Als Alisa am Dienstag morgen in die TU kam, fielen ihr sofort die wenig studentisch aussehenden Herren in dunklen Konfektionsanzügen an, die Zeitung lasen, Aushänge studierten oder hinter halbgeöffneten Türen auf Universitätspersonal einredeten. Thomas erwartete sie vor seinem Büro, warf noch einen verstohlenen Blick in den Gang und schloss dann die Tür hinter ihnen ab. Er hatte ein wenig aufgeräumt, so dass der grosse Wandbildschirm und das dazugehörige Terminal die perfekte Kulisse für die Kamera abgaben, die hinter den Bürostühlen auf einem Stativ stand. Die Bücher und Papiere die dort bei ihren früheren Besuchen gelegen hatte waren achtlos außerhalb des Sichtfeldes der Kamera aufgestapelt.
„Hast du die Unterlagen gelesen, die ich dir zugeschickt habe?"
„Klar!"
Alisa spontane Replik wirkte wenig überzeugend.
Thomas brummte unwillig. Er legte einen seltsamen Ernst an den Tag, der so wenig zu seinem sonst schelmischen Wesen passte.
„Bitte, Alisa. Der Metzinger-Test erfordert es, dass du die Kriterien für postbiotisches Bewusstsein in- und auswendig kennst. Sonst ist deine Expertise am Ende nicht aussagekräftig. Dass ein beliebiges System sich so verhält, als ob es echte Farben sehen oder wirklichen Schmerz empfinden könnte, ist kein gültiger Beweis. Auch wenn das System auf sprachlicher Ebene behauptet, es hätte tatsächliche bewusste Erlebnisse, hilft das wenig weiter."
Alisa machte keinen Hehl daraus, dass sie gereizt war.
„Und wenn ich ANN jetzt ‚das System' nenne, dann komme ich der Wahrheit näher? Was mich betrifft, so könntest auch du lediglich behaupten Bewusstsein zu besitzen. Was weiß ich denn, was in deinem Inneren vorgeht?"
„Aber ich stehe hier nicht auf dem Prüfstand, oder? ... Hör mal, ich will doch nur, dass wir diesen Test sauber durchziehen. Wer weiß, wann wir das nächste Mal Gelegenheit bekommen den Universitäts-Mainframe zu benutzen. Ich musste mein ganzes Renommee in die Waagschale werfen, damit uns kein Interzone-Beamter über die Schulter schaut. Was die Universität angeht, spielen wir hier ein wenig ‚Game of Life'."
Er machte eine dramaturgische Pause.
„Darf ich jetzt nochmal die Theorie mit dir durchgehen?"
Alisa massierte ihre Stirn und nickte kraftlos.
„Weißt du noch was das erste Kriterium für Bewusstsein ist?"
„In-der-Welt-sein. Das System muss eine einheitliche innere Darstellung der Welt besitzen und diese Darstellung muss global verfügbar sein", rezitierte Alisa monoton.
„Schön. Und was heißt das auf Deutsch?"
„Dass ich, also ANN", sie räusperte sich, „dass ‚das System' ein einheitliches Realitätsbild besitzt, welches es begrifflich fassen kann, über das es sprechen kann und innerhalb dessen logischen Grenzen es handelt."
„Immer noch kein Deutsch, aber etwas besser. Warum trifft diese Definition nicht auf deinen digitalen Assistenten zu?"
„Naja, zumindest mein Slate spricht selten über sich selbst."
Alisa hob ihre rechte Hand und redete auf ein imaginäres Slate ein.
„Jimmy, was denkst du gerade?", sie simuliert die monotone Stimme eines digitalen Assistenten, „Bitte spezifizieren Sie ihre Eingabe. Möchten Sie einen Wetterbericht?"
Thomas lächelte dünn.
„Also scheitert dein digitaler Assistent schon am ersten Kriterium. Gehen wir mal davon aus, dass unser System hier schlauer ist. Was käme als nächstes?"
„Das System soll ein ‚virtuelles Gegenwartsfenster' besitzen, also über Erlebnisse und Wahrnehmungen so verfügen, dass sie als zeitlich unmittelbar erscheinen ..."
„Gut! Wie fragst du danach?"
„Ich frage: ‚Wie fühlst du dich jetzt, nachdem ich gefragt habe, was du denkst?'"
„Genau. Wobei auch das nur ein notwendiges, aber kein hinreichendes Kriterium ist. Unser System braucht eine dynamische Hierarchie von Objekten, Szenen, Kontexten und Situationen, um als nicht-trivial zu gelten ..."
Alisa gähnte demonstrativ.
„Und mein System braucht jetzt einen Kaffee um als nicht-trivial zu gelten."
Thomas seufzte.
„Na gut, machen wir eine Pause und dann gehen wir ein wenig in die Praxis. Wir müssen den Metzinger-Test ja nicht am Stück durchführen. Ich initialisiere schonmal die Sandbox."
Während Thomas am Terminal saß und sich durch Algorithmen und Textwüsten wühlte, ging Alisa das Automatengebräu holen, dass selbst für Interzone-Verhältnisse nur mit viel Phantasie als Kaffee durchging.
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Welt 3
Science Fiction2042 - Berlin und andere europäische Großstädte haben sich in sog. Interzones abgeschottet, in denen die digitale Bohème, das Kiez-Proletariat, HiTech-Konzerne und das Militär koexistieren. Die Freie Region Brandenburg ist ein wüstes Land, in dem di...
