Erin und Yule Winter waren ein ungewöhnliches Paar. Iduna hatte einmal gesagt, dass sie sich vermutlich nur kennengelernt hatten, weil sie irgendwo frontal ineinander gekracht waren. So verträumt und nachdenklich, wie sie beide durch die Welt gingen, hätten sie einander sonst vermutlich nie bemerkt.
Yule war damals mit 16 von Zuhause abgehauen. Sie hatte keine Lust mehr auf den ewigen Drill und die Disziplin der französischen Schule Beauxbaton gehabt und hatte sich kurzerhand dazu entschlossen, dass sie lieber Abenteuer erleben würde. So hatte sie schließlich mit 17 ihren Abschluss in Hogwarts gemacht. Mit Dad verhielt es sich ähnlich. Gandpa hatte ihn unbedingt zu einer Stelle im Zaubereiministerium überreden wollen, aber Dad hatte sich nicht kleinbekommen lassen. Sieben Jahre hatten sie nicht miteinander geredet, bis Iduna auf die Welt kam. Erst da haben meine Großeltern wohl eingesehen, dass man keine Stelle im Ministerium braucht, um ein glückliches Leben zu führen und eine Familie zu haben.
„Wo hast du denn deine Schwester gelassen?", fragte Mum, nachdem sie sich von mir gelöst hatte.
„Ich glaub, die ist oben.", erwiderte ich und hängte ihren Mantel an den verbogenen, rostigen Nagel in der Wand.
Dad knackte mit den Knöcheln und grinste. Das Knöchelknacken war eine Eigenschaft, die ich mir zu Mums Leidwesen von ihm abgeschaut hatte. „Na, dann geh ich sie mal holen. Willst du so lange die Ponys reinholen? Die warten sicher schon auf dich."
Ich nickte und schlüpfte wieder in meine Schuhe.
Draußen war der Schnee dichter geworden. Ich wickelte mich eng in meinen Trenchcoat und stapfte durch den Schnee zum kleinen Stall, der sich direkt an unser Haus anschloss. Unter dem kleinen Vordach angelte ich mir einen Strick von der Bank und machte mich auf den Weg zur Weide. Der Weg war nicht weit, aber dank des Schnees, der mir vom Wind beharrlich ins Gesicht gepeitscht wurde, kam er mir mindestens doppelt so lang vor.
Mit steifen Fingern schob ich schließlich den Riegel am Gatter zurück. Als ich mir zwei Finger in den Mund steckte, um zu pfeifen wunderte es mich schon, dass meine Zunge nicht an ihnen festfror. Der Pfiff gellte über die Weide.
Wenige Sekunden später tauchten drei dunkle Silhouetten aus dem Schneetreiben auf. Drei gerade-noch-so-Ponys erreichten schnaubend das Gatter. Zielsicher hakte ich den Strick in das Halfter der Stute Myna ein. Noro und Willy, die beiden Wallache, würden ihr folgen. Der Schnee lag dick auf ihren zottigen Winterpelzen und ließ die drei Tinkermischlinge weiß wirken. Alle drei waren Weideunfälle gewesen und waren absolut verwahrlost gewesen, als Mum und Dad sie bei einem Straßenhändler in Inverness geschenkt bekommen hatten. Alle miteinander waren sie Geschenke des Himmels. Selten in meinem Leben hatte ich so sanfte und liebevolle Pferde kennengelernt.
Durch den Schnee ging es über die verlassenen Feldwege am Waldrand entlang wieder zurück nach Hause. Jetzt pfiff der Wind von hinten, was immerhin nicht ganz so unangenehm war, wie von vorne.
Erleichtert ließ ich die Ponys schließlich in ihre Boxen laufen und schob ihnen das Heu für die Nacht hin. Ich hatte wenig Lust, drinnen Iduna zu begegnen, also schnappte ich mir eine der Wurzelbürsten und bürstete den Ponys einem nach dem anderen den Schnee aus dem Fell. Myna hatte eine Box alleine, während sich die beiden Wallache eine große teilten. Mehr Platz war in dem kleinen Stall auch nicht. Rechts neben der Tür stapelten sich Heu- und Strohballen. Links von der Tür, an der Wand zum Haus, war die Box von Myna, daneben die von Willy und Noro, die ursprünglich aus zwei Boxen bestanden hatte. Der Rest des Stalls diente als Werkstatt meiner Eltern.
Langsam waren die ursprünglichen Farben der Ponys wieder zu erkennen. Willys braun-weißes Scheckenmuster zum Beispiel. Hätte er keine glatte Mähne gehabt und wäre er nicht so schmal gewesen, hätte man ihn glatt für einen Tinker halten können. Noro hatte zwar eine lockige Mähne, ihm waren dafür aber die Flecken verwehrt geblieben. Sein Fell war vollkommen dunkelbraun, als hätte man ihn in dunkle Schokolade getaucht.
Myna, mit ihrem Senkrücken und den hellblauen Augen war die ungewöhnlichste von den dreien. Zwar war auch ihr Fell gescheckt, aber vor allem war ihr Behang zweifarbig und ein schwarzer Aalstrich zog sich über ihren eingefallenen Rücken.
Wir konnten uns glücklich schätzen, dass wir sie hatten. Kein Pferd, das für große Turniere und Leistungssport gezüchtet worden war, würde jemals an diese drei herankommen.
Mit einem Seufzen schob ich die Tür schließlich hinter mir zu und machte mich wohl oder übel wieder auf den Weg nach drinnen.
Wärme und der Duft nach Gemüsesuppe schlugen mir entgegen, als ich mich durch die Tür geschoben hatte. Mum rührte in einem dampfenden Topf, der auf der Herdplatte vor sich hinbrodelte. Ihr Blick wanderte zu mir.
„Da bist du ja. Dad wollte dich schon suchen gehen.", begrüßte sie mich und nickte zu Dad, der gerade die Treppe nach unten kam.
„Willst du deine Sachen noch vor dem Essen schnell auspacken? Dein Koffer steht mitten im Flur.", fragte er, während er die Teller aus dem Schrank auf den Tisch schweben ließ.
Ich nickte. Oben im Gang nahm ich meinen Koffer auf und öffnete meine Zimmertür. Wie zu erwarten hatte sich nichts verändert, außer, dass sich eine dünne Staubschicht über die Möbel zog. Naja, über die fünf Möbelstücke, die ich besaß. Das Zimmer war nicht groß, also hätte mehr hier auch keinen Platz gefunden. Unter der Dachschräge stand mein Bett, was leider schon seit 16 Jahren dafür sorgte, dass ich mir regelmäßig den Kopf anstieß.
Die Wände und jede freie Fläche waren vollgehängt mit Postern und Bildern von Tierwesen. Sich bewegende und starrte. Manche schwarz und weiß, manche sogar bunt. Manche besuchten sich gegenseitig, andere konnten sich nicht leiden.
Obwohl ich wusste, dass ich es eigentlich nicht durfte, zog ich meinen Zauberstab und mit einem Schwung verschwand die dünne Staubschicht. So sah es doch schon besser aus! Schnell stopfte ich den Inhalt meines Koffers in den Kleiderschrank, sagte dem Poster des Knarls guten Tag und machte mich dann wieder auf nach unten, wo der Rest unserer kleinen Familie schon am Tisch saß.
„Wo ist eigentlich Wanya?", fragte Iduna, während sie ihre Scheibe Weißbrot in die Suppe tunkte.
„Trägt Weihnachtspost aus.", antwortete Dad knapp. „Wie geht es Dunar? Macht er sich gut, so als junger Vater?", wandte er sich an mich.
„Ganz gut.", erwiderte ich mit einem Schulterzucken.
Mum seufzte. „Wir müssen morgen wieder das Eis auf dem See aufbrechen, damit Arma ihren Trank bekommt. Das mit ihrer Pelzfäule wird nicht besser. Du hilfst mir doch, oder?"
Ich nickte. Iduna sagte nichts mehr und starrte nur stumm ihre Suppe an. Einmal mehr fragte ich mich, ob wirklich alles mit ihr in Ordnung war.
Wanya ließ sich erst am nächsten Morgen wieder blicken. Ziemlich struppig und zerrupft wirkend zog sie sich beleidigt in Idunas Zimmer zurück. Aber auch meine Schwester ließ sich nicht viel blicken. Den ganzen Samstag, während ich die Ponys, jetzt zum Glück nicht mehr im Schneesturm, auf die Weide brachte, Dad half, Arma ihren Trank zu geben und mit Mum das Abendessen vorbereitete und das Haus schmückte, blieb sie die meiste Zeit alleine in ihrem Zimmer. Erst abends, als ich die Socken über dem Kamin aufhängte, kam sie nach unten. Aber auch beim Abendessen blieb sie recht still. Sie wirkte blass, müde und fast schon kränklich. Ihre Augen waren glasig und gerötet, als hätte sie geweint. Weder Mum noch Dad schien es aufzufallen.
Stumm starrte ich am Weihnachtsabend auf die Holzwand, die ihr Zimmer von meinem trennte. Ging es ihr wirklich so gut, wie es in Hogwarts immer schien? Möglichst leise presste ich mein Ohr an die Wand. Ihr Bett stand genau auf der anderen Seite. Ein gedämpftes Schluchzen drang durch das Holz. Iduna weinte.
In dem Moment war ich zu feige, um sie zu trösten. Um einfach zu ihr zu gehen und ihr wenigstens etwas vom Leid abzunehmen. Stattdessen lag ich alleine in meinem Bett und fragte mich, was ich nur falsch gemacht hatte.
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Kelpie || HP/Rumtreiber FF
Fanfiction„Weißt du, machmal will ich einfach keine Hexe mehr sein. Ich wäre lieber einer von ihnen." ▪︎▪︎▪︎ Das sechste Schuljahr der Rumtreiber beginnt und natürlich nicht nur für sie. Auch für ihre Stufenkameradin Freya. Für sie, wie immer nur purer Stress...
