Wenn ich mich jetzt an diese Zeit zurück erinnere, liebe ANN, gibt es zwei Dinge auf die ich nicht besonders stolz bin. Ich saß da also mit Alisa zusammen und war viel zu beschäftigt damit, mein Leben neu zu sortieren, als dass mir das Offensichtliche aufgefallen wäre.
Ich glaube nicht, dass ihr es heute noch nachvollziehen könnt und im Lichte dessen, was heute Alltäglich ist, klingt es nahezu bizarr - als würde ich einem prähistorischen Aberglauben anhängen - aber ich hatte damals nicht einen Augenblick mit dem Gedanken gespielt mir Datafat unter die Schädeldecke pflanzen zu lassen. Und ich hätte mir auch nicht vorstellen können, dass eine andere Person dies wollen könnte. Hirnoperationen waren damals immer noch eine riskante und kostspielige Sache und man musste wohl verkappte Naturwissenschaftlerin sein, sowie Alisa, um so etwas auch nur in Erwägung zu zu ziehen. Und ich schäme mich jetzt zuzugeben, wie erleichtert ich war, als Alisa genau das tat. Mir schien es fast, als habe sie ihr ganzes Leben nur auf diesen Moment gewartet zu haben.
Mir ist heute klar, dass Alisa eine visionäre Persönlichkeit war. Es war nicht die Tatsache, dass sie keine leiblichen Kinder haben konnte, die sie zu diesem mutigen Schritt getrieben hatte. Genau so wenig war es Karrierismus oder Eitelkeit. Alisa hat an einen größeren Plan geglaubt, ohne ihn genau zu kennen. Sie wusste, dass sie Teil etwas Größeren war, das sie bestenfalls intuitiv erfassen konnte, und über das sie besser nicht zu lange nachdenken sollte. Also erstes Geständnis: Ich war zu feige um mich mit euch zu verbinden. Und deswegen schreibe ich euch jetzt auch lange Briefe, anstatt direkt mit euch zu kommunizieren. Ich bin ein lebendes Fossil.
Mein zweites Geständnis: Wenn ich damals mutiger gewesen wäre, und mich nicht wochenlang im PACIFIC verkrochen hätte, hätten wir vielleicht mehr von euch retten können. Jedenfalls war irgendwann kein Handlungsspielraum mehr übrig. Wir mussten euch retten. Und der einzige der das nötige Personal und die Hardware dafür hatte war Pastor Etzenkirchen.
Zara und ich haben Alisa von der Operation abgeraten, zumal sie im provisorischen Labor der Analogen Verbinder durchgeführt werden sollte.
Es muss euch wohl widerwärtig vorkommen, wie sich hier so ein dummer, isolierter Humanoid in seinen Schuldgefühlen windet. Aber ist es im Nachhinein so wichtig, warum man etwas getan hat, wenn man das Richtige getan hat? Und das ich das Richtige getan habe, wusste ich in dem Moment als Alisa aus der Operation aufwachte und die Augen öffnete. Sie war erschöpft, verwirrt, blass und orientierungslos. Aber das war etwas in ihren Augen ... etwas wie bei alten Menschen, wenn die Weisheit aufblitzt - immer mit einem Anflug von Lächeln - halb schwermütig, halb glücklich. Gerne wüsste ich, was da in Alisa vorgegangen ist ... wie sich das anfühlte. Wie sich das heute für die Millionen von Menschen anfühlt. Aber ich habe meine Entscheidung getroffen und das - wenn auch nicht viel anderes - macht mich heute stolz und mutig genug, euch diese Nachrichten zu schreiben.
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Welt 3
Science Fiction2042 - Berlin und andere europäische Großstädte haben sich in sog. Interzones abgeschottet, in denen die digitale Bohème, das Kiez-Proletariat, HiTech-Konzerne und das Militär koexistieren. Die Freie Region Brandenburg ist ein wüstes Land, in dem di...
