Paul kauerte hinter einem Baumstamm, auf einer Decke aus verwesendem Blattwerk, Moos und Ästen. Neben ihm auf dem Boden lag ein schwarzer Würfel, mit dem verblichenen Logo eines Lieferdienstes für Gourmet-Food. Vorsichtig lugte er über den Rand des Baumstamms. Die rötliche Backsteinmauer der Zonengrenze schien jetzt, da sich zwei Spähpanzer zwischen Waldrand und Mauer platziert hatten, unendlich weit entfernt. Dabei hatte es so einfach ausgesehen. Fast wie ein Spaziergang. Die wwoofer hatten mit vereinzelten Scharmützeln gerechnet, aber nicht damit, dass gleich eine halbe Militärkompanie auffahren würden. Es musste ein Missverständnis sein. Vielleicht war er einfach zwischen irgendwelche Fronten geraten und konnte hier ausharren bis sich die Angelegenheit geklärt hatte. Ehe er den Gedanken zu Ende denken konnte, näherte sich ein Jeep, auf dem ein dicker Mann mit grünem Barett saß, der ihm vage bekannt vorkam. Der Soldat neben ihm bellte in ein Megaphon:
"Paul Madorn, kommen Sie aus Ihrem Versteck. Flucht ist zwecklos. Wir haben eine Thermografie-Drohne über Ihrer Position. Geben Sie unverzüglich Ihre Deckung auf."
"Scheiße", dachte Paul. Hier ging es einzig und allein um ihn. Er spähte erneut über den Baumstamm und sah, dass der Jeep gefährlich nahe gekommen war. Hastig schnallte er sich den Würfel auf den Rücken, sprang auf und lief zurück in den Wald. Äste schlugen ihm ins Gesicht und einige Male drohte er über ein morsches Baumgerippe zu stolpern.
Gut! Dann konnten die ihm wenigstens auch nicht so leicht folgen.
Ein saftiges Krachen, gefolgt vom Aufjaulen eines Elektromotors bewiesen das Gegenteil. Offenbar hatte der Jeep keine große Mühe in dem Waldstück zu manövrieren. Paul rannte weiter und sah zu allem Unglück, dass er sich einem befestigten Waldweg näherte, auf dem zwei weitere Fahrzeuge standen. Sie sahen zwar nicht nach Militär aus, aber es konnten sich immer noch Kopfgeldjäger oder ähnliche Freischärler handeln. Er schlug einen Haken nach rechts und rannte weiter. Ihm war als könne er bereits den Atem des fetten Militärmenschen im Nacken spüren. Er drehte sich um und sah, dass der Jeep nun doch an einer besonders dicht bewachsenen Stelle festhing. Der Wagen setzte zurück und versuchte es erneut. Paul stolperte auf den Waldweg und sah fassungslos wie zwei schwarze SUVs auf ihn zu gerast kamen. Ein Sekunde war er wie gelähmt, dann machte er sich bereit in das gegenüberliegende Waldstück zu hechten. Die SUVs bremsten jäh ab, einer stellte sich quer zur Straße und die Beifahrertür flog auf. Auf dem Fahrersitz saß ... sein Vater. Ehe Paul reagieren konnte, brüllte er Kommandos.
"Komm her, sofort, wir müssen weg!"
Ein Blick zurück in den Wald zeigte ihm, dass er keine Wahl hatte. Er rannte zum Wagen seines Vaters, sprang auf den Beifahrersitz, legte den Rucksack in den Fußraum und schlug die Tür zu. Sofort setzte sich der SUV in Bewegung. Es war ein Firmenfahrzeug, wahrscheinlich ausgerüstet mit den modernsten Schutzmechanismen gegen Verfolgung und Überwachung. Die Konzerne hatten ja quasi den Status von Nationalstaaten und da stand ihnen natürlich ein wenig Privatsphäre gegenüber der Militärregierung zu. Sein Vater grinste ihn blöde an, als habe er zu viele Filme mit dem späten Bruce Willis gesehen. Paul starrte entsetzt auf die Straße oder was immer das war, durch dass sich der SUV nun eine Weg bahnte. Im Rückspiegel konnte er sehen, wie der Jeep aus dem Unterholz brach und auf die Strasse abbog. Allerdings versperrte der zweite SUV den Verfolgern den Weg. Schon verschwand das Geschehen hinter einer Kurve. Sein Vater gab Gas und scherte dann auf einen Waldweg aus. Im Sekundentakt schlugen Zweige, Blattwerk und Gestrüpp gegen die Scheiben.
"Woher zur Hölle bist du plötzlich aufgetaucht?", brüllte er zu seinem Vater hinüber. Der sah routiniert auf sein Armaturenbrett und hielt mit beiden Händen fest das Lenkrad umklammert.
"Von Felberstein hat mir einen Tipp gegeben. Ich nehme an, er war mir nach meinem Rausschmiß bei Ludicorp noch was schuldig."
Rausschmiß!? Paul war zu aufgeregt um diese Information adäquat zu verarbeiten. Er beschloss sich später damit zu befassen.
"Wohin fahren wir?"
"Firmenvilla, Liebnitzsee. Ehemaliges Human Development Center von Ludicorp."
Telegrammstil. Sein Vater schien ganz in seinem Element.
"Was macht du denn für Sachen, Junge? Warum ist das Militär und jeder zweite Söldner der Interzone hinter dir her?"
Das Militär? Ach, du Scheiße. Ehe er den Faden weiterspinnen konnte begann etwas in seinem Rucksack-Würfel zu piepsen. Er öffnete den Reißverschluss. Es war das KryoBag indem sich das Datafat befand. Die Nachricht BATTERY LOW scrollte über das kleine Display.
"Hast du irgendwo Strom?"
Sein Vater deutet auf das Handschuhfach, indem sich tatsächlich ein paar nützliche Adapter befanden. Ein Weile war Paul damit beschäftigt das KryoBag an einen Port im Auto anzuschließen, während sich die Welt um ihn herum in ein Kaleidoskop aus Schmutz, Grünzeug und Maisstengeln verwandelte. Irgendwann hörte es auf zu piepsen.
"Wie lange hast du schon gewusst wo ich stecke?" fragte er dann.
"Erst seit gestern. Du galtest als vermisst. Das Militär hat die Grenzen dich gemacht, kurz nachdem du ausgereist bist."
Ausgereist. Was für ein antiquiertes Wort für das, was vor ein paar Wochen passiert war. Paul erschien es mittlerweile wie ein Traum.
"Hat das etwas mit dem Auftrag zu tun auf den du mich geschickt hast?"
"Ist noch ungeklärt. In der Interzone herrscht derzeit Ausnahmezustand. Keiner weiß was abgeht. Scheint die haben dich wegen dem WiMax-Zeug auf dem Schirm, dass du für uns rausschmuggeln solltest."
Während sie sich der Ludicorp-Villa näherten, die erst als kleiner grüner Punkt auf dem Armaturenbrett erschien und dann als leicht angestaubter Prachtbau vor ihrer Windschutzscheibe Gestalt annahm, dachte Paul darüber nach, warum er sich wieder einmal von seinem Vater in solch einen Schlamassel hatte treiben lassen. Als sie ein paar Äste und Grünzeug sammelten, um den Wagen behelfsmäßig zu tarnen, beschloss er ihn zur Rede zu stellen.
"Weißt du, Papa, alles was du planst und einfädelst endet katastrophal für mich. Oder Mama. Oder Nila. Aber irgendwie schaffst du es immer, als Gewinner aus der Sache hervorzugehen."
Sein Vater blickte an seinem verschwitzen Hemd hinab auf die Anzugshose, die er sich an ein paar Sträuchern aufgerissen hatte.
"Sieht so ein Gewinner aus?"
Paul winkte ab und ließ seinen Vater allein weitermachen. Er stöpselte das KryoBag vom Port ab, nahm seinen Transportwürfel und ging hinüber zur Villa. Das Innere war antiquiert aber hochexklusiv. Die meisten Möbel waren mit weißen Leinentüchern abgedeckt. Paul machte einen Sessel frei und kaute eine Weile stumm auf einem HiFructose-Riegel herum. Draußen näherte sich ein Fahrzeug. Er hörte gedämpfte Stimmen. Sein Vater unterhielt sich mit einem weiteren Mann. Kurze Zeit später erschien er im Haus und nippte an einem Bier, das er Gott weiß woher hatte. Er deutete mit einem Achselzucken auf den Würfel, der neben Paul auf dem Boden stand und nahm seinerseits auf einem Sessel Platz ohne sich die Mühe zu machen das Laken abzunehmen.
"Was meintest du vorhin damit, dass ich immer als Gewinner aus der Sache herauskomme?"
"Ach, Papa, lass gut sein. Ich glaube wir haben gerade echt andere Probleme."
"Macht ihr das so, du und deine Schwester? Erst ein paar Andeutungen und Vorwürfe, aber wenn ich nachfrage, dann verstehe ich sowieso nichts davon?"
"Es gibt keine gemeinsame Strategie gegen dich, keine Angst."
"Also, warum sagst du mir dann nicht, was du mir vorwirfst?"
"Ist dir das wirklich so unklar? Mama liegt halbtot in einem Krankenhaus und du bist mehr mit deinem Slate beschäftigt, mit deiner beschissenen Arbeit, als sie ein bißchen zu trösten."
"Das überlasse ich dann doch lieber Pastor Etzenkirchen. Der hat sie schließlich zu diesem Irrsinn getrieben."
"Wenn du sie nicht einfach im Stich gelassen hättest, als dir die erstbeste Assistentin schöne Augen gemacht hat ..."
Etwas zuckte im Gesicht seine Vaters, sein ganzer Körper spannte sich an, dann sagte er aber ganz ruhig:
„Du hast recht, vielleicht haben wir gerade tatsächlich andere Probleme. Ich weiß nicht wie lange wir hier sicher sind. Heute nacht bleiben wir hier. Seyfried und Kornblum erkunden die nähere Umgebung. Wir müssen abwechselnd Wache halten. Warum legst du dich nicht hin und ich wecke dich, wenn ich müde werde?"
Paul nickte erschöpft, rückte den Würfel näher an sich heran und kauerte sich in dem Sessel zusammen. Er war so erschöpft, dass er sich kaum bewegen konnte, aber sein Geist war hellwach. Eine Stunde lang versuchte er erfolglos einzuschlafen, dann gab er den Versuch auf, warf sich die Jacke über und ging nach draußen. Sein Vater stand vor dem Haus, scharrte mit einem Fuß im Kies und rauchte. Paul, der dieses antiquierte Laster eigentlich nicht teilte, bat seinen Vater um eine Zigarette.
"Entschuldige, wenn ich gerade hart zu dir gewesen bin. Ich bin dir sehr dankbar, dass du mir zur Hilfe gekommen bist."
Sein Vater nickte befriedigt.
"Ich denke ich habe mich auch zu entschuldigen. Es war wohl keine gute Idee dich auf diesen Auftrag zu schicken. Ich hatte ja keine Ahnung wie sich die Lage entwicklen würde."
"Was geht denn deiner Meinung nach vor sich?", wollte Paul wissen.
"Schwierig zu sagen. Wie gesagt, die Kommunikation in der Interzone ist stark eingeschränkt und zudem zensiert. Aber wenn du mich nach einem educated guess fragst: Wir haben eine autonome künstliche Intelligenz im System und das Militär versucht sie zu isolieren."
Paul war erstaunt. Er hatte seinem Vater keine besonderen deduktiven Fähigkeiten zugetraut. Für ihn war er immer ein effektiver, aber phantasieloser Konzernsoldat gewesen. Aber vielleicht hatte er auch einfach nicht wahrhaben wollen, dass sein Vater seine beeindruckende Karriere nicht nur auf Gehorsam und Servilität aufgebaut hatte.
"Weißt du Paul, was du gerade über mich und Regine gesagt hast, das hat mich schon getroffen. Die Beziehung mit deiner Mutter war damals praktisch am Ende."
„Gott, Papa, die Frau war 18 Jahre jünger als du."
Georg Madorn zuckte mit den Achseln.
"Mama ist psychisch labil. Sie hätte dich damals gebraucht."
Sein Vater schnaubte unwillig. Eine Weile standen sie stumm nebeneinander und rauchten.
„Wie lange willst du noch Wache halten?", fragte Paul dann.
„Jetzt ist es halb Zwei. Versuch noch etwas zu schlafen und ich wecke dich dann gegen vier Uhr, ok?"
Paul nickte, blieb aber noch eine Weile stehen und beobachtete seinen Vater dabei, wie er in den nahen Wald starrte. Schließlich begann sein Vater mit gepresster Stimme zu sprechen.
„Sie hat Naturgeister und Elfen besucht, während du und Nila im Firmenkindergarten gehockt habt. Diese Freiheit sei ich ihr schuldig, hat sie gesagt. Einmal habe ich sie dabei erwischt, wie sie im Mondschein einen Brief verbrannt hat. Aus den Resten konnte ich rekonstruieren, dass sie irgendein Engelswesen darum gebeten hat, ihr endlich einen Prinzen zu schicken. Als ich sie darauf angesprochen habe, hat sie mich nur mit diesem milden, überheblichen Lächeln angesehen und gesagt, dass es mir ja egal sein könne, weil ich ohnehin nicht daran glauben würde ..."
Paul hörte aufmerksam zu und stellte fest, dass er sich dunkel an etwas erinnerte. Es waren nur flüchtige Eindrücke. Bilder von lautstarken Diskussionen am Esstisch, als er eigentlich schon schlafen sollte. Bemerkungen seiner Mutter. Komische Freunde und Freundinnen, die mit Vorliebe dann kamen wenn sein Vater auf Geschäftsreise war oder nach einem späten Meeting nicht nach Hause kam.
„Ich habe es versucht, Paul. Nächtelang habe ich wachgelegen und überlegt wie ich es schaffen könnte ihr wieder näher zu kommen. Aber stattdessen hat Vera sich immer weiter von mir entfernt."
In der Ferne waren Motorgeräusche zu hören. Sein Vater zog ihn ins Innere der Villa und schaltete die Aussenbeleuchtung ab. Stumm kauerten sie nebeneinander an der Gardine und versuchten etwas im Dunkeln zu erkennen. Ein SUV fuhr auf die Einfahrt und sein Vater atmete spürbar auf. Als dann ein schlanker Mann ausstieg und direkt auf die Villa zukam, schaltete er das Licht wieder an.
„Seyfried! Mann! Hätten Sie nicht vorher eine kurze Nachricht schicken können?"
„Zu riskant. Kommunikation ist zwar verschlüsselt, aber hier draußen kann selbst das kleinste bißchen SatCom unsere Position verraten."
„Natürlich! Wollen Sie reinkommen?"
Der Mann, den sein Vater mit Seyfried angesprochen hatte, schüttelte mit dem Kopf. Für Paul war eindeutig, dass es sich beim ihm um einen Konzernschläger handelte. Seine offizielle Bezeichnung mochte schmeichelhafter klingen, aber die Kiezer hatte ihre eigene Art, die Dinge auf den Punkt zu bringen.
„Noch haben die Leute von Major Pendelwitz keine Ahnung wo wir sind", berichtet Seyfried. „Sie fahren in weitem Perimeter Streife und ziehen den Kordon sukzessive enger. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie uns hier aufspüren."
„Sobald die Sonne aufgeht verschwinden wir von hier", sagte sein Vater bestimmt. „Bis dahin brauchen mein Sohn und ich etwas Schlaf. Würden Sie und Herr Kornblum die Wache übernehmen?"
Seyfried nickte und taxierte Paul und seinen Vater mit einem schwer zu deutenden Blick.
„Gute Nacht, Herr Madorn"
Er drehte sich um und ging zurück zum Wagen.
Paul dachte noch eine Weile darüber nach, was sein Vater über seine Mutter gesagt hatte, bis ihn die Erschöpfung übermannte und er in einen dumpfen Schlummer fiel.
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Welt 3
Ciencia Ficción2042 - Berlin und andere europäische Großstädte haben sich in sog. Interzones abgeschottet, in denen die digitale Bohème, das Kiez-Proletariat, HiTech-Konzerne und das Militär koexistieren. Die Freie Region Brandenburg ist ein wüstes Land, in dem di...
