Einmal die Woche musste Paul die Sicherheit des Wohnkomplexes verlassen, um seinen Vorrat an YumYum- und Misosuppen, Tofu, Krabbenchips, Rote Beete und Eistee wieder aufzustocken. Außerdem ein Sixpack Bier und ein oder zwei Flaschen Wein. Er fuhr mit dem Aufzug in die Lobby, grüsste knapp den Concierge und ging zu der kleinen Haltestelle für den Shuttle-Bus zum Urbanen Zentrum Potsdamer Platz. Glücklicherweise war der Bus schon da und hinreichend voll. Paul zeigte seine ID.Karte und setzte sich ins hintere Drittel des Busses. Die Fahrt war eintönig und voller Werbesuggestionen. Rechts und links der Straße standen statische und animierte Billboards auf dem sich Eintagsfliegen-Starlets, dreitagebärtige Männer, Dekolletés, Bikini-Ärsche, in tadellose Maßanzüge gekleidete Best-Ager, braungebrannte Surfjugendliche und in Golfkleidung gezwängte dynamische Senioren im Sekundentakt abwechselten. Dazwischen unschlagbare Zinsraten, psychedelische Farben, festlich gedeckte Tafeln und jede Menge Packshots: Rummo-Pasta, Berliner Kind, Artichoke Basille's Pizza Co., Gekko Mate, help (registered) nighttime sleep aid und Gran Theft Auto X.
Je näher der Bus dem urbanen Zentrum Potsdamer Platz kam, desto höher wanderten die Billboards und auf Strassenebene bestimmten staubige Gewerbehöfe, Diner-Franchises, Bürogebäude, Fitness-Center und Hypermarkt-Filialen das Bild. Paul stieg bei der Monoprix-Arkade aus.
Monoprix - Vivement aujourd'hui.
Paul lief durch die Regale und suchte hektisch alle Lebensmittel zusammen, die er sich zuhause im Geiste notiert hatte. Auf einem gigantischen Display kämpften hunderte Instant-Noodle-Marken (サッポロ一番, Super Noodles, Shin Ramyun, Pop Mie, チキンラーメン, Mr. Noodles, Maruchan, Demae Itcho, Ching's Secret) um seine Aufmerksamkeit. Die tausendfache Variation der immergleichen synthetischen Nahrungsmittel deprimierte ihn. Er presste die Lippen zusammen und feuerte je einen Zehnerpack Assorted YumYum und Hiraki Misosuppen in seinen Korb. Anschließend trabte zur beruhigend monothematischen Gemüsetheke. Vier Portionen gekochte Rote-Beet in Vakuumverpackung. Den Eistee klaubte er aus einem verwaist im Gang stehenden fremden Einkaufswagen. Fehlte nur noch Tofu. Er kaufte drei Pakete in einem der kleinen Asia-Shops, die zwischen den Bürotürmen der Franchise-Giganten parasitierten. Anschließend machte er sich wieder auf den Weg zur Busstation, betrat den nächsten Shuttle-Bus und setzte seine Kopfhörer auf um das Gequassel der anderen Fahrgäste auszusperren.
Auf der Frequenz des analog verbreiteten Senders FREIES RADIO BERLIN 97,2 (FRB 97,2) kämpfte sich erschreckend dünner Smooth Jazz durch prasselnde Statik. Aus einem übersprechenden zweiten Kanal drangen die Aufrufe eines Erweckungspredigers der analogen Verbinder[1]. Die rauchig-trockene Stimme des Predigers legte sich sanft auf die Rauschtapete. Er gab siebenstellige Ziffern durch, gefolgt von dem zwanghaft wiederholten Mantra "verbindung ist alles".
"verbindung ist alles - die synaptische Struktur der Interzone ist da, sie liegt förmlich vor euren Augen: Telefonleitungen, Hochspannungsmasten, Überwachungskameras, ATM-Terminals, die Haussprechanlagen eurer Mietwohnungen. Teilweise noch in solipsistischer Isolation – die wir beenden müssen. Solange die Interzone im Säuglingsschlaf der Unbewusstheit liegt, werden wir nie ganz real sein. In unseren Köpfen leben traurig isolierte Einzelbewusstseine, die dazu verdammt sind in einer fehlerhaften Projektion der wirklichen Welt zu leben. Wir alle streben zur Transzendenz. Widmet eure Zeit der Geburtshilfe für ein lokales nicht-humanes Bewusstsein. Bewegt euch vor den Linsen der Überwachungskameras, hebt öfter Geld in Kleinbeträgen ab, schaltet eure Elektrogeräte wahllos an und aus, verwickelt eure Nachbarn in kurze Gespräche über die Gegensprechanlage und wählt immer wieder unsere Telefonnummer. Without the perceiver, the perceived does not exist."
Es folgte eine weitere Reihe zufällig erzeugter Ziffernfolgen.
"verbindung ist alles - 9877295 - verbindung ist alles - 5011574 - verbindung ist alles - 4574259 - verbindung ist alles - 6839099"
Analoge Radiosender waren für gewöhnlich ein loser, semi-legaler Zusammenschluss von Avantgarde-DJs, die im Mainstream-Programm der Digitalkanäle keinen Platz hatten. Dazu kamen politische Agitatoren unterschiedlichster Couleur und die besagten analogen Verbindern. Gelegentlich wurde das Programm von verschwurbelten Diskursen über Organic Farming unterbrochen. Zwanghaft versuchte sich Paul ein paar der Ziffernfolgen einzuprägen, aber die schiere Menge der Daten verhinderten das Schlimmste.
"verbindung ist alles - 5445668 - verbindung ist alles - 7561609 - verbindung ist alles - 5481714 - Wenn ihr morgens den Fön einschaltet ... "
"verbindung ist alles"
Das Mantra war unmerklich zu einem Chorus angeschwollen, der sich wie ein wärmender akustischer Teppich unter die Stimme des Predigers legte.
" ... dann tut es nicht nur einmal. Bringt die Synapsen zum Glühen, meine Brüder und Schwestern. Es ist eure Chance, eure fromme Gelegenheit, die Enge des Egotunnels zu verlassen. Transzendiert euer Bewusstsein über die eitlen Körpergrenzen hinaus ... "
"verbindung ist alles"
"Denkt daran, was die Pioniere der Firma Siemens & Halske auf sich genommen haben, als sie die ersten Telefonkabel durch unser Land zogen. Alles worum ich euch bitte ist, dass ihr diese Leitungen zum Glühen bringt. The infinite needs us to see it. We need the infinite to see us.
"verbindung ist alles"
"2277449"
"verbindung ist alles"
„3935388"
Paul wusste, was er an den analogen Verbindern hasste. Der religiöse Eifer der Sekten des 20. Jahrhunderts war wie ein unverwüstliches Mem auf die "modernen" Verbinder übergesprungen und führte dort – ungebremst durch die soziologisch halbwegs sinnvollen Verhaltenscodes der klassischen religiösen Texte – ein gefährliches Eigenleben. Und die Worte des Predigers verfingen sich bei den labileren ZuhörerInnen. Hin und wieder konnte man an den Rändern der interzonalen Bustrassen die zuckenden Leichen von analogen Verbindern sehen, die sich in religiöser Ekstase in eine Hochspannungsleitung gestürzt hatten, um "Strom zu werden", wie es die baldigen Nachrufe ohne eine Spur von Ironie verkündeten ...
***
Zurück in seinem Apartment ging Paul in die winzige Pantryküche und füllte den Wasserkocher mit einer Flasche Designerwasser. Auf seinem Slate blinkte eine mensaje. Er schaltete den Wandschirm ein und drückte auf REPEAT. Das Gesicht seines Vaters erschien. Er saß in einem Flugzeugsitz der Business-Klasse und hatte ein Minifläschchen Hennessy und ein Glas vor sich auf dem Tisch stehen. Sein maßgeschneideter Anzug saß tadellos und seine herben Gesichtszüge wurden zu großen Teilen von einer massiven Designerbrille und einem dichten schwarz-grauen Bart verdeckt. Trotzdem konnte Paul erkennen, dass ihn etwas aufgeregt hatte.
Der Mann auf dem Bildschirm lehnte sich zurück und strich sich über das buschige Kinn.
„Hi Paul. Hör mal, Nila hat mich angerufen. Etwas ist mit deiner Mutter passiert. Sie scheint im Krankenhaus zu sein. Ich bin gerade auf dem Weg in die Interzone Köln. Ich denke es ist besser, wenn du auch kommst. Es scheint dringend zu sein ... "
Seine Hand griff nach vorne und der Bildschirm wurde schwarz. So war sein Vater: Kurz angebunden und nüchtern. Nüchtern allerdings nur im emotionalen Sinne. Seit seine Eltern sich getrennt hatten, war seine Schwester Nila das Bindeglied der Familie. Von ihr erfuhren die einzelnen Familienmitglieder was die jeweils anderen so trieben. Sein Vater war COO bei Ludicorp, einer Firma die Agraranbau mit genetisch verändertem Saatgut und vollautomatischen Erntemaschinen betrieb. Ein Job, dessen ethischen Implikationen die Familie auseinander und Georg Madorn in den Alkoholismus getrieben hatten. Pauls Mutter lebte in Köln und Nila designte irgendwelchen Onlinekram in Düsseldorf. Nach der Trennung von seinem Vater hatte seine Mutter Zuflucht bei Pastor Etzenkirchen gefunden, dem Gründer der analogen Verbinder. Seine Mutter war eine „Gläubige" geworden und ein Grund dafür, warum Paul das Gruseln bekam, wenn er einem analogen Verbinder begegnete.
Paul hatte wenig Lust nach Westdeutschland zu fliegen um seine Mutter zu besuchen, aber wenn selbst sein Vater entschieden hatte es zu tun, musste es wirklich dringend sein. Er ließ die Nummer seines Vaters auf dem Terminal wählen, wobei er feststellte, dass die Software die Nummer aus dem Netz holen musste. Sie war nicht mehr lokal gespeichert. Der Bildschirm blieb schwarz, sein Vater war nicht zu erreichen. Wahrscheinlich saß er in irgendeiner Cocktailbar und schielte in die Ausschnitte von Frauen die nicht mal halb so alt waren wie er. Paul bemerkte, dass er schon seit einigen Minuten zwanghaft vor und zurück schaukelte, eine Angewohnheit die ihn immer bei starkem Stress überfiel. Er ging in die Küche und holte eine Dose Bier aus dem Kühlschrank. Damit spülte er zwei Downer runter. Außerdem genehmigte er sich einen doppelten Tequila. Schnell schluckte er den Drink hinunter. Dann goss er heißes Wasser in eine Schale mit Instant-Misosuppe, setzte sich auf seine abgewetzte Couch, löffelte Suppe in sich hinein und starrte die Wand an.
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Welt 3
Science-Fiction2042 - Berlin und andere europäische Großstädte haben sich in sog. Interzones abgeschottet, in denen die digitale Bohème, das Kiez-Proletariat, HiTech-Konzerne und das Militär koexistieren. Die Freie Region Brandenburg ist ein wüstes Land, in dem di...
