Alisa hatte gerade den ersten Daiquiri des Tages getrunken, als ihr Slate einen Anruf von Thomas anzeigte. Im PACIFIC war es wie gewöhnlich so laut, dass sie zur Tür sprinten musste und die Gelegenheit nutzte, eine Zigarette an der frischen Luft zur rauchen. Es dämmerte gerade und eine Schar von schwarzen Vögeln flog knapp über die Rückseite der steinernen Ernst-Thälmann-Statue hinweg, die auf ihrem bronzenen Sockel die turbulenten 2020er-Jahre überdauert hatte. Auf die Entfernung sahen die Vögel aus wie mit schnellen Pinselstrichen gemalt. Als ihre Zigarette brannte, hatte der Anrufer bereits aufgegeben. Alisa drückte auf Wiederwahl und nach wenigen Sekunden war Thomas am Apparat.
„Hey, da bist du ja. Geht's gut?" Ohne eine Antwort abzuwarten sprach er weiter. „Ich habe dich angerufen, weil es ein paar neue Entwicklungen bezüglich unseres kleinen Experiments gibt."
Alisa sog langsam den Rauch ihrer Zigarette ein.
„Ich höre ..."
Wenn Thomas durch ihr abgeklärtes Desinteresse irritiert war, so ließ er es sich nicht anmerken. Wahrscheinlich war er einfach zu erpicht darauf, seine Neuigkeiten loszuwerden.
„Also, die Arbeit geht leider nur schrittweise voran, da ich das so zwischen Vorlesungen und Forschungsarbeit packen muss. Jedenfalls habe ich mittlerweile eine ganze Reihe von Regelwerken ausprobiert, aber nach einer bestimmten Anzahl von Generationen beginnen sich die entstehenden Muster immer zu ähneln. Sie zeigen die bekannten Figuren, fangen an zu pulsieren oder fliegen aus der Matrix raus in endlose Weiten. Ich habe einen neuen Gleitertypen entdeckt, aber das interessiert höchstens ein paar Freaks, die Muster aus zellulären Automaten sammeln und kommentieren."
„Und es gibt nicht noch ein Regelwerk oder einen Ansatz den du übersehen hast?", fragte Alisa.
„Ich glaube kaum. Außer vielleicht die, die von vornherein uninteressant sind. Mit der klassischen Herangehensweise sind kaum bahnbrechende Ergebnisse zu erwarten."
Thomas machte eine Kunstpause und versuchte ein nachdenkliches Räuspern. Einen Moment war es still in der Leitung. Dann hielt Alisa die Spannung nicht mehr aus.
„Ach komm schon, spuck's aus! Du hast einen anderen Weg gefunden?"
Sie konnte ihn förmlich grinsen hören.
„Kann man so sagen. Du hast dich sicherlich darüber informiert wie sich die „Blume des Lebens" konstruieren lässt?"
„Na klar. Ausgehend von einem Punkt zeichnet man einen Kreis und dann einen zweiten auf dem Radius des ersten. Dann springt man auf die Schnittpunkte der beiden Kreise und konstruiert weitere Kreise."
„Exakt. Und daraus habe ich mein neues Regelwerk entwickelt. Ein zellulärer Automat, der sich nicht auf die Nachbarzellen bezieht, sondern auf das was innerhalb des Kreisradius passiert. Gleichzeitig lasse ich in kleinerem Umfang neue Kreiskonstruktionen zu."
„Und? Was ist passiert?"
„Nicht viel. Die Simulation entwickelt komplexe Muster, aber am Ende reproduzieren sich einzelne funktionelle Einheiten. Ästhetisch gesehen wunderbar ..."
„... aber nur interessant für ein paar Freaks ... deine Worte!"
„Eben. Aber dann habe ich mich ein wenig belesen. Über evolutionäre Algorithmen und ihre Bedeutung für die Entwicklung künstlicher Intelligenz ... Da sind neuronale Netze sehr wichtig ..."
Alisa hielt den Atem an. War ihr Vorhaben so durchschaubar? Soweit sie sich erinnerte hatte sie in keinem Gespräch etwas von künstlicher Intelligenz gesagt. Aber einem brillanten Mathematiker wie Thomas war das natürlich sofort aufgefallen.
„... also habe ich ein neuronales Netz konstruiert. Im Prinzip ein Hopfield-Netz, dass aus kleinen Kohonen-Netzen besteht ..."
„Was für Netze?"
„Egal! Wichtig ist, dass es nun hunderte von Conway-Games gibt, die in einem neuronalen Netz miteinander verschaltet sind. An einige Eingänge habe ich externe Signalquellen angeschlossen. Zufallsgeneratoren, wenn du so willst: Webfeeds, FM-Radio, Kameras und so'n Kram. Außerdem kann die virtuelle Maschine jetzt Outputs generieren: Text, Video, Sprachsynthese ..."
„Stopp mal!" Thomas hatte sich geradezu in Rage geredet und Alisa kam nicht mehr mit. „Wieso denn externe Signalquellen?"
„Die Maschine muss von Anfang an in die Lage versetzt werden, Erfahrungen zu sammeln. Außerdem muss es Grundoptimierungsziele geben, die eine Bewertung der Erfahrungen ermöglichen."
Offenbar hatte Thomas ein produktives Eigenleben entwickelt und die Ideen antizipiert, die ihr bisher nur halb bewusst gewesen waren. Irgendwie ging ihr das zu schnell.
„Was könnten das für Ziele sein?"
„Ach, ich habe einfach eine Reihe von mathematischen und philosophischen Standardproblemen gefüttert und wenn ein neuronale Einheit lange Zeit nichts liefert, wird sie eliminiert ... Selbsterhaltungstrieb!"
Alisa zuckte zusammen. Wenn man von einem menschlichen Wesen reden würde, wäre das ganz schön pervers.
„Krass! Hat das wenigstens zu befriedigenden Ergebnissen geführt?"
„Nun ja, zunächst wurde ich zum Institutsleiter zitiert und musste ihm erklären, warum ich soviel Rechenkapazität absauge. Der Algorithmus ist ganz schön komplex, musst du wissen ..."
„Ja, ja, weiter ..."
„... mit dem Ergebnis, dass ich den Automaten jetzt nur noch nachts laufen lassen kann. Na und vorgestern habe ich dann einen Anruf aus Boston bekommen ..."
Wieder einer seiner enervierenden Kunstpausen.
„Justin, ein Kollege vom MIT hat mich angerufen, weil er im Netz auf einen Kennung unserer Universität gestoßen ist. Du musst wissen, dass jede Conway-Simulation mit einer speziell codierten Seriennummer versehen wird, um Redundanzen zu verhindern. Wir wollen ja nicht alle möglichen Sachen doppelt laufen lassen ... Jedenfalls hat Justin unsere Kennung im Code eines kommerziellen Dienstleister gefunden und ist stutzig geworden. Anscheinend hat sich im Backbone der Firma Cisco Systems in Boston eine selbständige Simulation installiert. Justin hat das genauer untersucht und festgestellt, dass die Simulation ihre eigenen Gleiter - also kleine neuronalen Elemente - verschickt."
„Na toll", unterbrach in Alisa, „nach all dem Aufwand wieder nur Geekfutter?"
„Nein, keineswegs! So merkwürdige Formationen hatte mein Kollege noch nie gesehen. Es waren auch weniger Zellformationen, sondern komplexe Codefragmente. Er hat mir ein paar geschickt und es scheint sich um Schnittstellen an verschiedenen Foto- und Videodatenbanken zu handeln. Flickr, YouTube, vimeo und solche Seiten halt. Deren Feeds werden anschließend wahllos an verschiedene Rechenzentren verschickt. Keine Ahnung, was dann damit passiert. Eine ist jedenfalls als e-mail bei Justin gelandet."
„Mmmh ... Hilf' mir ein wenig auf die Sprünge, Thomas. Was ist daran jetzt so besonders?"
Ungeduldig blies sie den Zigarettenrauch in die kühle Abendluft.
„Na hörmal, eine komplexe Conway-Simulation mit der Kennung unserer Uni, die sich selbstständig auf einem kommerziellen Backbone installiert und eine Gleiterkanone entwickelt hat die neuronale Elemente verschickt?"
Es dauerte einen Moment bis die Information zu Alisa durchgedrungen war.
„Ok! I see ... Kannst du herausfinden woher das Programm kam und wie es dorthin gelangt ist?"
„Schon passiert!"
Thomas konnte den Triumph in seiner Stimme nur schwer verdecken. Anscheinend gab es doch noch etwas in ihm, das die schöne Alisa beeindrucken wollte.
„Halt dich fest: Ich bin ins Labor gegangen und habe mir das Logbuch des neuen Regelwerks angesehen. Anscheinend hat mein lokales „Spiel des Lebens" ein Kommunikationsprotokoll geschrieben und sich durch das Intranet der TU nach draußen geschummelt. So etwas ist bisher noch nie vorgekommen!"
„Die „Blume des Lebens" ist ins Netz gewuchert!"
„Ganz so pathetisch hätte ich es vielleicht nicht ausgedrückt, aber ja. Es sieht ganz so aus!"
Alisa entschied, dass dies einen weiteren Drink wert war. Herr Bresch, der sonst nicht gerade durch Empathie glänzte, hatte schon ein neues verführerisch glitzerndes Glas Erdbeer Daiquiri auf die Theke gestellt.
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Welt 3
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