Ein Leben lang hatte sie gedacht, man würde bei seinem Tod ein Licht sehen, doch es war lediglich Dunkelheit, die sie erdrückte.
Als sie die Augen wieder aufschlug, blickte sie in ein Licht und dachte, sie würde noch immer sterben. Dann aber realisierte sie, dass eine Laterne die Lichtquelle war. Vorsichtig sah sie sich in der Dunkelheit um, sie sass in einem kleinen Bötchen, in welchem eine Laterne stand. Um sich herum sah sie weitere kleine Boote, mit einer oder zwei Person besetzt und mit einer Laterne ausgestattet. War das der Tod? Waren sie dazu verdammt, eine Ewigkeit in diesen Schiffchen zu sitzen? Erst jetzt begann sie sich klar zu werden, dass es sein könnte, dass sie gar nicht dort landete, wo sie hinwollte, vielleicht kam sie gar nicht in Davy Jones' Reich.
"Hey, Entschuldigung", sprach sie den Mann im Gefährt neben ihr an, "Wisst Ihr, wo wir hier sind? Ist das Davy Jones' Reich?" Doch er reagierte gar nicht und starrte bloss weiterhin auf die Flamme der Kerze. "Wart Ihr schon immer so schweigsam?", wollte Kaylin weiter wissen, erneut kam keine Antwort. "Na gut, dann eben nicht." Als sie sich ein zweites Mal umsah, merkte sie, dass eigentlich alle Leute ziemlich apathisch da sassen und sich nicht rührten. Nun gut, sie war wohl auch die Einzige, die freiwillig hier war und wusste, dass alles gut wurde. Da fiel ihr auf einmal der Ring an ihrem Finger auf, grinsend nahm sie ihn ab und liess ihn mit Genugtuung ins Wasser fallen. "Ups"
Während der Rest der Überfahrt versuchte sie noch zwei, drei Mal andere Leute anzusprechen, doch entweder sagten sie nichts oder rieten ihr, still zu sein. Wie schon immer war Kaylin froh, als sie Land erkannte. Die Mitreisenden stiegen wortlos aus den Booten, nahmen die Laterne und marschierten alle gemeinsam vom Ufer weg. Unschlüssig sah Kaylin hin und her, sie wusste nicht, ob das der Ort war, wo sie hinmusste, immerhin hatte sie erfahren, dass nicht alle Toten am selben Ort landeten und dass alle diese Menschen von Davy Jones verdammt wurden, konnte sie sich nicht vorstellen. Schulterzuckend griff sie also ihre Laterne und lief am Strand entlang, die Schuhe hatte sie ausgezogen, damit sie in den Wellen gehen konnte.
Fast gleichzeitig mit dem Morgengrauen war die Kerze in der Laterne abgebrannt, also liess sie das schwere, nun unnütze, Ding liegen und ging so weiter. Ihr kam in den Sinn, dass die Grösse der Kerze offenbar berechnet war, dass man die ganze Nacht lang laufen musste, am Morgen am Ziel ankam und die Lichtquelle nicht mehr brauchte. Nun fragte sie sich auch, ob es eine gute Idee war, sich von der Gruppe zu trennen. Weil ihr langweilig war, suchte sie Gedanken um sich abzulenken und fragte sich beispielsweise, wo sie landen würde, ob denn niemand versucht hatte, wieder zurückzuschwimmen oder aus den Überresten von alten Booten ein neues bauen wollte. Immer wenn ihr Zweifel aufkamen, ob sie vielleicht am falschen Ort war, beruhigte sie sich damit, dass die anderen, die sie retten wollten, mit einem Schiff unterwegs waren und am Ufer ankommen mussten. Daher war hier die Chance grösser, dass man sie sah. Obwohl sie keine Leute in der Gegend erwartet hatte, war sie überrascht wirklich niemanden zu sehen.
Nach einer weiteren Nacht, in welcher sie sich für ein paar Stunden hingelegt hatte, begann sie ernsthaft zu glauben, dass sie irgendwie im Kreis gehen musste, weil hier alles gleich trostlos aussah. Bloss Sand und ab und zu ein paar morsche Holzteile, die einmal ein Schiff waren. Plötzlich kam ihr ein anderer Gedanke, vielleicht waren dies alles Schiffe, die vom Kraken angegriffen wurden, was hiess, dass sie irgendeinmal auch die Pearl antreffen müsste. Erleichtert atmete sie aus, sie war hier doch nicht so falsch. Das Einzige was sie verwirrte war, dass hier keine Leute waren, denn wenn ihre Theorie stimmte, müssten hier doch auch Menschen sein. Solche, die sich auf den Schiffen befanden, als der Kraken sie in die Tiefe zog. Kaylin beschloss, die erste Person, die ihr begegnen würde einfach zu fragen, wie sie hier gelandet waren und ob sie eine Idee hatten, wo andere Leute waren. Immerhin konnte sie hier nicht verhungern, denn sonst müsste sie sich auf Essensuche begeben, welche aber eher ergebnislos ausfallen würde. Oder hatte es im Innern des Landes gar Pflanzen? Einmal war sie auf den Hügel, der sich entlang des Ufers zog, geklettert und erkannte bloss hellen Sand, ab und zu ein paar kleine Steine. Es sah noch trostloser aus als am Wasser.
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Descendants of the Sea
FanficJahrelang hat Kaylin einen Verehrer, interessiert ist sie jedoch nicht im Geringsten. Genau genommen kann sie ihn nicht einmal leiden. Ausgerechnet in dieser Zeit passieren Dinge, die ihr Leben für immer verändern werden. Als wäre das nicht genug...