The Party

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Einmal im Monat gab es im Wohnkomplex „Ernst-Thählmann-Park" eine Riesenparty. Die Anwohner des Wohnblocks, die nicht Teil der Party sein wollten, waren schon am frühen Morgen abgereist und hatten die Stahljalousien vor Türen und Fenster heruntergelassen. Die Drinks im PACIFIC kosteten die Hälfte und in dem ausgehöhlten Betonquader im Untergeschoss, der mal als Garage geplant war, gab es Konzerte von verschiedenen Bands. Der Typ der gerade spielte hieß Anthony Soukal und hatte ein Konzeptalbum über das Leben in der Interzone komponiert, das er nun "live" performte. Er hatte ein großes Roland-Keyboard aufgebaut und darauf eine Batterie von Samplern, Mischpulten und ein Slate gestapelt. Akustische Live-Feeds von Mikrofonen überall aus der Stadt bildeten das Fundament der Kompositionen. Dazu mischte er Radiosignale die zwischen den offiziellen Frequenzbändern dahin vagabundierten. Er selektierte die Sounds nach Klangfarben und spielte auf seinem Keyboard einen Ragtime aus zufälligen Radioemissionen. Dazu sang er nihilistische Texte auf das Leben zwischen Billboards und No-Go-Areas. Als sein Falsett-Gesang eine beunruhigende Intensität erreicht hatte, brach ein Gewitter aus zerhackten Jazzdrums aus den Boxen. Nicht gerade der Soundtrack für die Art von Ekstase die Paul im Sinn hatte. Auf Push war Kunstmusik nur schwer zu ertragen und er wollte sich nicht die Party des Monats versauen lassen. In einer Hand hielt er einen Moscow Mule und aus beiden Gesäßtaschen lugte je eine Bierflasche. Herr Bresch hatte dafür gesorgt, dass ein paar Kids auf jeder Etage gekühltes Bier und kleine Plastikbeutel mit Adler Berlin+ verkaufen konnten. Die Kids kauften den Stoff bei einem seiner Cousins an der kleinen Laderampe hinter dem PACIFIC und lungerten mit riesigen Kühltaschen in der Nähe der Fahrstühle rum.

Paul fuhr auf das Dach, wo ein paar Leute rumsaßen die er teils aus den Shuttle-Bussen und teils aus dem Wohnkomplex kannte. Die Meisten rauchten etwas und betrachteten den Sternenhimmel. Sahen sie alle das, was er sah? Auf Drogen war er gewohnt Dinge am Himmel zu sehen, gegen die van Goghs ‚Sternennacht' eine naturalistische Skizze war. Aber er hatte nicht genug Push eingeworfen um zu erklären was er jetzt sah. Der Himmel war übersät von Sternen, orange-blauen glühenden Sphären, violettstichigen Nebelwolken und kosmischen Gewitterentladungen. Und alle ergötzten sich an dem unerklärlichen Schauspiel. Im Kontrast zum tosenden Firmament herrschte auf der Erde weitgehend Dunkelheit. Ihr Wohnblock war eine Insel des Lichts inmitten einer Schwärze, in der nur vereinzelte Lämpchen aufglommen. In zwei oder drei Kilometer Entfernung erstrahlte das Lichtermeer einer fremden Galaxie: Das urbane Zentrum Alexanderplatz. Das war nicht weit weg, aber wer versuchen sollte dort zu Fuß hinzugelangen, der würde irgendwo in dieser Schwärze verloren gehen. Mindestens für heute nacht. Trotzdem waren viele Bewohner aus den ehemaligen Kiezen zur Party gekommen, Leute die in provisorischen Wohnungen hausten und von dem großzügigen Sediment lebten, dass das digitale Proletariat absonderte. Irgendwo stand ein Soundsystem aus dem Schwaden von Ambient-Musik die Dachterrasse fluteten. Paul machte seine Runde, aber als er keinen befreundeten Gesichter entdeckte, fuhr er einige Stockwerke tiefer. In 524 sollte eine geile Privatparty stattfinden.


Schon vom Aufzug aus konnte man eine Traube von Menschen sehen, die in das Apartment wollten. Vor der Tür standen zwei vierschrötige Kerle mit "Eisern Union"-Tattoos und gegerbten Gesichter, obwohl sie höchstens Dreißig sein konnten. Aus dem Apartment dröhnten CariocaCore- und TecnoBrega-Sounds. Paul drängte sich an den wartenden Menschen vorbei und flüsterte einem der Atzen etwas ins Ohr. Der nickte ihm knapp zu und öffnete die Tür, während der andere die Menschentraube zurückdrängte, in die plötzlich Bewegung gekommen war.
"Easy Leute, einer raus, einer rein! Is doch janz einfach, oda nich'?"
Das höchstens vierzig Quadratmeter große Apartment war vollgestopft mit Menschen. In der Küchennische stand ein Typ mit Afromähne, der ein Slate balancierte und um den sich ein paar junge Schnecken mit Schmollmündern scharrten.
"Who's that gigolo on the street - With his hands in his pockets and his crocadile feet - Hanging off the curb, looking all disturbed"
Links von ihm hechtete gerade ein dünner Retro-Punk zu einem Stagedive von der Arbeitsplatte in Richtung Schlafzimmer. Paul musste seinen Moscow Mule auf einem Schränkchen abstellen, um den Typen weiterzuschieben.
„That's the girls on the block with the nasty curls - Wearing padded bras sucking beers through straws - Dropping down their drawers, where did you get yours?"
Die Menge rastete zu einem Carioca-Remix von "Buffalo Stance" völlig aus. Ein hochgepitchte Stimme stotterte die Bridge:
"Gigolo, Huh, sucka? Gi - gi - gi - gigolo, Huh, sucka?"
Die Samples rasten einmal die ganze Tonleiter rauf und runter, dann rollte ein Samba-Break heran. Die Crowd hob die Hände und brüllte den Refrain.
"No moneyman can win my love. It's sweetness that I'm thinking of ..."
Paul wurde gegen seinen Willen in Richtung Schlafzimmer gedrückt. Dort gab es einige Pärchen, die sich zum Knutschen in die Zimmerecken verzogen hatten. Warum man ausgerechnet in einem Apartment knutschen musste in dem sich fünf Leute auf einen Quadratmeter drängten - die Hälfte davon bis über beide Ohren auf Push - hatte Paul noch nie begriffen. Gerade als er sich wieder Richtung Ausgang schieben wollte sah er, dass eine der Frauen Alisa war. Sie wirkte zugedröhnt und knutschte mit einer dürren Zwanzigjährigen rum, die in einem schwarzen Jumpsuit steckte. Das musste Zara sein. Die Anarchistin. Paul fühlte wie sich sein Magen zusammenzog. Er hatte gehofft, dass er diese Sache nicht noch einmal durchleben musste. Zwei Jahre hatte es ihn gekostet mühsam einen emotionalen Abstand zu Alisa aufzubauen, der vor allem darin bestand sie einfach nicht mehr zu treffen und ihr auch sonst großflächig aus dem Weg zu gehen. Er zog das verbliebene Bier aus seiner Hosentasche und kämpfte sich zum Ausgang durch. Dort ging er mit betont desinteressiertem Blick an der Warteschlange vorbei, zurück zum Aufzug.

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