnte mir das irgendwie helfen. „Ich hab die Musik gehört. Wir haben Getränke verräumt."
Nikita tritt einen Schritt näher und steht mir jetzt direkt gegenüber. Und sein Blick ... Wie ein Löwe, der aus der Manege auf dich zuläuft, ein schalkhaftes Lächeln in den Augen.
Meine Brust zieht sich unangenehm zusammen. Nicht, weil ich irgendetwas bereue. Sondern weil ich Angst habe, noch einmal in dieselbe Situation zu geraten.
Und doch – doch will ich einfach nur einen Moment bleiben. Ich will ihn berühren. Ich will seine Wärme spüren. Stattdessen zwinge ich mich, meine Hände in die Taschen zu vergraben und sie dort zu lassen.
Mein Herz springt aufgeregt in meiner Brust als er mit dem Kragen meiner Uniform zu spielen beginnt, sein Atem auf meinem Gesicht abprallt. Seine Haare sind nass, verschwitzt. Auf seinen Lippen blitzt sein amüsiertes Lächeln auf. „Seid ihr ferti–"
„Ich bin nicht schwul", sage ich und trete instinktiv einen Schritt zurück, als wäre der Abstand notwendig, um mich zu schützen. Nikitas Lächeln bleibt unverändert „Ich ... Ich wollte dich nicht küssen oder so, das war nur ..." Mir fällt keine Erklärung ein. Weil es doch zu offensichtlich ist, dass ich ihn küssen wollte. Aber wenn er das irgendjemandem erzählen würde ... „Mir war kalt."
„Okay", lacht er.
„Ich steh nicht auf dich, oder so." Scheiße. Was mache ich da? Gott verdammt nochmal! Will ich das wirklich tun? Ja. Es ist besser so. Mein Bauchgefühl lügt nicht, und es sagt mir, dass ich das hier einfach nicht kann und niemals können werde. Niemals. Es ist besser so. „Sorry."
„Kein Ding." Er lächelt immer noch. Und ich frage mich, ob ich gerade den größten Fehler meines Lebens begangen habe. Ich meine, der Gedanke wirklich, ernsthaft irgendwann mit ihm Sex zu haben, ist so überwältigend, dass mir die Angstbauchschmerzen bis in die Eingeweide steigen. Wenn es nur irgendwie möglich wäre, dass wir uns einfach ein bisschen ... näher sind. Ab und zu. Ohne mehr.
„Kann ich weiter machen?"
Verwirrt ziehe ich die Augenbrauen zusammen. Wie kann es sein, dass es sich so anfühlt, als hätte er immer noch die Kontrolle über mich in der Hand, obwohl ich ihn gerade abserviert habe? Warum fragt er mich das überhaupt? Er kann doch tun, was er will. „Ja?"
„Alleine?"
Ich schlucke schwer und die Hoffnung, die sich seit Monaten aufgebaut hat zerplatzt in diesem einen Augenblick – und das ist allein meine Schuld. Jap. Ich hab alles kaputt gemacht. Das war's. Mit meiner Freundschaft zu Nikita, sowie alles andere, was ich mir je erhofft habe. Ich habe mich offiziell entschieden, und ich kann nicht einmal ansatzweise in Worte fassen, wie sich das anfühlt. Als hätte mir jemand ein Messer in die Brust gerammt.
Ich drehe mich um und mir steigen heiße Tränen in die Augen, meine Kehle beginnt zu brennen. Ich will nicht gehen. Es ist, als würde ich in die Kälte laufen, während hinter mir ein Feuer brennt, das mich verlockend anzieht. Unerreichbar, unmöglich, zu weit weg, um es jemals erreichen zu können.
Habe ich nicht gerade ihn abserviert? Warum zur Hölle bin ich derjenige, der hier weint?
Draußen schlägt mir die kalte Luft ins Gesicht, und die Tränen, die ich so verzweifelt zurückhalten wollte, brennen auf meinen Wangen. Ich wische sie grob weg.
Das ist es, was ich tun musste, oder? Ich hatte keine Wahl. Und trotzdem – warum fühlt es sich an, als hätte ich nicht nur ihn verloren, sondern auch ein Teil von mir selbst?
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I Chose Sin (Deutsch)
Romantizm„Ich hatte noch nie was mit Nikita." Gelächter, klirrende Gläser. Fast alle trinken - außer mir und meinen Freunden. Nikita wirkt unbeeindruckt, das Feuer taucht sein Gesicht in warmes Rot. Sein Lächeln bleibt ruhig, fast amüsiert, als könnte ihm ke...
