Grauer Nieselregen

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Hagrid seufzte und reichte mir mein Handtuch, in das ich mich sofort fest einwickelte. Es war Mittwochabend. Dünner Nieselregen ließ die Oberfläche des Sees so wirken, als würden abertausende kleine Nadeln ihn aufwirbeln. Kalter Wind rauschte in die Bäume und ließ das Laub, das sich langsam verfärbte erbeben.
„Ich mach mir Sorgen.", murmelte ich.
Hagrid starrte nach draußen aufs Wasser. „'ch merk's. Sie packt das schon. Du kennst sie doch."
„Das Fohlen hat sich glaub ich gedreht, aber wenn sie nicht bald wirft, dann weiß ich auch nicht, was wir noch machen sollen."
„Dann könn'n wir nichts mach'n."
Ich schluckte. Wie ich es hasste nichts machen zu können.
„Willst noch mit n Tee trinken? Dir 's doch sicher kalt."
„Passt schon." Ich nahm meinen Umhang vom Ast einer knorrigen Eiche. Heute hatte sie mir niemand klauen können. Hagrid war die ganze Zeit hier gewesen.
„Na dann. Bis morg'n." Mit seinen üblichen großen Schritten verließ er die Lichtung, damit ich mich in Ruhe wieder anziehen konnte. Mit tauben Händen trocknete ich mich ab und schlüpfte wieder in meine Schuluniform.
Aus den Tiefen meines Umhangs kramte ich meinen Zauberstab und richtete ihn auf meine Haare. Mit dem gleichen Zauber, den Marlene letztes Mal benutzt hatte, trocknete ich die klatschnassen Strähnen nach und nach. Das dauerte jedes Mal eine gefühlte Ewigkeit. Meine Haare waren unfassbar dick, zottig und vor allem lang. Marlene meinte oft, dass sie mich um meine fast schwarze Haarmähne beneidete, wo sie doch nur dünne Flusen hätte, aber meine Haare gingen mir viel zu oft auf den Geist. Ohne den Trocknungszauber hätte ich sie vermutlich längst abgeschnitten, aber so waren sie gefühlt das einzig Schöne an mir.
Mit einem Seufzer steckte ich meinen Zauberstab zurück in meine Tasche und machte mich auf den Weg zum Schloss. Ich war eh schon spät dran fürs Abendessen.

Zum Glück entdeckte ich noch Marlenes Blondschopf, in der nur noch spärlich besetzten großen Halle.
„Und, wie siehts aus?", fragte sie, als ich mich gegenüber von ihr auf die Bank fallen ließ.
Ich schüttelte nur den Kopf und lud mir ein paar, nur noch lauwarme, Kroketten und Brokkoli auf den Teller.
Marlene war schon lange fertig mit dem Essen. Mit bunten Ölkreiden zeichnete sie einen schwedischen Kurzschnäuzler. Dabei wurde auch nicht nur das Papier bunt, sondern unter anderem auch der Tisch und ihre Finger. Schweigend kauend beobachtete ich sie dabei. Vor ihr lag ein Buch aus der Bücherei, mit einem sich bewegenden schwarz-weiß Bild des Drachen. Aber obwohl der Kurzschnäuzler auf dem Bild einfach nicht stillhalten wollte, war Marlenes Zeichnung bis auf die kleinste Schuppe detailgetreu.
Erst, als ich die letzten Reste von meinem Teller gekratzt hatte, sah sie auf.
„Können wir hoch?", fragte sie und ließ die Zeichnung des Drachen in ihrem Skizzenbuch verschwinden. Ich nickte. Die Halle wirkte irgendwie grau, leer und ausgestorben. Das Feuer in den Kaminen war heruntergebrannt und niemand machte sich die Mühe nachzulegen.

Auch die Gänge waren leer. Schweigend stiegen wir die Treppen nach oben, bis ich Marlene leise Murmeln hörte. Ich sah auf. Vor uns, auf dem Weg die Treppe nach unten, liefen niemand anderes als Potter und Lupin. Aber der Anblick von Lupin löste etwas in mir aus. Er sah ungesund aus. Seine Augen waren eingefallen und er wirkte müde und schlapp. Vielleicht hatte er sich was eingefangen. Wahrscheinlich waren sie auf dem Weg in den Krankenflügel. Schnell versuchte ich das leichte Mitleidsgefühl zu verdrängen, was in mir hochkam. Marlenes Blick, den sie den beiden Jungs zuwarf, hätte in sicher 87 Ländern als registrierte Mordwaffe gelten können.
„Hoffentlich verreckt er.", knurrte Marlene, kurz bevor wir den Gemeinschaftsraum erreichten.
„Marlene."
„Ja, ist doch so."

Endlich oben im Bett wickelte ich mich fest in meine Decke. Mein Kopf wollte nicht so wirklich einschlafen. Schon gar nicht, als knapp eine Stunde später der Rest der Ravenclawmädchen aus unserem Schlafsaal ins Bett ging und mehr Lärm verursachte als eine Horde Guhls. Aber als auch die endlich in ihre Betten gefunden hatten, dämmerte ich nach und nach in einen leichten Schlaf über.

Eine Art hohes Quietschen ließ mich aus dem Schlaf schrecken. Es war leise, als wäre es weit entfernt. Wie eingefroren starrte ich an den blauen Baldachin meines Bettes. Da war es wieder. Das war kein Quietschen. Das war ein Wiehern. Ein schreiendes Wiehern.
Ich fuhr hoch und stolperte zum Fenster. Fast schon panisch riss ich die Vorhänge zur Seite. An den Stellen, an denen sich der Vollmond durch die Wolken kämpfen konnte, schoben sich silbrige Lichtflecken über die Schlossgründe. In einem dieser Lichtflecken am Seeufer stand ein Pferd. Ein großes schwarzes Pferd, dass zu mir nach oben zum Fenster starrte.
Dunar.
Das Fohlen kam.

Kelpie || HP/Rumtreiber FFGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt