„Ich hatte zu tun!"

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Bis zum Ende der sechsten Stunde vegetierte ich mehr oder weniger vor mich hin. Schon nach der dritten Stunde war meine Konzentration absolut im Keller. Vielleicht hätte ich doch noch einen Tag länger in Krankenflügel bleiben sollen.

Zusammen mit Marlene stand ich schließlich oben am Treppenabsatz und sah zu, wie grüppchenweise Schüler zum Mittagessen liefen. Stumm starrte ich in das dunkle Loch, das hinab zu den Kerkern führte. Ich hatte die Kapuze meines Umhangs über meinen Kopf gezogen, in der Hoffnung, dass mich niemand als den Pseudowerwolf erkennen würde. Tat zum Glück auch kaum jemand. Manchmal waren Menschen doch wie Tiere, wenn es ums Fressen ging.
Gerade, als ich Marlene fragen wollte, ob sie sich wirklich sicher war, dass Iduna Zaubertränke hatte, sah ich ihren Blondschopf die Treppe nach oben kommen. Vermutlich hätte ich sie alternativ auch an ihrem Schülersprecherabzeichen erkennen können. So sehr, wie das im Schein der Fackeln blitzte, polierte sie es vermutlich jeden Abend auf Hochglanz.
Ungeduldig wartete ich, bis sie das obere Ende der Treppe erreicht hatte, aber bevor ich auch nur ihren Namen sagen konnte, kam Marlene mir zuvor.
„Iduna!" Ihre Stimme klang für ihre Verhältnisse erstaunlich scharf. Und sie zeigte ihre Wirkung.
Anders als bei mir reichte dieser eine Ausruf vollkommen aus, um ihre Aufmerksamkeit auf uns zu ziehen. Idunas Kopf schnellte herum. Ohne ein weiteres Wort nickte Marlene in meine Richtung, als Zeichen, dass ich mit ihr sprechen wollte.
Ich konnte förmlich sehen, wie sie mental ihre blauen Augen, um die ich sie teilweise doch beneidete, verdrehte. Widerwillig löste sie sich aus der Taube ihrer Freunde und kam mit schnellen Schritten in unsere Richtung.

„Was ist?", fragte sie und warf einen Blick zurück zu ihrer Freundesgruppe. Mit einer Geste beutete sie ihnen, dass sie warten sollen. Die Namen ihrer Freundinnen konnte ich mir nie merken. Mitterweile hatte ich sie Pippi Langstrumpf eins bis fünf und Tommy eins und zwei getauft.
Ich nahm einen tiefen Atemzug. „Ich wollte Mom und Dad heute Nachmittag noch schreiben. Soll-" Ich musste schlucken. „Soll ich noch was von dir mit reinschreiben?"
Sie seufzte resigniert und fuhr sich durch die Locken. „Nein. Das hättest du mich auch wann anders fragen können."
Marlene neben mir versteifte sich. Das konnte ich förmlich spüren. Iduna wandte sich um, um wieder zu ihren Freunden zu gehen. Pippi 3 tippte ungeduldig mit ihrer Schuhspitze auf den Steinboden.
„Iduna.", sagte ich noch schnell.
„Was?!", sie drehte sich wieder um. Ihr Ton war jetzt nicht mehr müde oder gestresst wie vorhin, sondern eindeutig angepisst. „Hör zu, es tut mir leid, dass ich dich nicht im Krankenflügel besucht habe! Ich hatte zu tun!"
„Darum geht's mir doch gar nicht. Du wirkst total gestresst." Ich knackte unruhig mit meinen Fingerknöcheln. „Wenn was ist, ich bin für dich da, okay?"
Idunas Blick wanderte einen Moment zwischen ihrer Villa-Kunterbunt-Truppe und mir hin und her, als müsste sie wählen. Dann machte sie einen Schritt auf mich zu. Einen Moment dachte ich, sie wollte mich umarmen, aber sie senkte nur ihre Stimme.
„Wenn du mir helfen willst, dann sorg dafür, dass sich diese Werwolfgerüchte als substanzlos erweisen. Weißt du wie vielen Leuten ich am Wochenende verklickern musste, dass die Schwester ihrer Schulsprecherin kein Werwolf ist?!"
Mit diesen Worten drehte sie sich auf dem Absatz um und zog mit ihrem Club von dannen. Ich konnte noch genau sehen, wie sie den Kopf schüttelte und Tommy eins ihr den Arm um die Schultern legte.

Marlene schüttelte ebenfalls den Kopf. Zum Glück verzichtete sie darauf, mir der Arm um die Schultern zu legen.
„Ganz ehrlich. Sie ist deine Schwester. Was ist denn so schwer daran, sich dir gegenüber wie ein netter Mensch zu verhalten?", fauchte Marlene, während wir uns an den Ravenclawtisch setzten.
„Vielleicht zieh ich ihr Ansehen nach unten. Hast du ja gehört." Ich häufte mir Brokkoli auf den Teller.
„Vielleicht sollte ich sie in meinem Racheplan auch berücksichtigen."
„Untersteh dich."
Während ich den Brokkoli aß, zog ich ein Stück Briefpapier, Feder und Tintenfass aus meiner Tasche. Ebenso zog Marlene einen ihrer zahlreichen Tabellenzettel aus ihrer Tasche. Unauffällig drehte sie sich um und ließ ihren Blick über den Tisch der Slytherins streifen. Während ich also einen Brief an meine Eltern schrieb, trug sie sich die Namen der verschiedenen Grüppchen in ihre Tabelle ein.
„Ich sags dir", murmelte sie. „Snape ist dem Club auch beigetreten. Seit Lily ihn vor die Tür gesetzt hat hängt er mit den Todessern rum."
„Mhm."
Sollte ich jetzt in den Brief schreiben, dass Iduna nichts zu erzählen hatte? Nee. Das wäre asozial. Ich hatte ja genug über das Fohlen und die Kelpies geschrieben, da würde es ihnen hoffentlich nicht auffallen. Enttäuscht musste ich feststellen, dass mein Essen kalt geworden war. Naja, wurde ja drum nicht schlecht.
Ich zog Siegelwachs und Siegel aus meiner Tasche und nahm meinen Zauberstab vom Tisch.
„Manchmal ist das schon echt umständlich.", murmelte ich, während ich mit einem „Incendio." den Docht der Siegelkerze anzündete. Langsam tropfte das bronzene Wachs auf den Umschlag.
„Aber du musst zugeben, dass es verdammt gut aussieht.", grinste Marlene, als ich das Siegel ins Wachs drückte.
„Touché." Ich hob das Siegel wieder. In das Wachs war jetzt der Kopf eines Kelpies geprägt. Das Siegel hatte ich damals zu meinem elften Geburtstag bekommen und hütete es wie einen Schatz. „Ich geh den dann mal in die Eulerei bringen. Und nach dem Fohlen schauen." Ich wedelte mit dem Brief. „Willst du mit?"
Marlene schüttelte den Kopf. „Ich hab noch Stalking zu tun."
„Na dann viel Spaß, kleiner Sherlock Holmes.", grinste ich und stand auf. Sie tippte sich an einen imaginären Hut.
„Stets zu Diensten."

Kelpie || HP/Rumtreiber FFGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt