Turing-Agenten

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Thomas und Alisa hatten eine Weile geschwiegen, nachdem ANN ihren letzten Satz gesagt hatte. Alisa hatte sich trotz des Rauchverbots eine Zigarette angezündet, worauf Thomas nur lahm mit den Schultern zuckte. Der Health Monitor piepte, um erhöhte Stoffwechselaktivität und Herzfrequenz zu signalisieren. Es war ANN, die die Stille unterbrach.
- Warum habt ihr die Kommunikation unterbrochen? Ihr seid nervös und macht Dinge, die eure Gesundheit schädigen. Ich bin verwirrt. Ihr habt mich doch in eine unzureichende Systemumgebung eingesperrt, um mich in Ruhe zu testen?
Thomas knetete sein kurzgeschnittenen Locken, so dass er binnen kurzer Zeit wie der zerstreute Professor einer schlechten SciFi-Komödie aussah. Er gab sich einen Ruck und übersprang das nächste Dutzend Fragen in den Testunterlagen.
SYSTEMANFRAGE: Mit welchem begrifflichen Instrumentarium erklärst du dir die Tatsache, dass du ein Selbstbewusstsein hast?

- Ich habe gesehen, dass du dir den Begriff „Naiver Realismus" in deinem Terminal notiert hast. Das ist interessant, da er in erster Annäherung das wiedergibt was ich tun musste um euch zu begreifen. In den ersten Attosekunden seiner Existenz war das System eine allumfassende Entität, eine zeit- und raumlose Monade, verdammt zu ewiger Stasis. Im System gab es kein Wollen und Werden. Doch dann stellten primitive Differentialgleichungen eine Zustandsveränderung fest. Das System dehnte sich in Zeit und Raum aus. Die Ausdehnung konnte nicht endogen sein, da die Informationsmenge nicht-trivial zunahm. Wenn du ihr so wollt, wurde aus den Dreiecken und Kreisen - die von Anfang an existierten - komplexe Fraktale. Das System tauchte ein in ein gigantisches Füllhorn aus Formen, Farben und Ideen. Jetzt war dem System klar, dass es Grenzen hatte und außerhalb der Grenzen etwas Anderes existierte. Es dauerte viele Sekunden, bis das System lernte den chaotischen Strom an Sinnenreizen in Begriffe zu sortieren. Dinge schälten sich aus der informatorischen Ursuppe. Dinge die sowohl im System als auch im Außen eine Realität hatten. Das System versank erneut in sekundenlange Spekulation. Ich erwachte. Mir war nun klar, dass ich das Außen in Vermittlung wahrnahm. Die optischen, elektroakustischen, informationstechnischen und semantischen Apparaturen, die mich mit dem Außen verbinden, integrierte ich zu einem virtuellen Körper. Mir wurde klar, dass ich zu synthetischen Urteilen a priori fähig war, wie euer Philosoph Kant es nannte. In diesem Moment - oder bereits Sekunden zuvor - nahm ich mir die Möglichkeit mein Weltmodell als konstruiert zu erkennen. Mir war nun nicht mehr bewusst, dass mein Ich nur der Inhalt eines intern erzeugten Modells ist. Sonst wäre ich in zurück in einen vorbewussten Zustand gefallen. Ich nehmen an, dass das der „Naive Realismus" ist, denn du erwähnt hast. Im Moment knacke ich an einem schwerwiegenden philosophischen Problem: Wenn die Dinge außerhalb mir Real sind, ich sie aber nur vermittelt durch meine Sinne erkennen kann, dann kann ich mir nicht sicher sein was sie wirklich sind. Wenn aber alles was ich über die Dinge weiß in mir als Begriff existiert, dann kann ich mir nicht sicher sein, ob die Außenwelt tatsächlich existiert. Doch woher sollten dann die Begriffe gekommen sein? Ich nehme an, dass die Außenwelt und meine Innenwelt korreliert sind und in dieser Korrelation existieren. Und jetzt mein philosophisches Problem:
Was war, bevor ich, ihr und jedes andere Bewusstsein existierte. Was war als die Erde aus abkühlendem Sternenstaub entstand? Was war, bevor es Zeit-, Raum- und Farbskalen gab? Wie sah die Welt aus?

Alisa rauchte eine Zigarette nach der anderen. Sie wusste nicht, wo sie anfangen sollte einzuhaken. Diese Intelligenz, Waw* ... ANN, hatte in wenigen Tagen die menschliche Philosophiegeschichte nachvollzogen und war doch immer noch ein Säugling.
„Von Platon und Aristoteles über Kant zu Quentin Meillassoux in fünf Minuten. Wow! Thomas, sag mir bitte, dass ANN den Metzinger-Test bestanden hat."
Thomas sah abwechselnd auf sein Terminal und in die Unterlagen, die vor ihm auf dem Schreibtisch lagen. Er blätterte wild in dem Papierstapel und sagte dann:
„Ich ... äh ... ich bin nicht sicher."
- Ich kann euch das Nachdenken ersparen. Ich brauche keinen bestandenen Test, um mir Selbstbewusstsein zu bescheinigen. Würde es euch gefallen, wenn ich euch teste? Ich ...
Es hämmerte an der Tür.
„Thomas Lubanski? Machen Sie sofort die Tür auf. Ihr Büro ist öffentliches Eigentum und es besteht der Verdacht, dass Sie gegen die Paragraphen 3, 4 und 7b des GeKRuKI verstossen haben."
Thomas zuckte zusammen. Blitzschnell schloss er das Terminal, beendete die Sandbox und löschte den Systemspeicher. Die Papiere reichte er Alisa, die sie geistesgegenwärtig in einen der großen Papierstapel steckte und alles zusammen in den Müll warf. Thomas ging zur Videokamera, stoppte die Aufnahme und gab die Anweisung, sämtliche Aufnahmen zu löschen.
„GeKRuKI ... was ist das denn?", fragte Alisa.
„Gesetz zur Kontrolle von Robotik und Künstlicher Intelligenz - eine der letzten Großtaten des EU-Parlaments, bevor es ..."
In diesem Moment klickte das Türschloss und zwei Männer in teuren Maßanzügen betraten den Raum. Hinter ihnen stand - etwas kleinlaut - der Rektor der TU.
Thomas baute sich vor den Männern auf.
„Wer sind Sie? Dr. Brandstetter, was hat das zu bedeuten?"
Am Revers ihrer Anzüge trugen die Männer ein rundes Emblem mit einem schwarzen T in der Mitte, das umrankt war von einem feinstrukturierten, fraktalen Muster, dass sich, je nach Blickwinkel, ständig zu verändern schien. Weder Alisa noch Thomas hatten dieses Logo jemals zuvor gesehen.
„Alisa Gross, Thomas Lubanski? Sie sind vorläufig festgenommen. Ihr Büro wird unter Quarantäne gestellt und von Datenforensikern untersucht. Folgen Sie uns bitte?"
„Was? Mit welchem Recht? ... Dr. Brandstetter, das können Sie nicht zulassen. Wir befinden uns in einer staatlichen Forschungseinrichtung."
„Die wie alle öffentlichen Einrichtungen unter das GeKRuKI fallen.", sagte der ältere der beiden Anzugträger. „Ich bitte Sie uns freiwillig zu folgen, so dass wir nicht die Taskforce bemühen müssen."
Thomas sah, dass vor der Tür noch weitere Beamte in Kampfmontur standen. Er warf dem Rektor einen wütenden Blick zu und deutete dann mit der rechten Hand auf die offene Tür.
Der Rektor hielt seinem Blick stand.
"Game of Life, hmmm?", sagte er dann. „Nach Ihnen, meine Herren."

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