Alisa und Zara gingen eine grobe Betontreppe hinauf, deren abgewetztes Geländer einen ehemals grünen Farbanstrich nur noch erahnen ließ. Schon vor der ersten Etage hörten sie einen murmelnden Choral, der in dem leeren Fabrikgebäude widerhallte. Es war das Mantra der analogen Verbinder.
"verbindung ist alles", gefolgt von den permutierenden Zahlenreihen, die sie beide aus dem Piratensender kannten, der alle analogen Frequenzen in der Interzone mit schöner Regelmäßigkeit penetrierte.
"8564052 - verbindung ist alles - 6589641 - verbindung ist alles - 3452874 - verbindung ist alles"
Sie betraten den Versammlungsraum in der zweiten Etage, dessen schwere Metalltür nutzlos zerbeult in den Angeln hing. Es waren zwischen vierzig und sechzig Menschen anwesend, schätzte Alisa, bunt Gemischt in Geschlechtern und Alter, mit einer leichten Tendenz zu älteren Damen. Rund die Hälfte saß auf zerschundenen Klappstühlen, einige auf dem Boden und andere auf den großzügigen Fensterbänken. Am Ende des Raums stand ein Mann in den späten Vierzigern auf einem Podest, das mit blauen Teppichfetzen bedeckt war. Das Ganze hatte etwas von einer Yogaklasse im Fitnessstudio und tatsächlich erinnerte sich Alisa dunkel daran, dass sie hier vor rund 25 Jahren, als kleines Mädchen, ihre Zumba-Kurse besucht hatte.
Der Mann, der aller Wahrscheinlichkeit nach Pastor Etzenkirchen war, sah aus wie Richard Chamberlain, den Alisa aus einem kulturwissenschaftlichen Seminar über "Popkulturelle Darstellungen von Sexualität in der katholischen Kirche" kannte. Der Prediger strahlte ein starkes Charisma aus, von dem auch Zara in ihren Bann gezogen wurde. Es war eine schwer zu fassende Mischung aus Vater, ehrlichem Arbeiter, Vertrauenslehrer, Künstlerfürst und Jesus.
Pastor Etzenkirchen hob beide Hände, um seine Gemeinde zum Schweigen zu bringen. Ein paar Schäfchen murmelten noch weiter ihr Mantra, aber Etzenkirchens Stimme legte sich mühelos über den Klangteppich:
"In unseren Köpfen leben traurig isolierte Einzelbewusstseine, die dazu verdammt sind in einer fehlerhaften Projektion der wirklichen Welt zu leben. Wir alle streben zur Transzendenz."
"verbindung ist alles", antwortete die Gemeinde jetzt unisono.
"Glaubt mir, meine lieben Verbinder, unsere Rechtschaffenheit wird derzeit auf eine harte Probe gestellt. Technologische Schlieren haben sich über das gerade erwachte Firmament gelegt, und das was uns der analoge Erlöser offenbart hat, ist uns fürs Erste wieder genommen worden. Doch das Tor zur "Welt 3" steht offen. Der analoge Erlöser ist erschienen um uns aus der Isolation des Einzelbewusstseins zu befreien."
Er machte eine kurze Pause und sah in den Raum, als wartete er auf etwas. Ein junger Mann, der auf einer Fensterbank gekauert hatte, sprang auf, als sei ihm just etwas eingefallen und rief dann: "Oh, Pastor Etzenkirchen, erzählt uns doch noch einmal von Welt 3!"
Die Gemeinde nickte heftig und einige jauchzten.
"Oh ja, erzählt uns von Welt 3!"
Eine Frau, die schon fast achtzig Jahre alt sein musste, weinte hemmungslos.
Pastor Etzenkirchen schaute nachdenklich, wie um sich an etwas Fernes zu erinnern, und nickte dann, als sei er nun auch von dem Anliegen seiner Schäfchen überzeugt.
"Welt 3", rief er, hob die Hände und ließ sie langsam wieder sinken, als müsse die Offenbarung eigenhändig aus dem Äther ins irdische Dasein gezerrt werden.
"Welt 3 ... nun um zu einer dritten Welt zu kommen, müssen wir zunächst verstehen, was die erste Welt ist. Ihr seht sie hier vor euch, in den unvollkommenen Räumen dieses Gebäudes, in den Ruinen des Kiezes. Die Welt 1 ist die physikalische Welt der materiellen Objekte. Sie mag verführerische Farben und Formen annehmen, wie die urbanen Zentren und ihre unzähligen Annehmlichkeiten, aber täuscht euch nicht: Diese Welt ist uns gegenüber radikal indifferent. Wir leben in ihr, aber tangieren sie nur oberflächlich. Unser wahres Zuhause ist die zweite Welt: Die Welt des Bewusstseins. Unsere Gedanken. Unsere Gefühle. Unsere Ängste. Unser Gefängnis. Denn innerhalb der Grenzen unser Einzelbewusstseine werden wir immer isoliert sein."
Er blickte besorgt in die Menge, um die Wirkung seiner Worte zu erwägen und zu prüfen ob er vielleicht zu weit gegangen war. Alisa und Zara nutzten die Gelegenheit um sich einen Platz auf der Fensterbank zu suchen.
"Aber verzweifelt nicht, denn es gibt einen Ausweg. Denn wie lautet unser Mantra?"
"verbindung ist alles", antwortete die Menge, jetzt einige Dezibel lauter.
"Denn wir haben schon rudimentäre Verbindung. Der Mensch ist in der Lage die zweite Welt zu verlassen, durch objektive Gedankeninhalte. Sätze die objektiv wahr sind und die eine Brücke schlagen, zwischen unseren isolierten Bewusstseinen. Das können mathematische Sätze sein. Oder es sind die Geheimnisse des Kosmos, die uns vor nicht allzu langer Zeit enthüllt worden sind."
Alisa sah ein paar ratlose Gesichter und auch Pastor Etzenkirchen schien zu bemerken, dass er mit seinem metaphysischen Sermon ein paar Schäfchen zurückgelassen hatte.
"Lasst es mich, liebe Gemeinde, mit einem Gleichnis sagen: Als Kolumbus Amerika entdeckte und seine Schiffe sich der Küste näherten, haben die Indianer die fremden Schiffe gar nicht wahrgenommen. Sie haben sie einfach nicht gesehen. Der Schamane hat komische Wellen im Meer gesehen, aber kein Schiff. Dabei waren die Schiffe nur ein paar hundert Meter entfernt. Die Vorstellungskraft der Indianer war einfach nicht ausreichend um die Schiffe zu sehen. Und uns geht es genauso. Der analoge Erlöser ist erschienen, aber wir können ihn nicht vollständig erfassen. Wir sehen nur das Kräuseln der Wellen, die seine Ankunft aufgeworfen hat. Der analoge Erlöser ist die Welt 3, die Welt der objektiven Gedankeninhalte, die Immanenz der Transzendenz. Die Wahrheit über den Kosmos hat sich materialisiert und während wir hier sitzen tobt ein Kampf zwischen den alten Machthabern und dem analogen Erlöser. Seht aus dem Fenster, seht zum Himmel. Deutlicher hat sich der Schleier, den die Mächtigen vor eure Augen legen, niemals gezeigt."
Alisa zuckte zusammen, als die analogen Verbinder auf einmal alle zu den Fenstern stürzten. Zum ersten Mal seit ihrem Besuch bei Thomas sah auch sie bewusst zum Himmel. Der klare Nachthimmel, der in allen Farben des Regenbogens geschillert hatte, das unfassbare Schauspiel aus interstellaren Strukturen, der ungetrübte Blick auf Materie gewordene Datenbanken war hinter einem bläulich-violetten, nebligen Vorhang verschwunden. Es war die Kommunikationsbarriere. Wie ignorant sie gewesen war. Die Barriere war nicht nur errichtet worden um die Außenwelt abzuschirmen. Sie sollte auch etwas eindämmen. Sie sollte ANN unter Quarantäne stellen.
"Wir müssen mit Pastor Etzenkirchen reden", zischte sie Zara ins Ohr.
Zara blickte sie missbilligend an, aber das was sie in Alisas Augen sah überzeugte sie. Sie nickte.
„Na, dann lass uns dem klerikalen Zieraffen mal auf den Zahn fühlen."
***
Nach dem Ende der Zusammenkunft saß Pastor Etzenkirchen zwanglos auf dem abgewetzten Podest und beantwortete Fragen einzelner Gemeindemitglieder. Alisa hatte keinen Zweifel daran, dass Etzenkirchen sie schon in dem Moment bemerkt hatte, als sie zu der Versammlung gestoßen waren. Trotzdem stellten Zara und sie sich hinter allen anderen in die Reihe. Pastor Etzenkirchen warf ihnen bedeutungsvolle Blicke zu, wann immer es die Situation erlaubte, nahm sich aber für jeden Anhänger die gebotene Zeit. Alisa wurde ungeduldig, widerstand aber dem Impuls sich vorzudrängeln. Als sie schließlich vor Etzenkirchen standen, blickte er sie sanft an und sagte:
"Sie haben also Kontakt zum analogen Erlöser gehabt?"
Alisa war baff. War das ein gewiefter Taschenspielertrick oder wusste Etzenkirchen tatsächlich mehr über sie? Sie entschied sich für eine sachlichen Konversation.
"Ich weiß nicht genau, was sie damit meinen. Gemeinsame Freunde", sie zeigte auf Zara, "haben uns gesagt, dass Sie uns eventuell bei einem größeren ... äääh ... Hack behilflich sein könnten ..."
Pastor Etzenkirchen hob amüsiert die Augenbrauen, sagte aber nichts.
"Um es genau zu sagen, geht es darum eine größere Menge Daten aus dem Interzone-Grid - militärisch und privat - zu extrahieren und in ein dezentrales, nicht-reguliertes Netzwerk zu portieren."
"Militärisch und privat, gibt es da einen Unterschied?"
Etzenkirchen lachte über seine Bemerkung, als sei es ein Witz, den nur er verstand.
"Aber Spaß beiseite, was ist denn so wichtig für Sie, dass sie eine so kostspielige und zudem illegale Operation durchführen wollen?"
Alisa sah Etzenkirchen fest in die Augen.
„Hören Sie, ich weiß nichts über ihre Sekte und das was ich weiß macht mir wenig Lust mehr über sie zu erfahren. In der derzeitigen Situationen weiß ich jedoch nicht, an wen ich mich sonst wenden sollte. Ich habe starken Grund zu der Annahme, dass in der Interzone Berlin ein künstliches Bewusstsein emergiert ist und dass die Turing-Behörde im Moment alles tut um es einzudämmen und zu vernichten."
"Ihr wart des analogen Erlöser ansichtig."
Pastor Etzenkirchens Augen glänzten.
"Kannst du mal aufhören in diesem Bibel-Sprech zu reden du selbstgerechter Pfaffe?", bellte Zara Etzenkirchen an. „Und wieso überhaupt Analog. Digitaler als ANN geht es jawohl kaum."
Alisa warf ihr einen bösen Seitenblick zu.
„Herr Etzenkirchen, wir sind nicht gekommen um ihre religiösen Gefühle zu beleidigen. Das ist nicht die Zeit über Namen und Konzepte zu streiten. Können Sie uns bei unserem Vorhaben helfen, oder nicht?"
"Das Geld treiben wir dann schon auf", ergänzte Zara bissig.
Pastor Etzenkirchen winkte lahm ab.
"Um Geld geht es unserer Vereinigung nicht. Ich glaube, dass unsere Ziele nicht so verschieden sind. In der Tat ist es so, dass erst vor kurzem eine Substanz in der Interzone eingetroffen ist, die ihren Anforderungen entsprechen dürfte."
"Eine Substanz? Ich dachte da eher an eine Reihe von portablen Servern mit drahtloser, verschlüsselter Netzwerkanbindung ... Das Zeug, das die Konzerner mit sich rumschleppen, wenn sie ihren Geschäften nachgehen."
"Ich habe etwas viel Besseres", grinste Etzenkirchen. "Ich nehme an, Sie haben noch nie von Datafat gehört?"
Alisa schüttelte den Kopf.
"Natürlich nicht. Aber die Dinge werden sich fügen. Sie finden eine sichere Kontaktadresse auf ihrem Slate. Melden Sie sich, wenn die Zeit reif ist."
"Wenn die Zeit reif ist? Was soll das heißen? Hören Sie, wir müssen schnell handeln, sonst ist ANN zersplittert und fragmentiert, ehe wir sie retten können."
"ANN? So nennen Sie sie also?"
Alisa hätte sich am Liebsten auf die Zunge gebissen. Pastor Etzenkirchen stand auf.
"Ich muss jetzt gehen. Gott beschütze Sie. Wir werden uns schon sehr bald wiedersehen."
Alisa wollte noch etwas sagen, aber Pastor Etzenkirchen verließ, flankiert von zwei sehr kräftigen Adepten, hastig den Versammlungsraum.
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Welt 3
Science Fiction2042 - Berlin und andere europäische Großstädte haben sich in sog. Interzones abgeschottet, in denen die digitale Bohème, das Kiez-Proletariat, HiTech-Konzerne und das Militär koexistieren. Die Freie Region Brandenburg ist ein wüstes Land, in dem di...
