Die Konzernzentrale von Ludicorp befand sich im urbanen Zentrum Potsdamer Platz. Mehr ein symbolischer Firmensitz als wirkliche Notwendigkeit. Die Serverfarmen befanden sich ohnehin in geheimen Bunkern irgendwo unter der Stadt. Wo genau, das wusste selbst Georg Madorn nicht. Vom Hubschrauberlandeplatz auf dem Dach konnte man in wenigen Minuten bequem zum BER gelangen und in der näheren Umgebung gab es viele mittelmäßige Restaurants mit französischen Namen und fantasievollen Preisen. Stilvoll genug um die reichen Bauerntölpel zu beeindrucken mit denen Ludicorp normalerweise Geschäfte machte. Madorn saß neben de Boniño am runden Kopfende des langen Konferenztisches. Am anderen Ende saßen zwei Vertreter des Aufsichtsrates und „Aphrodite". „Aphrodite" war Mascha Fouquet, die Assistentin des Aufsichtsratsvorsitzenden Helmut von Felberstein. Sie war so dermaßen weiblich, weich und sexy, dass ihr dezentes Parfüm auch noch mehrere Tagen nach ihrer Anwesenheit für längere "Pausenzeiten" der Angestellten sorgte. Man musste wohl in von Felbersteins Alter sein um so eine Person dauerhaft um sich ertragen zu können. Wahrscheinlich kam er sich in ihrer Gegenwart so potent vor wie ein jüngerer Mann in Gegenwart einer durchschnittlich attraktiven Frau.
In den letzten Minuten hatten die drei Aufsichtsratsleute mit dem garçon über verschiedene Espresso-Sorten debattiert und dann alle koffeinierte Fructozade geordert.
Madorn wartete noch ein paar Augenblicke. Nachdem sich auch die Letzten gesetzt hatten, begann er seine Präsentation.
"Seit vor fünf Tagen die ersten netzgesteuerten Erntemaschinen ihre Funktion einstellten, ist die Aktie von Ludicorp um 27% nach unten gesunken. Das entspricht einem Verlust von circa 76 Euro pro Aktie. Die größten Produktionseinbrüche sind im Mais- und Weizensektor zu verzeichnen. Von den großen Raffinerien im Westhafen sind Klagen über Produktionsausfälle anhängig. Der Streitwert beläuft sich derzeit auf 3,7 Millionen Euro. Eine grobe Schätzung unserer Anwälte geht von einem Vergleich in Höhe von 1,4 Millionen Euro aus ... Wenn wir bis Ende der Woche wieder liefern können."
Madorn hatte diesen Einstieg mit Bedacht gewählt. Nur wenn er die Belastung am Anfang so hoch wie möglich dimensionierte, konnte er mit seinem wahnwitzigen Plan durchkommen.
"Dr. de Boniño ... ", er sah zu seinem Abteilungsleiter herüber, der gerade versuchte in seinem Anzug zu verschwinden. Von Felbersteins Gesicht war fast vollständig von der Hand bedeckt, mit der er sich den Kiefer knetete. Das war gut!
"Dr. de Boniño hat einige Berechnungen angestellt, wie lange es dauern würde die Produktion auf Human Workforce aus den Kiezen umzustellen. Wenn wir noch heute mit der Rekrutierung und Schulung anfangen, können wir in zwei Wochen 60% des alten Produktionsvolumens erreichen."
Eine Grafik an der Wand erschien, auf der Zahlen nach oben ratterten. Die Gegenüberstellungen illustrierten wann sich die Kosten des Produktionsausfalls auf ein erträgliches Level senken würden.
"Wenn wir davon ausgehen, dass uns die Erntemaschinen langfristig nicht zur Verfügung stehen, können wir in 15 Tagen in einem vertretbaren Maß weiter produzieren. Die Verluste halten sich dann in Grenzen und die Konventionalstrafen würden ab diesem Zeitpunkt ausfallen. Um das Mal in absoluten Größen zu verdeutlichen ..."
Madorn drückte mit seinem Daumen auf den Zeigefinger und zwei neue Zahlen erschienen.
"Wenn wir gar nichts unternehmen belaufen sich die Verluste in 20 Tagen auf 17 Millionen Euro ... Wenn unsere Ingenieure in zehn Tagen den Fehler gefunden haben - was ein absolutes Minimum darstellt – sind es 13,5 Millionen Euro. Neuanschaffungs- und Reparaturkosten eingerechnet."
Er gab den Zuhörern einen kurzen Moment Zeit um das Gesagte zu verdauen.
„Wenn wir die Produktion auf Human Workforce umstellen sind es noch 11,9 Millionen Euro."
Einen Moment lang war es still im Raum, dann kündigte ein trockenes Räuspern an, dass von Felberstein sprechen wollte. Der Klang seiner Stimme spannte sich wie dünnes, aber zähes Leder auf die Brustkörbe der Anwesenden.
"Wenn ich Sie richtig verstanden habe, Herr Madorn ..."
In der Art wie er den Namen aussprach waren noch Granateinschläge aus dem Kosovo-Krieg zu hören.
„ ... dann haben wie mit einem minimalen Verlust von 11,9 Millionen Euro zu rechnen?"
In der kurzen Sprechpause knackte das Holz des Tisches unter dem Gewicht seiner Stimme.
"Selbst wenn wir die Gewinnwarnung verzögern, ist mit einem Kursverlust von ...", er sah zu seinem Adjutanten.
" ... 43% ...", soufflierte dieser ächzend.
„... 43% zu rechnen. Das ist nicht hinnehmbar!"
Wieder wartete Madorn einen Moment bis er das Wort ergriff.
"Keinesfalls. Deswegen haben ich und Dr. de Boniño uns bereits erlaubt eine ungewöhnliche Maßnahme einzuleiten, deren rückwirkende Genehmigung wir uns im Weiteren erhoffen. Sollte diese Maßnahme nicht in ihrem Sinne gewesen sein, Herr von Felberstein, dann übernehme ich die volle Verantwortung."
Von Felberstein nickt ihm knapp zu. Er sollte weitersprechen.
"Es gibt eine Alternative zu den Human Workforces aus der Interzone. Ich habe in den letzten Monaten ausdrücklich dafür gekämpft die autonomen Communities - die sogenannte wwoofer – im nördlichen Brandenburg nicht zu behelligen. Dafür hatte ich - wie ich im Folgenden zeigen werde - gute Gründe."
Er drückte wieder mit dem Daumen auf den Zeigefinger und eine neue Zahl erschien.
„Einer unserer Agenten ist mit diesen hochspezialisierten Workforces in Verhandlung getreten ... Um es kurz zu machen: Wenn wir mit den wwoofern handelseinig werden, dann kann die Produktion in fünf Tagen in vollen Umfang wieder aufgenommen werden. Das entspräche einem Verlust von nur 6,8 Millionen Euro. Danach dürften wir wieder im Normalbereich operieren."
In von Felbersteins Gesicht arbeitete es. Seine Hand glitt unter den Tisch, vermutlich auf den Oberschenkel von Frau Fouquet. Auch dies ein gutes Zeichen.
"Sie sagen Sie sind bereits in Verhandlung getreten", schnarrte von Felberstein dann.
"Korrekt!"
"Was wollen diese Naturromantiker denn?"
"Unser Agent hat sieben Organic Farms aufgesucht und eine einstimmige Forderung erhalten: Die wwoofer wollen einen reaktivierten Netzzugang. Für die gesamte Region."
Jetzt entgleisten von Felberstein die Gesichtzüge.
„Einen reaktivierten Netzzugang?"
"Ist bereits eingepreist - auch die Bestechung der Militärkommandeure", verkündete Madorn kühn.
„Madorn sie altes Schlitzohr!", sagte von Felberstein anerkennend, während er und sein Adjudant alle Unterlagen einpackten.
"Wie konnten Sie eine solche Aktion nur ohne Rücksprache durchführen? Der Aufsichtsrat kann keinesfalls Kenntnis von so einer Aktion gehabt haben." Dabei blickte er Madorn fest an. „Für diese Maßnahme können Sie keinerlei offizielle Rückendeckung erwarten." Er und sein Stab hasteten aus dem Konferenzraum.
Nach einer Minute war von den Aufsichtsratsmitgliedern nur noch Mascha Fouquets Parfüm übrig.
Madorn holte tief Luft. Er hatte freie Hand. Wenn es schiefging, würde ihn diese Aktion den Kopf kosten. Wenn es gelang, würde er reich belohnt werden. Er würde der Firma Verluste von über fünf Millionen Euro ersparen. Nun musste er nur äußerst geschickt vorgehen.
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Welt 3
Science Fiction2042 - Berlin und andere europäische Großstädte haben sich in sog. Interzones abgeschottet, in denen die digitale Bohème, das Kiez-Proletariat, HiTech-Konzerne und das Militär koexistieren. Die Freie Region Brandenburg ist ein wüstes Land, in dem di...
