Mein ewiger Gedankensalat hielt mich noch lange wach. Dementsprechend müde war ich am nächsten Morgen, an dem ich zu dem noch darauf achten musste, ja nicht Black über den Weg zu rennen. Natürlich war das so gut wie unvermeidbar. Jedes mal wenn ich seine zottigen, schwarzen Haare oder seine Augen, die in etwa die Farbe eines Steins hatten und nicht, wie Marlene früher immer gesagt hatte, strumgrau waren, versuchte ich jedes Mal, erstes nicht zu kotzen und zweitens, ihn möglichst nicht anzusehen. Die fehlenden Stunden Schlaf konnte ich immerhin spätestens in den zwei letzten Stunden Geschichte der Zauberei nachholen. Es hatte auch Vorteile, das Mädchen in der Klasse zu sein, von dem die Lehrer nicht mehr wirklich viel erwarteten. Vor allem Professor Binns zog es mittlerweile nicht ein mal mehr in Erwägung, mich überhaupt aufzurufen und das, wo er das ohnehin auch nicht mit anderen Schülern tat.
Marlene war es schließlich, die mich aus meinen Träumen reißen musste.
„Man sieht den Abdruck von der Naht in deinem Gesicht.", grinste sie, während wir nach draußen auf die Schlossgründe liefen.
Ich zog mir die Kapuze meines Umhangs über, damit der Regen meine Haare nicht komplett durchnässte. „Und?"
„Sieht niedlich aus."
„Ich geb dir gleich niedlich.", murrte ich und rieb mir den Rest des Schlafsandes aus den Augenwinkeln.
„Du bist ja schlimmer, als eine alte Katze, wenn sie geweckt wird." Marlene schüttelte den Kopf.
Schließlich tauchten wir in das halbdunkel des Waldes ein. Meine Freundin hielt den Becher mit den Holzläusen in den Händen. Hier kam der Regen zum Glück nicht ganz so stark durch, dafür platschte er in dicken Tropfen von den wenigen, verbleibenden Blättern und auf den Boden. Beziehungsweise einem auf den Kopf, wenn man ungünstig stand.
„Wahnsinnig viel Zeit haben wir nicht mehr.", sagte ich und setzte die Bowtruckles einen nach dem anderen in Marlenes Innentasche ihres Umhangs.
„Das geht schon noch. Sie hob den Niffler vom Boden auf und zog ihren Umhang über ihn, sodass man von Weitem denken könnte, sie würde eine Katze tragen. Der Kniesel folgte uns bei Fuß, wie wir so wieder nach oben zum Schloss zogen. Den Kniesel konnte man immerhin wirklich für eine Katze halten und seine Schlauheit würden wir uns jetzt zunutze machen. Mithilfe von Skizzen und dem Laufen von ähnlich langen Wegen hatten wir ihm versucht zu erklären, wo genau er die anderen hinführen musste. Blieb nur zu hoffen, dass er sich nicht im Schlafsaal irren würde und stattdessen die Schubladen der Siebtklässler ausräumen würde.
„Du packst das." Ich kraulte dem Kniesel noch ein Mal über das Kopffell bevor sich unsere Wege trennten. Marlene würde über Umwege zu Porträtloch des Gryffindor-Gemeinschaftsraumes gehen und ich in die Bibliothek. Leider. Eigentlich hätte ich gerne auf dem Absatz umgedreht und wäre verschwunden, aber das konnte ich jetzt nur noch schlecht. Also, Augen zu und durch.
Beziehungsweise, in die Bibliothek. Durch die Reihen mit den verstaubten Büchern und nach hinten zu dem kleinen, einsamen Tisch, an dem Marlene und ich meistens unsere Zeit in der Bibliothek verbrachten. Vor allem, da das Regal mit den Büchern über Tierwesen fast direkt daneben stand.
Ich ließ mich also auf meinen Stuhl fallen und wartete. Gut, dass Lupin nicht vor mir hier gewesen war. Hätte er sich auf meinen Stuhl gesetzt, hätte ich vermutlich eine innere Explosion überspielen müssen. Unruhig fuhr ich mit meinen Fingerkuppen über die Maserung des Holzes der Tischplatte. Hoffentlich würde Marlene lange genug warten, dass sie sie nicht noch erwischten. Wenn Marlene wegen mir am Ende auch noch nachsitzen musste, dann würde ich mir das nicht wirklich verzeihen können.
Der Zeiger der Uhr, die ich von hier aus gerade noch hoch an der Wand erkennen konnte, rückte immer näher in Richtung der Sechs. Zwei Uhr achtundzwanzig. Zwei Uhr neunundzwanzig. Zwei Uhr dreißig. Zwei Uhr einunddreißig.
Lupin war zu spät. Nervös knackte ich mit den Fingern. Doch ich musste nicht mehr lange warten. Eine halbe Minute später wurde der Stuhl vor mir zurückgezogen.
Mehrere Dinge fielen mir sofort auf. Marlene hatte recht gehabt. Er war nicht alleine da. Natürlich, es sah so aus, als wäre er alleine hier, aber er zeigte das Verhalten eines Herdentiers. Sein Blick wanderte immer wieder zu dem Regal, hinter dem ich den Rest seines Gefolges vermutete. Auch seine Ohren waren teilweise dorthin fixiert. Vielleicht sollte ich aufhören, das Verhalten meiner Mitmenschen wie das eines Tierwesens zu analysieren.
Lupin wirkte nervös. Seine sonst eigentlich recht wirren Haare, die eine nicht wirklich identifizierbare Farbe zwischen braun und blond hatten, wirkten frisch gekämmt. So wie ich oft mit dem dünnen Lederarmband um meinen Arm spielte, wenn ich nervös war, öffnete und schloss er den Knopf seines linken Ärmels.
„Ähm. Hi.", eröffnete er rhetorisch geschickt das Gespräch.
„Hi.", antwortete ich, ebenfalls sehr geistreich.
„Du... Siehst hübsch aus.", stotterte er.
Ich verkniff mir, die Augenbrauen zu heben. Meine Haare waren zottig und noch feucht vom Regen und meine Krawatte hing ein paar Zentimeter zu tief. Aber gut. Ansichtssache.
„Danke. Ebenfalls." Einen Moment lang konnte ich mich tatsächlich dazu bringen, ihm in die Augen zu sehen. Seine hellbraun, meine fast schwarz.
„Du wolltest dich mit mir treffen?", fragte er. Sein Blick huschte wieder zum Regal. Es hätte mich nicht gewundert, wenn er angefangen hätte, seine Ohren in die Richtung zu drehen.
„Ja. Ich..." Scheiße vielleicht hätte ich mir vorher ein Gesprächsthema überlegen sollen. „Weißt du, ich..."
„Ich glaube, ich weiß, was du sagen willst.", unterbrach er mich.
Jetzt hob ich wirklich die Augenbrauen. Tat er das?
„Ich hätte eigentlich schon viel früher mit dir reden sollen. Aber ich hab mich einfach nicht getraut, aber jetzt kann ich ja-"
„Vollmond." Mehr sagte ich nicht, aber es stoppte seinen Redefluss sehr abrupt.
„Du hast... Also...", stammelte er.
Ich sammelte meinen Gedanken einen Moment. „Lupin. Ich arbeite mit Tierwesen seit ich denken kann. Natürlich ist mir das aufgefallen."
„Ich hab gedacht, du hättest es vielleicht einfach vergessen. Das im Wald."
Meine Gedanken wanderten zu meinem nach wie vor etwas schmerzenden Bein. Wie hätte ich es bitte vergessen können?
„Ich wollte dir meine Hilfe anbieten. Vielleicht hast du dann weniger Angst vor dir selber und es hilft dir für dein Leben.", sagte cih dann langsam.
Er tippte mit den Fingernägeln auf den Tisch. Auch seine Finger trugen Narben. Ebenso wie meine. „Weißt du Freya", fing er langsam an. Ich stutze. Es war das erste Mal, dass er mich mit meinem Vornamen ansprach. „Ich kann mich nie wirklich an die Vollmondnächte erinnern. Nur verschwommene Fetzen. Und dann kam die letzte. Und ich konnte mich an eines ganz klar erinnern. Dein Gesicht."
Er stockte und rang mit den Händen. Jetzt vermied auch er den Blickkontakt und starre auf den Tisch.
„Weißt du, wie viel Angst mir das gemacht hat? Ich hab gedacht, ich hätte dich gebissen. Hätte ich dich gebissen, wäre ich vom Astronomieturm gesprungen." Den letzten Satz sagte er sehr bedächtig, als würde er sich jedes Wort zurechtlegen.
„Aber das hast du nicht. Du bist einen Moment lang im Kopf wieder ein Mensch gewesen. Es hat alles geklappt."
„Du hast das geplant?"
Ich biss mir auf die Zunge. „Teilweise."
„Du bist Lebensmüde."
„Ich weiß." Erst jetzt fiel mir auf, dass er seine Gryffindorkrawatte spiegelverkehrt gebunden hatte. War er Linkshänder?
„Das war kein Kompliment." Das Schmunzeln in seinen Worten war unüberhörbar.
„Ich nehm es mal als eines.", antwortete ich schulterzuckend.
Er lachte leise. „Mach das nicht mehr. Ich bin ein Monster. Ich könnte dich töten, wenn du bei Vollmond zur falschen Zeit am falschen Ort bist."
Ich schnaubte. „Du bist kein Monster. Menschen sagen, Drachen wären Monster, aber sie sind einfach missverstanden. Kein Tierwesen ist von Grund auf böse, wir sind einfach nicht in der Lage, sie zu verstehen."
„Du klingst wie Hagrid.", sagte er mit einem Kopfschütteln.
„Hast du was gegen Hagrid?" Meine Augen verengten sich zu messerscharfen Schlitzen.
„Nein. Natürlich nicht, aber wie kannst du glauben, dass ich als Werwolf nicht gefährlich wäre?", wehrte er ab.
„Weil kein Tierwesen ein Monster ist. In jedem Tierwesen steckt etwas Gutes, so wie in jedem Menschen etwas Gutes steckt. Du kannst nicht sagen, dass ein Tier böse ist, nur weil du es nicht verstehst. So funktioniert die Welt nicht und so funktioniert das Leben nicht."
„Schön gesagt."
Ich zuckte nur wieder mit den Schultern, aber spürte, wie meine Ohren heiß wurden.
„Aber bitte. Geh nicht wieder in den Wald, wenn ich ein Werwolf bin. Nächstes mal geh ich eh an einen anderen Ort. Dich noch einmal dem Risiko auszusetzen ein Werwolf zu werden... Nein."
„Dann sag deinen Freunden- Sag Black, Andere in einer extremen Situation zu belästigen ist ziemlich widerlich.", lenkte ich plötzlich vom Thema ab.
Lupin schien sofort zu merken, was ich meinte. „Du verstehst das nicht. Er wollte dich nur beschützen. Er wollte nur sichergehen, dass es dir gut geht.", verteidigte er seinen Freund.
„ich brauch niemanden, der mich beschützt. Hätte Potter es nicht versucht, dann hätte ich den Werwolf in dir vielleicht zähmen können. Ich brauche niemanden, der meint mein Beschützer sein zu müssen. Schon gar nicht, wenn diejenigen mir das Leben seit Jahren zur Hölle gemacht haben.", fauchte ich.
Schon als ich aufstand und aus der Bibliothek lief bereute ich meine Worte. Der Blick hinter das Regal brachte kein Ergebnis. Dort stand niemand, nur Staub wirbelte merkwürdig durch den Gang und ich hatte das merkwürdige Gefühl, ein Demiguise wäre in der Nähe.
Ich hätte Lupin nicht so anfahren sollen. Trotzdem setzte ich meinen Weg aus der Bibliothek und nach draußen in den strömenden Regen fort. Hoffentlich hatte ich Marlene genug Zeit verschafft.
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Kelpie || HP/Rumtreiber FF
Fanfic„Weißt du, machmal will ich einfach keine Hexe mehr sein. Ich wäre lieber einer von ihnen." ▪︎▪︎▪︎ Das sechste Schuljahr der Rumtreiber beginnt und natürlich nicht nur für sie. Auch für ihre Stufenkameradin Freya. Für sie, wie immer nur purer Stress...
