Georg Madorn betrachtete zufrieden sein Spiegelbild in dem gläsernen Außenaufzug. Es war halb transparent und so konnte er in der Dunkelheit die Lichter des Hafenkomplexes sehen. Die kranförmigen Häuser im Rheinauhafen waren größtenteils in sich zusammengestürzt und dazwischen waren semilegale Bauten errichtet worden, in deren Nischen rötlich-grüne Lichter glommen. "Ich bin ein attraktiver Mann", dachte er. "Mein Sohn ist auf seine jungenhafte Art ebenfalls schön, aber seine Unsicherheit macht ihn unattraktiv. Ich bin ein gestandener Mann und die grauen Strähnen im Bart und an den Schläfen machen die Frauen von 30 bis 45 heiß."
Mit einem Anflug von Bedauern musste er an seine Frau denken. Sie hatten sich geliebt, aber irgendwann war die Luft raus gewesen. Hätte er eine Scheinehe führen sollen, wie seine Geschäftspartner, die impotente Blumengestecke an ihre Frauen schickten, während sie mit ihrer Geliebten vögelten oder Edelnutten fickten? Nein, das ließ seine Privatmoral nicht zu. Diese eine Wahrhaftigkeit war er seine Frau und der gemeinsamen Zeit schuldig. Die Kinder sahen das wohl anders, zumindest Paul. Dabei forderte der auch maximale Freiheit für sich selber ein. Nila hingegen war verantwortungsbewusst und verbindlich. Sie nahm es ihm nicht mehr übel. Vielmehr schien sie eine nüchtern-realistische Haltung zum Thema Liebe entwickelt zu haben. Sanft öffneten sich die Edelstahltüren hinter ihm. Er drehte sich um und sein Blick fiel auf einen geschmackvoll eingerichteten Hotelflur. Das Interieur war perfekt: weiße Schaukästen mit schmuckvollen Verzierungen boten die hoteleigene Parfümkollektion und eine illustre Auswahl an Literaturbänden dar. Rustikal eingefasste Spiegel warfen weizengoldene Lichtreflexe auf die Isfahan-Teppiche, die mit Arabesken, Blüten- und Vögelmotiven verziert waren. An den Rundbögen standen mannshohe schwarze Keramikvasen mit Bonsai-Bäumen und am Ende des Ganges war die Einbuchtung der kleinen Minibar-Lounge-Ecke zu erkennen. Dort wartete Dr. de Boniño auf ihn, der Leiter der Abteilung Harvest Engineering bei Ludicorp. Dr. de Boniño war ein kleiner Mann mit zurückweichendem Haaransatz und dem typischen Lispeln der Iberer, das manche für charmant halten mochten. Madorn trieb es regelrecht in den Wahnsinn, genau wie die Unfähigkeit des Mannes ein vernünftiges "ö" auszusprechen.
"Entschuldigen Sie, Herr Madorn, dass ich Sie so spät noch belästigen muss. Ich habe die Order des Aufsichtsrates alle leitenden Angestellten zu informieren."
Madorn trat auf die Minibar zu und schenkte sich eine großzügige Menge Scotch ein. Er sah Dr. de Boniño fragend an, doch der winkte ab.
"Gut, aber machen sie es kurz und schmerzlos."
De Boniño verzog das Gesicht zu einer Grimasse, die wohl ein Lächeln darstellen sollte.
"Sie sind mit den neuen Roundup-Erntemaschinen vertraut, mit denen wir in Ostdeutschland und dem Balkan operieren?"
"YTO Roundups - WiFi operated. Dezentrale Maschinen, gesteuert von halbautonomen Softwareagenten und routinemäßig überwacht von unserer Filialen in Berlin, Bukarest, Sofia und Skopje?"
"Ja, genau. In diesem speziellen Fall geht es um das Operationsgebiet Berlin-Brandenburg. Die Roundups spielen verrückt. Einige sind einfach ausgefallen, andere sind in die interzonalen Absperrzäune gerast und spucken Maiskolben auf die Fahrbahn. Drei Bezirksregierungen haben bereits Schadensersatzansprüche gestellt und das HFCS-Werk im Westhafen hat die Produktion um 35% runtergefahren, da der Nachschub an Maiskolben fehlt."
Madorn stürzte seinen Scotch herunter.
"Und das alles in den letzten fünf Stunden? Warum haben Sie mich nicht früher informiert?"
"Ihre Sekretärin hat es sofort versucht, aber ihr Slate war temporär nicht zu erreichen. Ich habe sofort die nächste Maschine nach Köln genommen."
„Ja, geschenkt. Was sind unsere Optionen?"
"Wir haben sofort alle verfügbaren Jobagenturen angerufen, aber es dauert Zeit unerfahrene Leute in die Arbeitsprozesse einzugliedern."
"Wie lange?"
"Ich denke die grundlegenden Arbeiten können nach vier Tagen Schulung übernommen werden.", sagte de Boniño ernst.
"Vier Tage?" Madorn überschlug in Gedanken die Kosten für den Produktionsausfall und die anzukaufende Human Workforce. Er brauchte keinen Taschenrechner um tiefer in seinen Sessel zu versinken. Er dachte an die Gespräche die er heute inoffiziell mit dem Workforce Manager geführt hatte und eine Idee begann in seinem Kopf zu reifen.
"Dr. de Boniño, wissen sie was wwoofer sind?"
Der Ingenieur schüttelte den Kopf. "Tut mir leid, ich ..."
Madorn unterbrach ihn.
"Wwoof bedeutet willing workers on organic farms. Das sind diese Neo-Hippies und Anarchoprimitivisten, die im Norden Brandenburgs kleine unabhängige Farmen betreiben. Ziemlich ineffektiv, aber trotzdem erstaunlich wie viel Wissen diese Leute akkumuliert haben. Ich möchte, dass sie sofort ein Team zusammenstellen und so viele wwoofer wie möglich davon überzeugen für uns zu arbeiten."
"Aber ... sind das nicht alles Idealisten?"
"Ach was, jeder hat seinen Preis. Wir können ihnen ein großzügiges Angebot machen. Alles ist besser als ein einwöchiger Produktionsausfall. Machen Sie sich an die Arbeit. Ich erwarte in acht Stunden ihren ersten Bericht."
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Welt 3
Fiksi Ilmiah2042 - Berlin und andere europäische Großstädte haben sich in sog. Interzones abgeschottet, in denen die digitale Bohème, das Kiez-Proletariat, HiTech-Konzerne und das Militär koexistieren. Die Freie Region Brandenburg ist ein wüstes Land, in dem di...
