Paul erwachte, als ihm grellgelbes Licht in die Augen fiel. Die Stahljalousien vor den Fenster hatten sich geöffnet und gaben den Blick auf endlose ockerbraun-grün schattierte Parzellen frei. Gelegentlich wurden diese unterbrochen von ordentlichen Wohnsiedlungen, die wirkten, als seien sie mit dem Lineal arrangiert worden. Nach und nach wichen die Parzellen einem Patchwork aus Grüntönen und schließlich verschwand die Landschaft in Richtung Ruhrgebiet unter einer märchenhaften Wolkendecke. Kurz vor dem Landeanflug auf den CGN ratterten die Jalousien wieder nach unten und tauchten das Kabineninnere für einen Moment in absolute Dunkelheit. Dann flammten die Innenbeleuchtung auf und eine sanfte Stimme erklärte ihnen, dass sie sich jetzt bitte anschnallen sollten.
Der Einreisecheck am CGN war in gewisser Weise noch entwürdigender als die Kontrollen in Interzone Berlin. Paul wurde von einem Beamten der Behörde für Zonenschutz in eine kleine Kabine gebracht, in der er sich bis auf die Unterhosen ausziehen musste. Ein WiFi-Schnüffler wurde um ihn herum geschwenkt, dann verlangte der Beamte sein Slate und verschwand in einem Nebenraum. Ein weiterer Beamter mit verkniffenem Gesicht erschien und verwickelte ihn in ein Kreuzverhör. Was er in Köln wolle? Ob er nach Düsseldorf wolle? Wie seine Mutter hieße, wie sein Vater hieße und wie seine Schwester hieße? Ob er in Interzone Berlin Kontakt zu Polen gehabt habe? Ob ihm ein Pole ein Gepäckstück gegeben habe um es nach Westdeutschland zu bringen? Ob er mit Kiezbewohnern verkehre? Was er beruflich mache? Und dann noch mal alles von vorne. Weitere Details wurden abgefragt, zu den Gebäuden in Prenzlauer Berg und Mitte und zu seiner Tätigkeit. Der Beamte notierte sich alles und verschwand dann ebenfalls in dem Nebenraum. Dort würden sie die Daten mit denen auf seinem Slate abgleichen und ein paar Anrufe machen. Nichts was ihn beunruhigen musste. Eine Stunde später durfte er einreisen.
In der Ankunftshalle wartet Nila auf ihn. Paul hatte ganz vergessen wie hübsch sie war. Sie trug einen opulenten Seidenschal mit einem Papageienprint in azurblau, ocker und kirschrot, dazu eine olivgrüne Cargohose und einen schwarzen Pullover aus Cashmere. Ihre dunkelbraunen Augen suchten mit ernstem Blick die Halle ab, die vollen Lippen waren angestrengt aufeinander gepresst. Sie trug ein Pflaster auf der Nase und eine Schramme zog sich über ihre rechte Wange. Paul lief auf sie zu und umarmte seine Schwester.
„Hallo Schwester!"
„Hallo, Großer Bruder!", sagte Nila und küsste ihn auf beide Wangen. Dann sah sie ihn lange an und als sie spürte wie er ihre Schrammen betrachtete, traten Tränen in ihre Augen.
"Paul, du hast keine Ahnung wie schrecklich es hier ist. Mama ist im Krankenhaus. Stell dir vor, sie hat sich mit ein paar anderen Frauen aus ihrer Ortsgruppe an einen Schaltkasten auf der Venloer Strasse gehängt. Die Polizei hat mich angerufen. Die Frauen, die direkt am Kasten standen hatten beinahe sofort einen Herzstillstand. Danach ist die Gruppe auseinander gerissen worden. Sie haben Mama mit schweren Verbrennungen und einem Schock in die Uniklinik gebracht."
Paul spürte Wut in sich aufsteigen. Natürlich musste das so passieren. Immer wieder las man von den haarsträubenden Unfällen der analogen Verbindern, in die elektrische Schaltkästen, kaputten Elektrogeräte oder Überlandleitungen involviert waren. Als Einstiegsdroge unter den analogen Verbindern gilt der "sauere" Geschmack eines 9-Volt-Blocks. Und sein Vater hatte es nicht mal für nötig gehalten ihm das am Telefon zu sagen. Er spürte Nilas Blick auf sich ruhen.
"Wo ist Papa?"
"Der wartet draußen im Wagen. Er wollte nicht allein mit ihr sein ..."
„Na klasse!", dachte Paul und trotte hinter seiner Schwester her zum Ausgang.
Georg Madorn saß am Steuer eines schwarzen SUVs und redete mit der Windschutzscheibe. Natürlich. Er hatte Geschäfte zu erledigen und wollte nicht in der Uniklinik rumsitzen und die angeschmorte Hülle seiner Exfrau bewachen. Paul bemerkte wie erneut Wut in ihm aufstieg. Nila klopfte an die Beifahrertür und die Verriegelung öffnete sich mit einem satten Klacken. Sie schlüpfte auf den Vordersitz, was aus diplomatischer Sicht keine schlechte Idee war. Sie war gut in so was. Sein Vater schien erregt zu sein.
"Xavier, ich weiß was die Workforce Allocation Algorithmen sagen, aber du weißt wie ich dazu stehe: Eine Maschine hat keine Intuition. Die wwoofer mögen keine Rolle in unseren Computerszenarien spielen, aber wir sollten sie nicht unterschätzen."
Er drehte sich rum um Paul zu begrüßen. Er umarmte ihn und küsste ihn innig auf beide Wangen, als nehme er einen verlorenen Sohn zurück in den Schoß der Familie auf.
"Diese verdammte Scheinheiligkeit", dachte Paul. Wem wollte er etwas vormachen?
Sein Vater sah ihn kurz an und drehte sich dann wieder zum Steuer. Der Gesprächspartner hatte unterdessen weitergeredet. Irgendetwas von "zu vernachlässigenden Quantitäten" und "im Rahmen der Toleranzgrenzen bleibende Schäden".
"Das mag sein, aber die mediale Außenwirkung ist nicht zu unterschätzen. Hast du den Film 'Matrix" gesehen, Xavier? Diese Enklave der Aussteiger? Zion? Solange es eine scheinbare Alternative gibt, werden uns diese Leute nicht aufs Dach steigen. Die wwoofer und ihre libertären Tagträume sind kontrollierbar, solange sie ihren Spielplatz und ihre kleine Nußschalen-Revolution haben. Ihr wollt die Prignitz räumen lassen? Ohne mich!"
Der Mann in der Leitung wollte etwas entgegnen, aber Pauls Vater unterbrach ihn barsch.
"Xavier, ich sitze hier mit meinen Kindern am CGN und meine Exfrau ist an einem verdammten Hochspannungsverteiler gegrillt worden. Wir sehen uns morgen im Telepräsenz-Meeting." Er trennte die Verbindung.
"Worum ging es da?", fragte Paul.
"Business, immer nur Business. Nichts Wichtiges. Wie geht es dir, Paul?"
"Super, Papa. Ich schaufele Psychopharmaka und Downer in mich rein und habe schon seit Monaten keinen Job mehr", schoss es Paul durch den Kopf. Stattdessen verzog er nur den Mund zu einem schmalen Lächeln und sagte: "Alles in Ordnung. Ich bin froh mal wieder aus Berlin rauszukommen. Ist fast wie Urlaub für mich ..."
Er spürte wie Nila innerlich aufatmete. Fürs Erste war die Konfrontation ausgeblieben. Eigentlich kommunizierte die ganze Familie nur noch ihretwegen miteinander - weil sie sie alle liebten wie verrückt. Wie kam es, dass ihm seine Schwester soviel bedeutete, während ihm seine Eltern bestenfalls leichte Magenschmerzen bereiteten, sobald er an sie dachte?
Sein Vater fuhr auf die A59 und dann weiter nördlich auf die A559 nach Deutz. Sie würden bis zur Messe und dann westlich durch den Rheintunnel fahren. Vor ihnen ragten graue Betonverschalungen auf und die Strasse verschwand in einem orangefarbenen Schlund. Auf dem Beton war eine verwitterte Flagge der alten Bundesrepublik angebracht, darüber war die Silhouette eines Scharfschützen zu erkennen. Auf der Strasse markierten gelb-schwarze Querstreifen die neue Fahrbahn. Ein Soldat bedeutet ihnen das Seitenfenster zu öffnen. Pauls Vater räusperte sich vernehmlich und erklärte dem Soldaten wer er war und wen er anrufen würde, wenn das hier sich noch länger hinziehen sollte. Scheinbar unbeeindruckt prüfte der Soldat ihre Papiere und warf einen prüfenden Blick in das Wageninnere. Nach weniger als zwei Minuten durften sie weiterfahren. Das Tunnelinnere, spärlich beleuchtet von dem orangeroten Licht reinen Neons, war desolat, teilweise waren die weißen Fliesen schwarz von Ruß und übersät mit Graffiti. An den Rändern der Fahrbahn standen umgekippte Fahrzeugsperren und halbleere Rollen mit Stacheldraht. Die Notausgangstüren waren blockiert. Auch Köln hatte seine schwere Zeit gehabt. Als sie westlich der Altstadt wieder an die Oberfläche kamen tauchte die abendliche Sonne die mickrige Skyline von Köln in warmes Licht.
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Welt 3
Science Fiction2042 - Berlin und andere europäische Großstädte haben sich in sog. Interzones abgeschottet, in denen die digitale Bohème, das Kiez-Proletariat, HiTech-Konzerne und das Militär koexistieren. Die Freie Region Brandenburg ist ein wüstes Land, in dem di...
