Paul lag mit glühender Stirn in dem billigen Motelzimmer, das seine Schwester für ihn gebucht hatte. Es war so eng, dass er sich nur in gebückter Haltung bewegen konnte. Es gab eine winzige Nasszelle, deren Duschkopf Wasser in lächerlich kleinen Dosen freigab, wenn man ausdauernd auf einen Pumpknopf aus Hartgummi eindrosch. Aus den angrenzenden Zimmern drangen lautstarke Männerstimmen, die miteinander stritten oder dröhnend lachten. Paul hatte Mühe die Augen aufzuhalten und die Geräusche aus den Nachbarzimmern vermischten sich mit den Nachrichten aus dem Lautsprecher des Wandbildschirms.
Sein Kehle schmerzte. Er hatte Durst bekommen und seine Zunge klebte schwer am Gaumen. Er beschloss an der Rezeption etwas Eis holen zu gehen um seine Stirn zu kühlen.
Der Weg führte über einen schmales gummiertes Laufgerüst, das die einzelnen Zimmer miteinander verband. Der Himmel war blauschwarz und schien matt zu fluoreszieren. Einige Zimmertüren waren offen und gaben den Blick auf das Innere frei. Dort saßen kleinere Gruppen von Männern zusammen, inmitten eines Gewirrs von Seesäcken und Plastiktüten. Sie tranken Wein aus einem großen Kanister. Paul beeilte sich die Treppe ins Erdgeschoß zu nehmen und fand den Eisspender in einer kleinen Glaskabine neben dem Getränkeautomaten. Die Kabine war durch eine weitere Glastür von der eigentlichen Rezeption getrennt. Es roch metallisch, verbrannt und irgendwie ölig. An einem kleinen Bistrotisch im hinteren Teil der Kabine stand ein Mann in den Fünfzigern und trank ein Bier. Offenbar nicht sein Erstes, denn ein kleiner Kippmülleimer neben dem Tisch quoll von Bierdosen über und eine Plastiktüte mit verdächtigem Inhalt stand neben ihm auf dem Boden. Paul zog einen Beutel aus dem Spender und füllte ihn mit Eis.
"Hilft beim Denken, was?", raunte der Mann aus der Ecke. Paul überlegte, ob er auf diese sinistre Bemerkung eingehen sollte, beschloss dann aber den Mann zu ignorieren. Er beeilte sich, war aber bemüht nicht den Eindruck zu erwecken, dass er irgendwie Angst vor dem Betrunkenen haben könnte. Tapfer versuchte er dem Blick des Mannes zu begegnen, wie er hoffte mit einer Mischung aus Mitleid und Verachtung. Dieser stand jedoch im Schatten der ohnehin schwach beleuchteten Kabine, so dass Paul nur zwei Reihen blendend weißer Zähne sehen konnte. Der Mann grinste. Hastig verließ Paul die Kabine und ging zur Treppe.
Im ersten Stock versperrte eine Gruppe von rauchenden Männern den Gang. Paul versuchte an ihnen vorbeizukommen, doch ein vierschrötiger Typ stellte sich ihm in den Weg.
„Bist nicht aus der Gegend, was?"
Paul musterte den Mann und versuchte abzuschätzen ob irgendeine Gefahr von ihm ausging. Der Mann lächelte schief. Es war nicht eindeutig auszumachen ob er Paul daran hindern würde in sein Zimmer zu gelangen oder ob er einfach ungeschickt war. Jedenfalls würde Paul nicht an ihm vorbeikommen ohne ihn unsanft zur Seite zu schieben. Er lehnte sich an das Außengeländer und versuchte lässig zu wirken.
„Bin aus Berlin. Nur auf der Durchreise."
Der Mann sah Paul durchdringend an, zog an seiner Zigarette und schnippte sie dann über das Geländer.
„Berlin, hmm? Lassen Sie euch da noch raus?"
„Na klar. Die Stadt ist nach wie vor offen. Auch wenn keiner einem sagt, was im Süden los ist."
„Hab gehört, dass es den Arbeitern in Mitte echt übel gehen soll. Ich und die Jungs haben versucht in der Interzone Arbeit zu finden ..."
„Davon weiß ich nichts. Die normalen Wohngebiete sind ziemlich isoliert."
„Normale Wohngebiete", wiederholte der Mann höhnisch und sah vieldeutig zu den anderen beiden Männern hinüber.
Der eine von ihnen schien unbeteiligt, der andere kratzte sich nachdenklich am Kinn. Keiner sagte ein Wort.
Unten schepperte die Tür der Glaskabine und jemand schien in Richtung Treppe zu schlurfen.
Paul legte demonstrativ die Hände in den Nacken und streckte sich.
„Es ist schon spät ... "
„Na, wer wird den müde werden, jetzt wo wir uns gerade so gut unterhalten?", fragte der Mann mit gespielter Sanftheit.
„Du hast ja nicht mal Elijah kennengelernt."
Unglücklich bemerkte Paul, dass jemand aus dem Erdgeschoss die Treppe hochkam. Das musste der Biertrinker sein. Er versuchte an dem Vierschrötigen vorbeizukommen, aber dieser bückte sich umständlich, um eine Bierdose aufzuheben, die vor ihm auf dem Boden stand.
Plötzlich stand der Mann aus der Glaskabine direkt hinter Paul. Er legte ihm den Arm auf die Schulter. Paul zuckte heftig zusammen.
„Na, wer wird den gleich erschrecken? Hast du denn gar keinen Hunger?"
„Nein, eigentlich nicht. Hören Sie, ich hatte einen anstrengenden Tag und würde wirklich gerne einfach ins Bett gehen."
Der Mann ignorierte seine Bemerkung. „Ich wollte auch noch etwas essen, aber irgendwas hat die verdammte Mikrowelle gegrillt. Nur noch verkohltes Protein und Plastikmatsch. Kann man nicht essen ..."
„Elijah, der junge Mann hier kommt aus Berlin, behauptet er zumindest.", wandte sich der Vierschrötige an den Biertrinker.
„Ah, Berlin", der Mann, der offenbar Elijah hieß, öffnete eine weitere Dose Bier und schlürfte gierig den Schaum ab.
„Ich habe auch mal in dieser Stadt gewohnt. Kurz vor der Invasion. In Kreuzberg. Ich habe damals nicht viel gemacht, außer im Trinkteufel und auf der Oranienstraße rumzuhängen."
„Wen wundert es?", dachte Paul.
„Ich könnte nicht sagen an welchem Tag es genau angefangen hat. Es muss in einem Spätsommer gewesen sein. Ich wollte ins Freibad an der Prinzenstrasse und die Drehkreuze waren geschlossen. Wasserverschmutzung, hieß es ... Dann waren sie nie wieder geöffnet. Ganz im Gegenteil, es erschienen immer mehr Drehkreuze, an den Eingängen der U-Bahn-Höfe, vor den Geschäften, mitten auf dem Kottbusser Damm. Mir war's egal, solange ich ein bisschen Mucke machen konnte. Natürlich haben die Leute viel geredet. Da war immer so ein Typ aus einem anderen Stadtbezirk, der allerlei Gerüchte kannte. Die Provinz Berlin-Brandenburg ist zu hoch verschuldet. Der gesamte quartäre Sektor, diese Web2.0- und App-Scheiße, ist zusammengebrochen. Vorher hieß es noch im Regionalfernsehen: Berlin ist auf dem Vormarsch. Über 300 Firmengründungen im laufenden Geschäftsjahr. Die digitale Wirtschaft boomt! Und dann: Keiner wollte den Scheiß mehr haben, die meisten konnten sich nichtmal mehr ein Smartphone oder Laptop leisten. Die EU-Regierung, so erzählte der Typ, habe beschlossen Berlin-Brandenburg in eine Hochleistungs-Agrarregion umzuwidmen. Nachts seien Militärs gesichtet worden, die Barrikaden aufstellten. In dem Medien hast du jedenfalls nichts davon mitbekommen. Die, die noch gejailbreakte Laptops oder freien Netzzugang hatten schauten sich Pornovideos an, Katzenbilder, Gossip von Models und Schauspielern. Und die, die sich für politisch hielten, teilten Statusmeldungen gegen Umweltverbrechen, die keiner überprüfen konnte. Ich habe selber mal eine Umweltkatastrophe erfunden, nachts im Trinkteufel, nach dem siebten Korn-Cola. Ein paar Wochen später erzählte mir ein Freund von dieser „großen Schweinerei, die die wieder angerichtet haben". Geglaubt hat das sowieso keiner. Politik hieß für uns Parkuhren mit Strickzeug zu verschönern und Graffitis zu fotografieren. Irgendwann kamst du dann aus Kreuzberg nicht mehr raus. Und in deine Wohnung nicht mehr rein. Ich habe dann noch ein Jahr im Festsaal Kreuzberg gelebt und dann bin ich abgehauen ..."
Paul hatte dem unerwarteten Vortrag mit offenem Mund gelauscht.
„Hast nie von gehört, wa?"
„Weiß nicht, ich habe mir da nie Gedanken drüber gemacht. Ich war ja noch klein."
„Wo wohnst'n du so?"
„Im Wohnkomplex Ernst-Thälmann-Park, ich ..."
„Ach!? Du bist einer von den Digitalschnöseln. Digitale Bohème, wa? Ihr habt uns die ganze Scheiße doch eingebrockt. Schön Zahlen hin und her schieben und das dann für Arbeit halten."
„Ja, aber die Maschinen machen doch die ganze Arbeit. Die Läden in den urbanen Zentren sind voll. Uns fehlt es an nichts ..."
„Schön für dich. Und was glaubst du ist mit den Leuten passiert, die früher in der Industrie oder auf den Feldern gearbeitet haben?"
Elijah leerte seine Bierdose und warf sie in hohem Bogen über das Geländer.
„Naja, es gibt doch soziale Mindestversorgung und die Jobs in den HFCS-Fabriken. Reparatur- und Wartungsarbeiten. Die Organic Farms. Ich ... keine Ahnung!"
Elijah stierte mit wässrigen Augen auf den von gelblichem Neonlicht gestreiften Parkplatz.
„Deutschland ist ganz schön am Arsch, Kleiner. Und weißt du was das Schlimmste ist: Keinen interessiert es! Die die noch einen Job haben wollen Stars werden und die die keinen Job haben, wollen unbedingt Arbeit."
Jetzt mischte sich der vierschrötige Kerl wieder in die Diskussion. Seine Kumpel waren in der Schlafkabine verschwunden und sahen sich eine Spielshow an, die sie mit lautem Grölen kommentierten.
„Wir haben kein Bier mehr, Elijah. Ich würd' ja noch was holen gehen, aber wir haben alle keine Kohle mehr."
„Wer weiß, vielleicht will ja unser Bohemian hier ein paar Bier springen lassen. Oder hast du nur virtuelle Kohle?"
Paul, der hoffte sich aus dieser unangenehmen Diskussion irgendwie freikaufen zu können, kramte in der Tasche und holte einen 10-Euro-Schein hervor.
„Hier, mehr hab' ich nicht ... "
Elijah und der Vierschrötige sahen sich kurz an und lachten dann krachend.
„Pass mal uff, Keule. Du kaufst uns zwei Sixpack Bier und dafür lassen wir dich in Ruhe, ok?"
Offenbar hatte die Erinnerung an Berlin den Dialekt des Mannes erneut zum Leben erweckt. Paul schätzte, dass Elijah in etwa so alt wie sein Vater sein musste. Er zuckte mit den Schultern und nickte. Vielleicht waren die Männer wirklich nur ein paar harmlose, frustrierte Säufer. Er zwängte sich an Elijah vorbei und machte sich auf dem Weg zum City Monoprix auf der anderen Seite des kleinen Industriegebietes in dem sich das Motel befand.
Als er fünfzehn Minuten später, bewaffnet mit zwei Sixpack Bier und einer kleinen Schachtel mit Kräuterschnäpsen, auf das Laufgerüst stieg, war außer einem vollen Aschenbecher und einigen Bierdosen niemand mehr zu sehen. Er stellte die Einkäufe vor die Tür des Zimmers in dem die Arbeiter verschwunden waren und lauschte vorsichtig an der Tür. Es war kein Geräusch zu hören. Er fingerte sich eine Dose aus dem plastic strap, ging leise auf sein Zimmer und verriegelte die Tür. Er schaffte es gerade noch einmal an der Dose zu nippen, dann fiel er in einen traumlosen Schlaf.
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Welt 3
Science Fiction2042 - Berlin und andere europäische Großstädte haben sich in sog. Interzones abgeschottet, in denen die digitale Bohème, das Kiez-Proletariat, HiTech-Konzerne und das Militär koexistieren. Die Freie Region Brandenburg ist ein wüstes Land, in dem di...
