Von Felberstein wühlte im Labyrinth seiner Schreibtischschubladen.
„Wo zur Hölle ist ..."
Ein Blister mit blau gemaserten Tabletten kam unter einer Ausgabe des Monoprix-Magazins „Port Life" zum Vorschein.
Hastig drückte er zwei Tabletten aus dem Blister und spülte sie mit einem Schluck aus seiner Feldflasche runter. Er beruhigte sich ein wenig. In wenigen Minuten würden die Amphetamin-Moleküle die Blut-Hirn-Schranke passiert haben und das Treffen mit Generalleutnant Hartzel würde ihm mühelos von der Hand gehen. Die Sitzungen mit diesem Militärbürokraten, der aktiv nie einen richtigen Krieg mitgemacht hatte, kosteten ihn den letzte Nerv. Er hatte einen seiner besten Männer opfern müssen, aber das schien erst der Anfang einer Reihe von Auflagen und Schikanen zu sein, die das Interzone-Militär seinem Konzern auferlegte. Es wäre einfacher, wenn der alte Silberrücken im Tarnanzug mal mit der Sprache rausrücken würde. Er ging in Gedanken das Gespräch durch:
„Generalleutnant Hartzel ... Sie wissen, dass Sie mit unseren Kooperation rechnen können, aber wir könnten Ihnen wesentlich effektiver helfen, wenn Sie Ihre Intel - Entschuldigung - die Nachrichtenlage mit uns teilen könnten."
Hartzels Karriere hatten in den 1990er-Jahren begonnen und er haßte bis heute englische Slangausdrücke.
Mein Gott, es war als müsse man mit General Helmuth von Moltke ein EU-Freihandelsabkommen schließen. Sie lebten einfach in verschiedenen Welten. Und doch schien der Generalleutnant mehr über die Ereignisse in der Interzone zu wissen als der Sicherheitsdienst von Ludicorp. Das Amphetamin begann zu wirken und eine kristallen Klarheit legte sich über sein von unzähligen Sitzungen gequältes Hirn. Er mahlte mit den Zähnen und konzentrierte sich auf sein Ziel, dem Militärkommandanten soviel Informationen wie möglich zu entlocken.
Er strich mit den Fingern über die recht obere Ecke seiner Schreibtischunterlage und ein halbtransparenter Schirm emergierte zwischen seinem Schreibtisch und der gegenüberliegenden Wand. Das Logo des Interzone Militärs - ein gestreiftes Pentagon mit zwei ineinander verschachtelten Dreiecken - erschien. Von Felberstein wartete ein paar Sekunden und trommelte ein akzentuiertes Stakkato auf der schweren Schreibtischunterlage.
„Frau Fouquet? Was dauert da solange. Haben Sie den richtige Channel angewählt?"
Die sanfte Stimme von Mascha Fouquet war sofort neben ihm im Raum.
„Aber natürlich, Helmut. Herr von Felberstein. Es scheint, dass ... Warten Sie, es kommt ein andere Feed rein ..."
Das Logo des Interzone Militärs verschwand und für einen Bruchteil eines Augenblicks sah von Felberstein ein rundes Emblem mit einem schwarzen T in der Mitte. Er spürte wie seine Nervenbahnen unter der kühlen Decke des Amphetamins glühten. Die Turing-Agentur. Der Shitstorm war wohl noch nicht mal richtig los gegangen. Er unterdrückte die Spekulationen die in einem Teil seines Geistes einsetzten und lächelte zuvorkommend.
„Generalleutnant Hartzel. Die Überraschungen hören nicht auf, nicht wahr?"
Der Generalleutnant saß an einem nichtssagenden schwarzen Tisch vor eine Fensterfront die den Blick auf ein monotones Bürogebäude freigab, das in Berlin-Mitte oder ebensogut in Shanghai oder Hongkong stehen konnte. Wenn es nicht ohnehin virtuell war.
Neben Hartzel saß ein Mann in einem anthrazitfarbenen Anzug. Sein Gesicht war ebenmäßig, von undefinierbarem Alter, auf eine sterile Art schön, aber so eigenschaftslos, dass er es wohl sofort wieder vergessen würde, wenn der Feed endete.
„Herr von Felberstein", der Generalleutnant sprach langsam, als koste es ihn Mühe, die richtigen Worte zu finden. „Sie haben uns und damit der Interzone-Bevölkerung in den letzten Tagen bereits große Dienste erwiesen. Und glauben Sie nicht, ich wüsste nicht wieviel Entgegenkommen Ihrerseits dabei war. Wie lange kennen wir uns schon? 20, 25 Jahre? Wir beide wissen, dass ein vernünftiger Dialog hundert Anwälte aufwiegt ..."
Er stoppte kurz und warf einen prüfenden Blick auf den Anzugträger. Der verzog keine Miene.
„Es scheint nun so, dass die Maßnahmen die wir bisher getroffen haben nicht ausreichend sind. Meine Vorgesetzten ..."
„Der Interzone-Senat", sagte der Anzugträger trocken.
„Der Senat hat mit überwältigender Mehrheit eine Informationsquarantäne beschlossen.", fuhr Hartzel fort. „Unsere Militärsatelliten haben vor wenigen Stunden auf Funksperrfeuer geschaltet."
„Das sagen Sie mir jetzt? Wir haben massive Probleme mit unseren geostationär gestützten Systemen. Unsere Techniker zerbrechen sich den Kopf und Sie ..."
Von Felberstein bremste sich gewaltsam. Er durfte jetzt nicht auf einer dieser cholerischen Amphetaminwellen reiten. Er mahlte mit den Zähnen und wartete bis Hartzel das Wort ergriff.
„Ich weiß, Herr von Felberstein. Wir hatten noch keine Zeit Sie zu kontaktieren. Die Ereignisse überschlagen sich derzeit ..."
„Generalleutnant Hartzel. Sie wissen, dass Sie mit unseren Kooperation rechnen können, aber wir könnten Ihnen wesentlich effektiver helfen, wenn Sie uns in dieser Sache nicht völlig im Dunkeln lassen würden."
„Wieviele Satelliten haben Sie im geostationären Orbit, Herr von Felberstein?"
Das war ja wohl die Höhe. Jetzt sollte er seine Geschäftsgeheimnisse ausplaudern?
„Wofür genau wird diese Information benötigt? Sie müssen verstehen, dass wir uns ein einer fragilen Wettbewerbsituation befinden ..."
„Machen Sie sich darüber kein Sorgen. Wir konfiszieren bei jedem Konzern 30% der Satellitenflotte.", unterbrach der Anzugträger ihn.
Generalleutnant Hartzel sah für einen Moment so aus, als würde er dem Schnösel an die Gurgel springen. Dann nickte er resigniert.
„Herr von Felberstein, ich hoffe wir können auch diesmal mit Ihrer Kooperation rechnen."
Von Felberstein spürte den Blick des Militärs so intensiv als säße dieser vor ihm im Raum. Er versuchte seinerseits die digitale Schnittstelle des Feeds zu durchdringen. Die Situation, so sah er in den Augen des Generalleutnants, war ernst. Er nickte langsam.
„Also gut. Ich denke darüber nach. Sie hören von mir."
Ohne ein weiteres Wort abzuwarten, trennte er den Feed.
„Frau Fouquet? Holen Sie sofort alle C-Level Executives her. Persönlich. Und den Chef des Sicherheitsdienstes."
„Jawohl, Herr von Felberstein."
Er drückte noch eine weitere Tablette aus dem Blister. 30% der Satelliten sollten unter die Kontrolle der Turing-Agentur gestellt werden. Synchrones Funksperrfeuer, dass den Rest der Flotte obsolet machen würde. Und er tappte immer noch im Dunklen. Das würde eine lange Nacht werden.
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Welt 3
Science Fiction2042 - Berlin und andere europäische Großstädte haben sich in sog. Interzones abgeschottet, in denen die digitale Bohème, das Kiez-Proletariat, HiTech-Konzerne und das Militär koexistieren. Die Freie Region Brandenburg ist ein wüstes Land, in dem di...
