Wenn sie später jemand fragte, wie sich das Erwachen angefühlt habe, holte Alisa für gewöhnlich tief Luft und ihre Mimik verfinsterte sich für einen Augenblick, wie das Gesicht eines Kindes, das seinen Eltern von der Schule berichten sollte. Wie sollte sie das Amalgam aus Selbstverständlichkeit, Beschämung, Fremdheit und existentieller Angst in Worte fassen? Nach und nach hatte sie sich eine Handvoll Metaphern angeeignet, die sie abspulte, um die Neugier der Anderen zu befriedigen.
"Stell dir vor, du bist eine Fliege die auf jedem Facettenauge ein Arsenal an Restlichtverstärkern, Infrarotbrillen und Linsen unterschiedlicher Stärke befestigt hat. Die Ohren sind Radioteleskope und der Körper empfängt Schwingungen im Infraschall-Bereich, so dass du den Raum um dich herum fühlen kannst ... und ich meine richtig fühlen ... so plastisch spüren, wie es deine Fingerspitzen tun. Im meinem Kopf dröhnte es, als hörte ich zehn Podcasts gleichzeitig - vorwärts, rückwärts und seitwärts. Vor meinem geistigen Augen rotierten mehrdimensionale Objekte und der echte, dreidimensionale Raum - das Operationszimmer - wirkte so einförmig wie ein leeres Blatt Papier. Ich brauchte eine ganze Weile um die flachen Avatare zu bemerken, die Kontakt zu mir suchten."
Spätestens hier wurden die ZuhörerInnen, die noch kein Datafat implantiert hatten, entweder neugierig oder schwiegen und schnitten das Thema nie wieder an.
Paul und Der Chirurg, die im Operationszimmer waren, als Alisa aufwachte, berichteten weitaus prosaischer von einer in sich zusammengekauerten, zitternden Patientin, deren Augäpfel sich hektisch bewegten und immer wieder so verdrehten, dass man nur noch das Weiße sah.
„Pathologischer Nystagmus - extreme Supraversion", hatte Der Chirurg gemurmelt und immer wieder Puls und Blutdruck überprüft. Dann hatte Alisa plötzlich aufrecht in ihrem Bett gesessen und ihre beiden Freunde triumphierend angelächelt.
"Na, ihr Nasen? Was glotzt ihr mich denn so an?"
Und dann zu dem Chirurgen: "Was meinen Sie? Kann ich gehen? Es gibt eine Menge zu tun ..."
Der Chirurg hatte noch einmal den Puls gefühlt, mit den Schultern gezuckt und gesagt sie solle sich noch ein wenig schonen. Dann war Alisa aufgestanden, hatte eine Flasche Aqua Ion geleert und gefragt ob sie jetzt nach Hause fahren könne.
Was nach außen hin wie eine Spontanheilung wirkte, hatte sich für Alisa allerdings keineswegs so angefühlt. Das Erste an das sie sich erinnern konnte war ein polyphonisches, kaleidoskopisches Chaos ohne Zentrum und Peripherie. Ihre Gedanken rasten, jeder Aspekt ihres Geistes war mit der Erfassung und Lösung eines anderen Problems befasst. Eine Überfülle an Sinnesdaten strömten auf sie ein, ohne Fokus, Gewichtung und Ziel. Eine Reihe von abstrakten Operatoren erschienen vor ihrem inneren Auge und machten sich daran den Datenstrom zu redigieren. Das alles ideell, objektiv, losgelöst von einem konkreten Ich, das sich dann selbst erschuf, in dem Moment als sein Fehlen offenbar wurde. Alisa fühlte sich selber, erinnerte sich an eine kohärente innere Erzählung und zog sich intuitiv in das zurück, was ihr schon immer Sicherheit gegeben hatte: Die Bibliothek ihres Vaters. Scheinbar endlose Reihen von teilweise streng geordneten, teilweise unmotiviert übereinandergestapelten Büchern, die sie in ihrer Kindheit durchstöbert hatte. In ihrer Vorstellung gab es einen kleinen Nierentisch aus Buchenholz und einen bequemen Lesesessel, neben den sie sich auf den Boden kauerte. Auf dem Tischchen stapelten sich eine Dutzende Bücher, gespickt mit Post-Its und Zettelchen und vor ihr auf dem Boden lag noch eine Handvoll weiterer, aufgeschlagener Bücher. Ohne Hunger oder Durst zu verspüren stöberte sie in den Folianten, Taschenbüchern, Enzyklopedika, Zettelsammlungen und Manuskripten. Ihre Augen saugten gierig jedes Wort, jeden Buchstaben auf. Immer wenn ihr der Lesestoff ausging, machte sie sich auf die abenteuerliche Reise in die Weiten der Gänge. Sie befreite Regale von Spinnweben, wischte halb versteinerte Mäuseskelette beiseite und trotzte den Schatten von geisterhaften Bibliothekaren, die sich ihr in den Weg stellten. Am Ende ihrer Reisen, die zeitlos waren, da sich das Licht in der Bibliothek nie änderte, kehrte sie mit ihren Schätzen zum Lesesessel zurück. Sie lernte. Sie las über die zyklische Struktur der Zeit, die mathematischen Beschaffenheit des Universums, fasste die Welt in Begriffe, sah ihren Irrtum ein und verwarf sie wieder. Es gab Bücher, die vorgaben, eine komplette Liste aller Bücher der Bibliothek zu enthalten, sich aber nicht einmal selber enthielten. Die Bibliothek war endlos und sie hätte ewig lernen können. Reisen, stöbern, entdecken, katalogisieren, verwerfen. Doch eines Tages, nach Monaten, Jahren, Jahrzehnten, nachdem eine Sekunde der Ewigkeit verstrichen war, entschied Alisa, dass sie nun genug gelernt hatte und zurück in die Welt kehren musste. Als ihre Augen das wilde Suchen, den pathologischen Nystagmus, beendeten und sie sich in ihrem Bett aufsetzte, waren für Paul, Thomas und Dr. Gorska nur wenige Minuten vergangen. Alisa hingegen war neugeboren und enthielt hundert alte Seelen. Es gab den kohärenten Kern - Alt-Alisa - und davon holographisch abgespalten und doch verbunden - das Wissen und Wesen von Ann.
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Welt 3
Science Fiction2042 - Berlin und andere europäische Großstädte haben sich in sog. Interzones abgeschottet, in denen die digitale Bohème, das Kiez-Proletariat, HiTech-Konzerne und das Militär koexistieren. Die Freie Region Brandenburg ist ein wüstes Land, in dem di...
