Der Auftrag

10 2 0
                                        

Paul schlug die Augen auf. In seinem Schädel hämmerte es dumpf. Neben seinem Bett stand eine angebrochene Dose Bier. Sein Haar klebte ihm an der Stirn. Ein Blick in den ramponierten Spiegel der Nasszelle offenbarte das Bild eines aufgequollenen Gesichts. Eine Ästhetik die Paul mit dem Alter 30 verband. Er musste an die Mittdreißiger Väter denken, die ihm manchmal entgegenkamen, wenn er morgens vor dem PACIFIC auf den Boden reiherte. Besonders wenn sie schon leicht ergraut waren boten sie ein erschreckendes Bild vom Schicksal der Menschen: Das erste Mal neues Leben geschenkt und selbst bereits das Ergebnis von exzessivem Tabak-, Alkohol- und HFCS-Konsum. Er schüttelte den Gedanken ab. Noch war er nicht 30 und nach einer sporadischen Dusche und mit ein wenig Gesichtscreme würde er schon bald wieder frisch aussehen. Außerdem bot sein Vater ja ein gänzlich anderes Bild. Auch wenn er ein Arschloch war, dann doch ein verdammt gut aussehendes - in seiner Alterskategorie. Er sah auf die Uhr. Es war kurz vor elf. Verdammt! Nila hatte ihn doch um 10 Uhr abholen sollen. Er griff nach seinem Slate, in Erwartung etlicher verpasster mensajes. Tatsächlich war keine einzige mensaje eingegangen. Er wählte Nilas Nummer, aber sie war nicht zu erreichen. Paul stöhnte und setzte sich auf die Bettkante. Nicht, dass seiner Schwester auch noch was passiert war. Nach einer schnellen Dusche ging er zur Rezeption um nach einem Kaffee zu fragen. Die Rezeptionistin deutet stumm auf den Automaten neben der Mikrowelle. Dort waren auch ein paar eingeschweisste Croissants aufgestapelt. Offenbar war die verkohlte Mikrowelle bereits durch eine Neue ersetzt worden. Während er seinen Kaffee trank versuchte Paul erneut seine Schwester zu erreichen. Ohne Erfolg. Schließlich packte er seine kleine Reisetasche und rief sich ein Taxi. Von den Saisonarbeitern keine Spur. Vermutlich waren sie schon in den frühen Morgenstunden abgereist.

***

Als Paul in der Uniklinik eintraf war gerade Mittag. Viele Patienten saßen in dem kleinen Grünstreifen vor der Klinik und aßen Sandwiches. Ein paar Polizisten mit automatischen Waffen patrouillierten dazwischen. Er wollte gerade in Richtung Aufzug gehen, als er eine Stimme hörte.
"Paul! Mein Lieber! Hast du eine Minute Zeit für mich?"
Paul drehte sich um. In der Schiebetür der Klinik stand sein Vater. Breitbeinig und mit einer Spiegelsonnenbrille, die gut ein Drittel seines Gesichts verdeckte. Er deute mit einer lässigen Geste Richtung Fahrstuhl.
„Deiner Mutter geht es gut, keine Sorge. Ich war heute früh schon bei ihr."
Als Paul keine Anstalten machte sich zu bewegen, deutete sein Vater auf eine Reihe von billigen Lederstühlen im Foyer des Krankenhauses. Widerwillig trotte Paul dorthin und setzte sich.
Sein Vater balancierte sein Slate und eine Pappbecher mit Kaffee auf die Lehne, nahm die Sonnenbrille ab und sah Paul tief in die Augen.
„Mensch Paul. Wir hatten gestern gar keine Zeit richtig miteinander zu reden ... Also echt, da muss schon ein Unglück passieren, damit wir mal wieder miteinander reden ... "
Paul kniff die Lippen zusammen.
„Was treibst du denn so in Berlin. Was macht die Arbeit?"
Pauls Körper verkrampfte sich und seine rechte Hand begann nervös die Schulter zu kneten.
„Hat Nila nichts erzählt?"
„Eigentlich nicht ... Seit der Scheidung bin ich ein bisschen außen vor, was die Familienangelegenheiten angeht."
„Warst du doch schon immer."
Sein Vater lächelte dünn.
„Nun, wenn du es genau wissen willst: Seit dem Orlando-Update[1] bin ich arbeitslos ... Aber keine Angst, ich hab' was gespart und es wird sich schon wieder was ergeben ..."
Sollte sein Vater überrascht von dieser Nachricht sein, so ließ er es sich zumindest nicht anmerken. Seelenruhig nippte er an seinem Kaffee.
„Viel habt ihr ja nicht von mir geerbt, du und deine Schwester ..."
Paul fuhr zusammen, als habe ihn etwas Stumpfes in der Magengegend getroffen. Genauso gut hätte sein Vater ihn einen Versager nennen können. Seine Schwester war eine freischaffende Designerin und sein Vater hatte nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass er das für Humbug hielt. Nila war das egal. Vielleicht hoffte sie ja im Stillen, dass er mal auf ihre Hilfe angewiesen sein würde.
„Was wolltest du mit mir besprechen, Vater?"
„Ach ja", sagte sein Vater wie beiläufig. Dann patschte seine kräftige Hand auf Pauls Schulter.
„Unser Berliner Büro hat einen schwierigen Auftrag zu erledigen und ich brauche jemand, dem ich vertrauen kann ... "
Seine Hand quetschte den Schulterknochen, was wohl kumpelhaft gemeint war.
„ ... und du könntest dir ein paar Kröten dazuverdienen!"
Paul verkrampfte im Griff seines Vaters und fühlte sich hundeelend. Einen Auftrag für den großen Georg Madorn erledigen? Wie kam er denn zu der Ehre? Widerwillig musst er sich eingestehen, dass ihn die Tatsache das sein Vater ihn brauchte, mit Stolz erfüllte. Aber andererseits - einen Job für Ludicorp machen? Das widersprach so ziemlich allem woran er glaubte.
„Was meinst du, mein Junge?"
„Ich muss erstmal drüber nachdenken."
Er entzog sich dem Griff seines Vaters und begann aufzustehen.
„Ich denke, ich werde mal nach Mama sehen ..."
„Überleg es dir Paul", sagte sein Vater und blickte ihm streng in die Augen. „Ich finde auch einen anderen, aber ich fände es schön, wenn ich in dieser Sache auf dich zählen könnte."
Paul nickte lange und stand dann auf.
„Wie gesagt, ich denke drüber nach ..."
Als er sich vom Fahrstuhl noch einmal umdrehte, war sein Vater schon wieder in das Geschehen auf seinem Slate vertieft.

Welt 3Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt