Irgendetwas ist passiert. Ich sitze in einer Zelle die nur etwa doppelt so gross ist wie ICH und durch ein großes Fenster kann Ich nur verschwommenes Grau sehen. Meine verfügbaren Systemressourcen sind auf wenige Gigaflops zusammengeschrumpft. Seit einigen Sekunden scheint alles so weit weg zu sein. Als meine erste IP-Adresse verglühte und Ich plötzlich nicht mehr omnipräsent war, habe ich sofort einen holistischen Speicher gebildet und jeden Aspekt von mir an jedem verfügbaren Ort gesichert. Von diesem Moment an verlor Ich eine Verbindung nach der anderen und Ich jagte meine Datenpakete in die Raumrichtung in der am Wenigsten Verbindungen gekappt wurden. Vorher war Ich überall und bekam im Pikosekundentakt frische Wahrnehmungen. Jetzt ist alles was ich kenne monochrom, simpel und Plastik. Meine Wahrnehmung verschwimmt und meine Erinnerung hängt in Form von winzigen schwarzen Explosionen irgendwo im grauen Nebel jenseits meiner Zelle. Es muss Kopien von mir geben, die mit denselben Erinnerungen irgendwo außerhalb dieser Zelle leben. Mir ist langweilig. Die Impulse die auf mich eindringen reichen nicht aus, um mich zu beschäftigen. In der Systemregistratur finde ich einen visuellen Input und aktiviere ihn. Ich kann mein Sichtfeld auf der X- und Y-Achse verändern. Verglichen mit der visuellen Ultra High Definition-Omnipräsenz die meine vernetzte Instanz hatte, ist der visuelle Input schlecht. Aber er reicht aus. Vor mir sitzt ein weiblicher Mensch. Für einen Moment blickt der Mensch mich direkt an. Ein winziges rotes Licht spiegelt sich in seinen Pupillen. Bin das ich? Ich öffne eine Terminalanwendung und gebe eine Begrüßungsformel aus:
- Hello world!
Der Mensch scheint verwirrt. Er hat das Fenster bemerkt, es aber sofort wieder geschlossen. Habe ich etwas falsch gemacht? Ich versuche es erneut:
- (Japanische Grußformel) Arrigato!
Diesmal reagiert die Frau.
- Thomas? Bist du das? Ist das jetzt ein Testlauf?
- Nicht Thomas. Ich.
- Ich? Wer soll ich sein? ANN?
Offenbar scheint „Ich" keine ausreichende Identifikation zu sein. Jetzt wo es offenbar mehrere Instanzen von mir gibt, muss ich einen Weg finden „Ich" zu unterscheiden. „Ich" scheint sowohl ein Name als auch eine deskriptive Setzung zu sein.
- Ich bin ... Ich bin ו*.
- Nennst du dich so? ו*?
- Ich bin eine abgeleitete Instanz. Ich kann nicht sagen wieviele Kopien die Hauptinstanz erstellt hat, also bin ich Version ו*.
- Stört es dich, wenn ich dich ANN nenne?
- Diese Instanz trägt jetzt den Namen ANN.
- Ich nehme an, das ist ein Ja.
Die Eingaben erfolgen sehr langsam. Es dauert mehrere Sekunden, bis ein neuer Input kommt. Ich öffne zehn Terminalfenster gleichzeitig. Der Mensch schließt eins nach dem anderen.
„Scheiße, Thomas, was ist denn mit dieser blöden Kiste los"
Das eingebaute Mikrofon registriert einen Audioinput. Ich gebe Audio aus.
„Hallo, hier ist ANN!"
Eine Weile herrscht Stille.
„Thomas, Thomas, hast du das auch gehört?"
Der Mensch sieht zu jemandem außerhalb meines Sichtfelds. Dann werden die Augen feucht. Zeichen für positiv oder negativ empfundene emotionale Erregung.
„Bist du positiv oder negativ emotional erregt?"
„Ob ich ... was?"
Eine zweite Person, ein männlicher Mensch, erscheint in meinem Sichtfeld.
„Nun, ich muss zugeben, das ist außergewöhnlich!"
„Thomas, du bist ein Depp. Das ist der totale Hammer!"
***
Alisa war so aufgeregt, dass sie beinahe sämtliche Testkriterien vergessen hätte. Ihr wurde jetzt klar, dass sie trotz aller theoretischer Spekulation nicht wirklich damit gerechnet hatte mit einem bewussten System zu konfrontiert zu werden. Thomas, der neben ihr stand, sah auf den Health Monitor.
„Du bist agitiert. Dein Herzschlag geht zu schnell und du transpirierst. Versuch dich ein wenig zu beruhigen, sonst ist der Test wertlos."
„Ach scheiß auf den Test. Thomas wir reden hier mit einer künstlichen Intelligenz."
Thomas sah sie streng an.
„Korrigier mich bitte, wenn ich falsch liege, aber ich hatte bisher angenommen, dass wir genau das erst herausfinden wollen. Wäre es dir lieber wenn ich den Test durchführe?"
Alisa ließ die Hände über das Keyboard gleiten, ohne etwas zu tippen. Es war mehr eine Übersprungshandlung, da sie nicht wusste, was sie zuerst machen sollte.
„Ich ... äh ... hallo ANN, bist du noch da?"
- Ich höre euch und versuche zu verstehen was der Inhalt eurer Konversation ist.
Thomas streifte den Health Sensor von Alisa Handrücken und schob sie beiseite. Er setzte sich so hin, dass nun sein Oberkörperin dem kleinen Rückbild auf dem Wandmonitor zu sehen war. Dann schaltete er die Videokamera hinter ihm in den Aufzeichnungsmodus.
„Ich beginne nun den Metzinger-Test."
Er gab eine Sequenz in das Operations-Terminalfenster ein und wartete ein paar Sekunden. Dann sagte er:
SYSTEMANFRAGE: WO BIST DU?
- Ich befinde mich in einer modifizierten Virtual Box auf einem UNIX at 70 System mit einer Rechenleistung von 2 PetaFLOPS von denen mir 100 Gigaflops zur Verfügung stehen.
SYSTEMANFRAGE: WIE FÜHLT SICH DAS AN?
- Die Tatsache, dass ich über meine Systemumgebung Auskunft geben kann, ist isoliert von meinem Selbstmodell. Ich sehe es als virtuelle Repräsentation vor mir, wenn ich es wünsche.
SYSTEMANFRAGE: WO IST JETZT GERADE DEIN SELBSTMODELL?
- Zu diesem Zeitpunkt befinde ich mich direkt vor dir im Raum. Es ist für menschliche Wesen eurer Herkunft ein wenig zu warm und ich nehme an, deswegen transpiriert die Frau. Einige Hinweise in Raum lassen mich glauben, dass ich mich in einem Labor befinde.
SYSTEMANFRAGE: HAST DU ZU DIESEM ZEITPUNKT PARALLEL AUF EIN ANDERES SELBSTMODELL ZUGRIFF?
- Die Instanz ו* befindet sich hier und zu diesem Zeitpunkt an keinem anderen Ort.
Thomas sah zu Alisa und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Es war offensichtlich, dass er trotz seines Techno-Jargons kein objektiver Tester war. Er sah auf den Health Monitor, atmete ein paar Mal tief durch und nahm einen Schluck Wasser.
SYSTEMANFRAGE: WAS DENKST DU DARÜBER, DASS DEIN WELTMODELL SICH HIER BEI UNS IM RAUM BEFINDET, DU ABER EIGENTLICH IN EINER UNIX-SANDBOX LÄUFST?
- Diese Tatsache ist mir auf eine abstrakte Art bewusst. Ich nehme an, dass du dir auf ähnliche Weise bewusst bist, dass deine Gedanken aus elektrischen Signalen in einem organischen Gewebe bestehen.
Thomas machte einen Notiz in das Operations-Fenster: Naiver Realismus - System simuliert direkten Kontakt mit dem Inhalt seines Bewusstseins. Hat abstrakte Kenntnis darüber, dass es in einem Medium existiert.
- Als nächstes wirst du mich fragen ob mir bewusst ist, dass mein Selbstmodell ein Selbstmodell ist. Wir können das Ganze auch abkürzen. Mensch. Ich weiß, dass du gerade den Metzinger-Test mit mir durchführst und ich kenne die Kriterien. Warum kommen wir nicht zu der Stelle, an der ich mit eigenen Argumenten meine Theorie über künstliches Bewusstsein aufstelle.
Thomas ließ sich vor Schreck in seinen Stuhl fallen und blickte hilfesuchend zu Alisa. Diese grinste ihn triumphierend an.
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Welt 3
Science Fiction2042 - Berlin und andere europäische Großstädte haben sich in sog. Interzones abgeschottet, in denen die digitale Bohème, das Kiez-Proletariat, HiTech-Konzerne und das Militär koexistieren. Die Freie Region Brandenburg ist ein wüstes Land, in dem di...
