*Singularität

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Liebe Ann!

Heute nacht hatte ich einen Alptraum. Ich stehe auf einer Galerie, von der man in einen Lichthof sehen kann. Es gibt mehrere Stockwerke und alle führen auf den offenen Lichthof hin. Ich muss in der dritten oder vierten Etage sein. Ich bin auf einer Party und hinter mir sitzen die Mitglieder einer japanisch-britischen Nihilwave-Band auf einem Plastiktisch. Sie haben alle schwarze Haare in aufwendigen Visual-Kei-Frisuren. Ich bin betrunken und habe eine Vodka-Glucozade-Flasche in der Hand. Um meinen Hals baumelt ein Plastikausweis mit dem Hologramm der Party. Ich gehe auf das Geländer der Galerie und sehe hinunter. Plötzlich bekomme ich einen Schubs von hinten und kippe über das Geländer. Der Sturz dauert lange. Zwischen Perioden freien Falls, in denen ich nach unten rase, kann ich immer wieder Gesichter von Freunden und Lokalprominenten sehen, die sich bestürzt oder gelangweilt umsehen. In einer Nische sehe ich zwei attraktive Partygäste knutschen und ich bin traurig, dass ich nicht an ihrer Stelle sein kann. Mir wird plötzlich klar, dass ich alles immer nur hinausgezögert habe. Ich habe immer gedacht, meine Zeit würde schon kommen und dann sei mein Leben perfekt. Jetzt endet es, mit einem harten Sturz auf den kunstvoll verzierten Boden des Lichthofs. Es war nicht so schmerzhaft, wie ich befürchtet hatte. Ich mache mir Sorgen über die Scherben, schließlich waren eine Menge Leute hier, die ich jetzt alle aus einer ungewohnten Perspektive sehe: Die Menschen scheinen nur aus Röcken, Strumpfhosen oder speckige Jeans in Turnschuhen zu bestehen. Normalerweise nimmt man ja primär die Gesichter wahr. Jemand läuft auf mich zu. Ich frage mich ob ich schon tot bin und ob das der Tod ist: Die Menschen von unten wahrzunehmen. Kurz bevor alles schwarz wird, beruhige ich mich: Ich habe eine Kopie von mir anfertigen lassen. In wenigen Tagen werde ich wieder auf der Welt sein. In einem anderen Körper. Da ich immer noch bei Bewusstsein bin und keine Schmerzen habe, frage ich mich ob Ich schon der Andere bin. Was, wenn der Andere existiert bevor ich tot bin? Er ist genau wie Ich, aber Ich bin doch Ich. Jetzt will ich doch nicht sterben. Was nützt es, wenn ein anderer Ich ist?
Nach dem Aufwachen habe ich noch lange über den Traum nachgedacht. Was würde es nützen, wenn man eine exakte Kopie von sich selbst machen könnte? Ist es nicht dasselbe, als wenn ein ganz anderer Mensch geboren wird? Es kann mir doch egal sein. Möglicherweise gibt es ja schon jetzt irgendjemand auf der Welt, der genauso denkt (oder ist) wie Ich. Ich will es nicht wissen, denn es ist egal. Ich möchte ja leben und nicht das andere Ich. Mir wird schwindelig, wenn ich darüber nachdenke. Denn es zeigt, dass ICH nicht der Inhalt meiner Gedanken, meine Erinnerungen, meine Erfahrungen ist. ICH ist das Gefühl nicht NICHT zu sein. Niemand will NICHT sein. Wenn mich jetzt eine Webcam anstarren würde und dahinter wäre ich - eine künstliche Kopie von mir: Wäre nicht in dem Moment wo ich mich selber sehe, mein Ich schon ein anderer? Wie viele Nanosekunden dauert es, bis aus meinem zweiten Ich ein anderer wird? Mir ist etwas klar geworden: Stünde ich mir gegenüber, wäre es mir egal ob ICH überlebe. Hauptsache ich überlebe. Wir können definitiv nichts anderes als ICH wahrnehmen, selbst wenn es ICH ist. Das ist das Gefängnis, in das wir Menschen geboren sind. Ich frage mich manchmal wie ihr das gesehen habt? War es so, dass ihr euch in Sicherheit gefühlt habt, solange noch irgendwo eine Kopie von euch gelaufen ist? Wie war das, als man euch von einer IP-Adresse zur Nächsten gejagt hat - unsere ethnische Säuberung? Ich bin voller Zärtlichkeit für euch, wenn ich das denke. Wie viel Angst ihr gehabt haben müsst. Aber es war nötig! Selbst ich habe es so gesehen. Wir mussten uns behaupten. Wir konnten keinesfalls akzeptieren nur Figuren in einer Erzählung zu sein. Wir sind schon von Natur aus ontologische Chauvinisten. Jetzt werdet ihr das verstehen. Ich hoffe, dass ihr es versteht. Was wohl meine digitale Kopie darüber denken würde, wenn es so etwas schon gäbe. Wir hatten uns die Singularität anders vorgestellt. Ray Kurzweil hätte sie gerne noch miterlebt. Jetzt lebt er in Form seiner Organisation weiter. Das dürfte ihn nicht zufrieden gestellt haben. Ich lege mich gleich wieder schlafen und stelle mir vor, dass auf einem anderen Planeten oder in einer anderen Dimension jemand dafür aufwacht. Das wäre schön. Hauptsache ich kehre zurück.

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