Als Paul die Augen wieder aufschlug, fühlte er sich etwas besser. Seine Beine schmerzten, aber wenigstens war dieses bleierne Gefühl aus seinen Knochen verschwunden. Draußen war es immer noch dunkel. Sein Vater saß auf einem der Sessel.
„Verrätst du mir jetzt, was in dieser blöden Kühlbox steckt, die du mit dir rumschleppst?"
"Ganz ehrlich, Papa? Ich weiß nicht ob ich dir vertrauen kann. Du kreuzt einfach aus dem Nichts auf, sekundiert von zwei Konzernschlägern und ich soll dir glauben, dass du nicht mehr für Ludicorp arbeitest?"
Georg Madorn sah seinen Sohn lange an.
„Inwiefern sollte das einen Unterschied machen, ob ich für Ludicorp arbeite oder nicht?"
Paul ging instinktiv ein paar Schritte auf das KryoBag zu.
"Das was in diesem KryoBag ist, ist auf keinen Fall für Ludicorp oder irgendeinen anderen Interzone-Oligarchen bestimmt."
"Paul, wenn ich dir wirklich Übles wollte, dann könnte ich dir diese Kühlbox auch einfach wegnehmen lassen."
Er nickte mit dem Kopf Richtung Parkplatz auf dem Seyfried und Kornblum patrouillierten. Paul lächelte bitter.
"Hältst du uns für so blöd? Das KryoBag ist mit einem Codeschloss gesichert und wenn ein Unbefugter versucht es zu öffnen, wird der Inhalt unwiederbringlich zerstört."
Sein Vater schüttelte traurig den Kopf.
"Paul, wie kann ich dich dazu bringen mir zu vertrauen? Die Aktion 'wwoofer connect' war mein Untergang. Von Felberstein hatte keine andere Möglichkeit als mich unverzüglich rauszuschmeißen."
"Warum?"
"Ein Generalleutnant des Interzone-Militärs ist in seinem Büro aufgetaucht und hat von einer absoluten Ausfuhrsperre für Netzwerktechnologie gesprochen. Es scheint dass sie dich als Köder haben laufen lassen, um zu schauen wohin du wolltest. Leider bist du dann von der Bildfläche verschwunden."
Paul, dem sich allmählich ein Teil seiner jüngeren Vergangenheit eröffnete, der vorher im Dunklen gelegen hatte, schwirrte der Kopf. Es war schon unfreiwillig komisch, dass ausgerechnet sein Ausflug zum Rectenna-Feld im Liebenberger Bruch ihn vom Radar des Zonenmilitärs geholt hatte.
„Glaubst du die Ausfuhrsperre hängt mit der künstlichen Intelligenz in der Interzone zusammen?"
„Na klar! Überall wurden Sicherheitsroutinen gestartet, Bots sind ausgeströmt um die Schadsoftware zu bekämpfen, Netzwerkknoten wurden abgeschaltet und IT-Techniker sind durch Gänge gestürmt um dutzendweise RJ45-Stecker aus Gestellen zu rupfen. Ein digitaler SuperGAU. Sie haben natürlich als erstes die Interzone nach Außen abgeriegelt. Und eine Art Kommunikations-Barriere um den ganzen Planeten errichtet."
Paul nickte ernst.
"Und? Was glaubst du? Hat es etwas genutzt?"
"Soweit ich weiß ist ein Großteil des Systems wieder sauber. Die Entität läuft auf abgeriegelten Sandboxes und ein paar unwichtigen Satelliten. Vielleicht auch auf ein paar Hometerminals, aber nirgendwo wo sie Schaden anrichten könnte."
"Wieso ist sich alle Welt so sicher, dass diese Entität Schaden anrichten wird? Haben wir nicht alle fieberhaft daran gearbeitet neuronale Netzwerke zu entwickeln? Es war doch der logische Schritt all unserer Aktivitäten."
Seyfried klopfte an die Tür und trat ein ohne eine Antwort abzuwarten.
"Unsere Position ist verbrannt. Von zwei Seiten nähern sich Militärfahrzeuge und ein Transponder ist gerade dabei auf unsere Position einzuschwenken. Wir müssen weg. In die Autos. Jetzt!"
Georg Madorn verlor keine Sekunde. Knapp bedeutete er Paul sofort die Sachen zu packen. Der schnappte sich Hose und Schuhe und rannte seinem Vater hinterher, der bereits samt KryoBag zum SUV unterwegs war. Seyfried stand mit gezogener Waffe neben seinem Fahrzeug. Der Motor lief. Als er sah, dass sein Schutzbefohlener im Autos saß, ließ er sich in den Sitz fallen und sein Kollege ging aufs Gas. Kies spritze in hohem Bogen und prasselte auf ihre Windschutzscheibe. Sein Vater startete ebenfalls den Wagen und ihre behelfsmäßige Tarnung schlitterte herunter und verfing sich in Rückspiegel, Scheibenwischern und Stoßstangen. Sein Vater ignorierte die Schleifgeräusche und beschleunigte. Auf den Armaturen waren ein paar rote Punkte zu sehen, die sich sprunghaft auf ihre Position zubewegten. Nur noch wenige Sekunden und einer der Verfolger würde aus dem Dickicht hervorbrechen. Ehe dies geschehen konnte, befand sich ihr kleiner Konvoi unter schützendem Blätterwerk.
"Glaubst du mir jetzt, dass ich nicht in geheimer Ludicorp-Mission unterwegs bin?", rief Georg Madorn zu Paul hinüber.
In Paul arbeitete es. Es war verrückt. Wem wollte er trauen, wenn nicht seinem eigenen Vater, der gerade seine Flucht organisierte? Ohne Hilfe würde er nie in die Interzone gelangen und dann würde ihm das KryoBag auch nichts mehr nutzen. Trotzdem. Er würde sein Geheimnis so lange wie möglich hinauszögern. Solange bis ihm keine andere Möglichkeit mehr blieb.
"Warum hast du dich nicht einfach von Mama scheiden lassen?", hörte er sich selber sagen. Offenbar hatten die Eröffnungen seines Vaters in seinem Unterbewusstsein weitergearbeitet und jetzt diesen Satz an die Oberfläche befördert. Sein Vater sah ihn verblüfft an.
"Warum ich mich nicht ...?"
„Es ist doch dann sowieso passiert. Aber du hättest Mama viel Schande erspart, wenn du es nicht im Heimlichen getan hättest."
"Na, dann hätten du und deine Schwester aber ganz schön dumm dagestanden. Ihr wart doch noch in der Schule und ich auf dem Weg ins mittlere Management. Von Felberstein ist selber kein Unschuldslamm, aber bei Ludicorp herrschte damals eine rigide Moral. Eine Scheidung hätte mich nachhaltig beschädigt. Damit hätte ich eure Ausbildung aufs Spiel gesetzt."
„Es war also besser sich alle paar Monate mit Lügengeschichten wegzuschleichen?"
Sein Vater sah ihn traurig an, soweit es der rasante Fahrstil und die ständige Beobachtung der Cockpit-Armaturen zuließ.
"Glaub mir, Paul, ich hatte das alles nicht so geplant."
"Na, das will ich doch wohl hoffen!"
"Das ist doch jetzt nur so eine Redensart. Mittlerweile bist du erwachsen und solltest wissen, wie solche Dinge für gewöhnlich laufen. Du hast doch selber eine Freundin, oder? Bist du noch mit dieser Biologin zusammen? Alice?"
"Alisa heißt sie", brummte Paul. "Nein, bin ich nicht. Und wenn du es genau wissen willst, die ist inzwischen lesbisch geworden und mit einer Frau zusammen."
"Na siehst du? Was glaubst du wäre passiert, wenn ihr vorher eine Familie gegründet hättet? Hättest du von ihr erwartet, dass sie diese Gefühle dir zuliebe für immer unterdrückt?"
Paul dachte nach. Ihm war es immer unangenehm gewesen solche Dinge mit seinem Vater zu besprechen. Warum ausgerechnet jetzt?
"Ich habe Regina zu einem Zeitpunkt getroffen, als deine Mutter und ich schon über einem Jahr nicht mehr miteinander geschlafen haben. Glaubst du, du könntest soviel Treue einer Frau gegenüber aufbringen, die dich pausenlos demütigt?"
"Papa, ich weiß nicht ob ich das alles wissen will!"
Aus dem Lautsprecher krachte die Stimme von Seyfried.
"Fahren Sie nordöstlich Richtung Eberswalde. Hinter Biesenthal führt ein Trampelpfad zum Flugplatz Eberswalde-Finow. Parken Sie einen Kilometer südlich davon und warten Sie auf weitere Anweisungen."
Sein Vater wischte mit der rechten Hand über die Armaturen und zoomte eine Karte der näheren Region heran.
"Scheint wir werden noch ein wenig länger miteinander auskommen müssen."
Eine Weile saßen sie stumm nebeneinander. Paul konnte, trotz allen Ärgers, nicht umhin seinen Vater zu bewundern. Das hier war etwas anders als in Designer-Anzügen in Besprechungsräumen und Flughafen-Lounges zu sitzen. Es war ein richtiges Abenteuer. Er erinnerte sich daran, wie sie sich vor fast zwanzig Jahren gemeinsam einen Unterschlupf im Grunewald gebaut hatten. Sein Vater hatte Stullen und Kakao eingepackt und sie hatten den ganzen Sonntag auf dem Bauch gelegen und Hasen beobachtet. Wo war das alles hin verschwunden? Wie konnte man die Menschen, die einem wirklich wichtig waren, so leicht aus den Augen verlieren? Das Gleiche galt für seine Mutter. Seit vielen Jahren sagte er sich, dass er nicht für seine Eltern verantwortlich war und in der Flucht vor den Verstrickungen in seine Vergangenheit hatte er vielleicht mehr Abstand gesucht als nötig gewesen wäre. Er war noch nie auf den Gedanken gekommen, dass seine Mutter vielleicht mehr war als das naive Opferlamm, das sich nach dem Ende ihrer Ehe in die Arme eines fanatischen Sektenführers geflüchtet hatte. Der wahre Grund, warum er den Kontakt zu ihr auf ein Minimum reduziert hatte, war, dass sie ihm mit ihrem irrationalen Geschwätz gehörig auf die Nerven ging. Das war nicht leicht zuzugeben. Da war es leichter gewesen sich hinter Nila zu verstecken. Nila liebte ihre Mutter genug, um regelmäßig Einkaufsbummel und Kaffeekränzchen über sich ergehen zu lassen. Paul hatte es ihr überlassen eine Ersatzpräsenz für ihn zu stellen.
"Es ist Zeit für dich erwachsen zu werden, Paul."
Die Worte seines Vaters rissen ihn zurück in die Jetztzeit.
„Zeit, deine eigenen Pläne zu verfolgen und deine eigenen Fehler zu machen. Es ist wahr, dass ich dich auf den Auftrag geschickt habe, aber du hättest auch 'Nein' sagen können. Du bist ein fähiger Programmierer und wenn du mich hättest helfen lassen, dann würdest du jetzt in einem Loft im Urbanen Zentrum Potsdamer Platz sitzen."
"Das ist ganz sicher nicht mein Weg, Papa."
"Nun, dann nehme ich an, dass das hier dein Weg ist."
Er stoppte abrupt den Wagen.
"Wir sind da. Jetzt können wir eigentlich nur warten bis Seyfried sich wieder meldet."
Paul kurbelte das Fenster herunter. Es dämmerte und um sie herum erwachte die Natur langsam wieder zum Leben.
"Was glaubst du haben deine Konzerntypen vor?", fragte Paul dann.
"Ich nehme an, sie versuchen ein Flugzeug zu chartern. Wenn man jemanden nach Berlin bringe will, ist das wohl das ideale Fortbewegungsmittel."
"Und wer soll die Maschine fliegen?"
"Na, ich. Nehme ich an."
"Du?", fragte Paul ungläubig.
"Ja, ich. Kleinflugzeuge fliegen gehört zur Grundausbildung für Konzern-Manager."
Wieder musste Paul feststellen, dass er seinen Vater unter- und sein Wissen über die Ludicorp-Machenschaften überschätzt hatte. Was machten diese Leute, während sie mit Motorflugzeugen durch die Gegend flogen?
"Weißt du Papa, in den letzten Wochen habe ich Dinge erlebt, die mich sehr verändert haben. Vielleicht sollte ich dir tatsächlich dankbar sein, dass du mir diesen Schubs gegeben hast. Ich weiß zwar noch nicht, ob ich dir in der Sache mit dem KryoBag trauen kann, aber glaub mir, das was sich in dieser kleinen Kiste befindet, wird die Situation in der Interzone grundlegend verändern."
"Und ich werde dich fürs Erste nicht mehr fragen, was es damit auf sich hat. Das hier ist dein Spiel. Aber traust du mir wenigstens soweit, dass ich auf deiner Seite bin? Team Madorn?"
Georg Madorn sah seinen Sohn lange an.
"Deal?"
"Deal!", sagte Paul und fühlte sich so gut wie seit Monaten nicht mehr.
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Welt 3
Science Fiction2042 - Berlin und andere europäische Großstädte haben sich in sog. Interzones abgeschottet, in denen die digitale Bohème, das Kiez-Proletariat, HiTech-Konzerne und das Militär koexistieren. Die Freie Region Brandenburg ist ein wüstes Land, in dem di...
