Weihnachtstag

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Mit der Kette um den Hals und angezogen ging ich schließlich nach unten, um immerhin schon mal das Frühstück vorzubereiten. Sowohl für uns, als auch für die Ponys. Langsam schob sich die Sonne über den Horizont, also konnte es nicht mehr lange dauern, bis auch der Rest der Familien seinen Weg nach unten finden würde.
Ungeduldig schürte ich den Kamin zumindest wieder an und betrachtete die Socken eingehend von unserem flickenreichen Sofa aus. Was wohl dieses Jahr dabei sein würde? Erfahrungsgemäß nicht viel, aber man freute ich eben über die kleinen Dinge. Wer brauchte schon dreißig Federkiele und zwanzig verschiedene Siegel, wenn man jeweils eines hatte, was gut funktionierte? Geld war eben nicht alles im Leben.

Zum Glück musste ich nicht lange warten. Um halb Neun fanden auch Mum und Dad endlich den Weg nach unten und Iduna gerade ein mal fünf Minuten später.
„Na dann. Frohe Weihnachten!", verkündete Dad und drückte jedem von uns einen Kuss auf den Scheitel.
Andächtig nahm ich meinen Socken vom Haken und leerte den Inhalt vorsichtig auf meine Schenkel. Ein Schokofrosch von Iduna. Mehr als ich mir hätte wünschen können. Letztes Jahr hatte ich ein leeres Tintenfass bekommen.
Von Grandpa und Grandma eine Karte mit einem Gutschein für einen von Grandma gestrickten Pullover, den Mum hinter dem Sofa hervorholte. Dunkelblau mit einem braunen Streifen, wie ich ihn seit meinem ersten Jahr in Hogwarts jedes Jahr eine Nummer größer bekam. Für Iduna ebenso, nur in den Farben von Gryffindor.
Immerhin freute sich meine Schwester über die Schachtel mit Berty Botts Bohnen ebenso, wie sich Mum und Dad über ihr jeweiliges Paar Wollsocken freuten.

Am Ende blieb nur das in Zeitungspapier gewickelte Päckchen von Mum und Dad, ebenso wie bei Iduna. Vorsichtig riss ich das Zeitungspapier auf. Zum Vorschein kam ein Buch, dessen Cover ein Drachen zierte.
„Ist das-?" Ich strich andächtig über das Cover.
„Die neue Ausgabe. Ganz genau." Dad lächelte.
„Aber die ist doch sicher total teuer gewesen!" Entsetzt ließ ich meinen Blick über die Rückseite wandern, doch das Preisschild war in weiser Voraussicht entfernt worden.
„Wir haben eben ein bisschen gekratzt." Dad zuckte die Schultern und schloss mich in die Arme.
Neben mir hatte Iduna ihr Päckchen ausgewickelt. Zum Vorschein kam ein dünnes Lederarmband mit einer eingeprägten Schutzrune, wie ich schon seit Jahren eines hatte. Mum machte sie in ihrer freien Zeit selber.
„Danke.", sagte sie etwas gequält lächelnd.
In der Morgensonne, die durch das Fenster fiel wirkte sie blass. Fast schon grünlich. Ihre Lippen hatten einen blauen Schleier und ihre Mundwinkel waren trocken und eingerissen. Mum und Dad schien es nicht aufzufallen. Eher schienen sie etwas gekränkt, dass sie sich nicht wirklich freute.

Der Tag verging wie im Fluge. Ehe ich es mich versah, war es Abend und Dad begutachtete den Truthahn, der im Ofen vor sich hinsaunierte.
„Iduna! Freya! Geht ihr noch die Ponys holen, bevor es Abendessen gibt!", rief er die Treppe nach oben.
Ich klappte das Buch über Tierwesen zu und rutschte von der Eckbank, um meine Schuhe wieder anzuziehen. Iduna folgte wenig später. Die Sonne war schon fast ganz untergegangen. Nur ein dünner Streifen helles blau erleuchtete den Horizont.
Schweigend liefen wir nebeneinander durch den tiefen Schnee zur Koppel. Der Schnee dämpfte die Geräusche und es schien, als würde die Welt den Atem anhalten.

Mein Pfiff ließ Iduna ungewöhnlich heftig zusammenzucken.
„Willst du dich draufsetzen?", fragte ich sie eher ironisch während ich den Strick in Mynas Halfter einhängte.
Wider Erwarten nickte sie und kletterte mithilfe des Gatters auf den Rücken der Stute. Iduna wirkte kraftlos. Sie vergrub ihre Hände in Mynas Mähne und schien kurz vor der Ohnmacht zu sein. Ich widerstand dem Drang, sie wie ein kleines Kind, das noch nie auf einem Pony gesessen hatte, festzuhalten.
Kraftlos ließ sie sich im Stall von Mynas Rücken ins Stroh fallen. Es war fast ganz dunkel hier drinnen, nur der Schein einer magischen Lampe, die an dem Pfosten in der Mitte des Stalls hing, ließ mich erahnen, dass Myna vorsichtig meine Schwester abschnupperte, die sich sitzend an die Abtrennung der Boxen gelehnt hatte.

Besorgt kletterte ich über das Boxentor zu ihr und ließ mich neben sie ins Stroh sinken.
„Hey. Alles okay?", fragte ich sie leise. Eigentlich brauchte ich gar nicht zu fragen. Es war offensichtlich, dass es ihr schlecht ging.
Ich spürte sie neben mir beben. Meine Gadankenblockade mühsam überwindend legte ich einen Arm um ihre Schultern und zog sie zu mir. Sie fiel kraftlos gegen meine Schulter. Das Beben verstärkte sich. Sie weinte. Sie versuchte zwar, es zu unterdrücken, aber sie weinte bittere Tränen der Verzweiflung.
Ich schloss sie fester in den Arm und versuchte, ihr so viel Halt zu bieten, wie ich konnte. Es dauerte eine Weile, die ich einfach nur im dunklen Stall die fressende Silhouette mit Senkrücken vor mir anstarrte, bis sie wieder sprechen konnte.
„Ich hasse es.", krächzte sie. Ich antwortete nicht, sondern hielt sie nur weiter fest, während ihre Tränen in meinen Trenchcoat tropften. „Ich hasse alles. Jede Sekunde."
„Hier?", fragte ich und strich ihr über die Haare, die gar nicht mehr ordentlich und gepflegt wirkten.
„Hogwarts."
Ich versuchte meine Überraschung zu verbergen, aber sie schien es doch zu merken.
„Komisch, oder? Wo doch da alles so perfekt scheint." Sie schluckte.
„Ansichtssache.", murmelte ich.
„Mein ganzes Leben in Hogwarts ist eine einzige Lüge.", flüsterte sie. Ich antwortete wieder nicht. „Ich hab ihnen gesagt, dass Dad im Ministerium arbeitet und Mum bei der Hexenwoche."
„Aber das stimmt doch gar nicht.", erwiderte ich langsam.
Sie schnaubte schwach und richtete sich wieder etwas auf. „Blitzmerker. Am Anfang fanden es alle toll. Wie hätte ich ihnen nach einem Jahr Lügen sagen sollen, dass meine Eltern Freaks sind, die Tierwesen bändigen?" Sie schien ihre Stimme wiedergefunden zu haben. Trotzdem klang sie schwach und kratzig. „Alles bröckelt. Wenn sie das herausfinden, dann bin ich tot. Tot und alleine."
Ich schluckte. Sie hatte ihr Leben in Hogwarts auf Lügen aufgebaut? War sie nur deshalb so beliebt? „Aber warum?"
Iduna sagte nichts. Eine ganze Weile lang. „Du merkst das nicht. Du merkst nicht, wie viel lieber Mum und Dad dich haben."
„Das stimmt doch gar nicht!"
„Doch. Das stimmt. Und du weißt es. Und weißt du was? Ich kann sie verstehen. In Hogwarts bist du der Freak. Hier bin es ich. Nur bist du immer du selber. Ich lebe in beiden Welten eine Lüge."
Ich spürte, wie sie wieder anfing zu beben.
„Hast du das deshalb gesagt? Dass du nicht mehr meine Schwester bist?"
Sie schluchzte heftiger. „Es tut mir leid.", hauchte sie. „Ich hatte solche Angst, dass alles auseinanderbricht, aber ich hab alles zerbrochen. Freya, es tut mir so leid. Ich wollte das nicht."
Ich hielt sie weiter fest. Und im Gegensatz zur Entschuldigung der Rumtreiber glaubte ich ihr von ganzem Herzen.
„Es gab Zeiten, da wollte ich es wirklich so.", sagte Iduna leise. „Ich habe wirklich gehofft, dass du dich einfach in Luft auflöst. Und ich schäme mich dafür, überhaupt daran gedacht zu haben."
„Ist schon okay.", flüsterte ich.
„Nein, ist es eben nicht. Ich hab auch immer gehofft, dass er sich ändert." Sie löste ich etwas von mir.
„Wer?", fragte ich etwas irritiert.
„Erinnerst du dich noch an die alten Sagen, die Mum uns immer erzählt hat? Mit den Göttern?" Ich nickte langsam. Aber was hatte das mit meiner Frage zu tun? „Mit Freya und ihrem Wagen? Mit den Katzen?"
Sie zog zittrig ihren Zauberstab und schloss die Augen. Sie schien sich einen Moment zu sammeln, bevor sie die Augen wieder öffnete.
Expecto Patronum."  Aus der Spitze ihres Zauberstabs drang hellblaues Licht, dass sich nach und nach verdichtete. Eine Sekunde später jagte eine norwegische Waldkatze durch den dunklen Stall. Tränen sammelten sich in meinen Augen. Ich hatte Idunas Patronus nie gesehen.
„Jeden Abend habe ich auf dem Klo gesessen und gehofft, dass er sich ändert. Ich hab es so gehofft, aber es ist nie passiert. Ich hätte nicht mal daran denken dürfen. Ich bin die schrecklichste Schwester, die man sich vorstellen kann." Ihr Kopf landete wieder auf meiner Schulter und ihr Zauberstab im Stroh. „Es tut mir so leid."
Stumm hielt ich sie einfach nur fest, während sie Tränen der Schuld und Verzweiflung weinte.

Kelpie || HP/Rumtreiber FFGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt