Borderline

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„Du bist zu spät", bemerkte Zara spröde und blies affektiert Zigarettenrauch aus ihrem Mundwinkel. Alisa betrachtete sie in einer Mischung aus Schwärmerei und Verachtung. Sie trug ein enges, weißes T-Shirt mit der Aufschrift „MIDI Junkies gonna fuck you up!" unter dem sich ihre flachen Brust abzeichnete. Sie trug keinen BH. Vor ihr auf dem Tisch lag ein vollgekritzeltes Notizbuch neben einer Tasse Milchkaffee. „Sorry", entschuldigte sich Alisa, "Ich musste lange auf den Shuttle-Bus warten. In der Knaackstraße haben ein paar Kiezbewohner die Billboards umgekippt und in Brand gesetzt."

„Geil!"
„Was soll daran geil sein? Das ist doch total destruktiv."
Zara rollte die Augen.
„Du bist so bourgeois."
„Und du? Hockst hier in einer schicken Cocktailbar und spielst Neo-Beatpoetin?"
„Eine aufrichtige Intellektuelle muss Klassenverrat begehen. Und außerdem: Nicht die Kiezbewohner sind destruktiv, sondern die Umstände in denen sie leben. Durch ihren Adern fließt Schweröl und in ihren Pupillen spiegelt sich der mediale Overkill der Ultra-HD-Screens. Die Interzone muss brennen, ihre Kaputtheit muss sich materalisieren ..."
„Woran schreibst du gerade?", wechselte Alisa schnell das Thema um sich die Polit-Prosa ihrer Geliebten zu ersparen.
„Ach", Zara machte eine wegwerfende Handbewegung. „Einen Artikel für Grassroots Revolution, so ein wwoofer-Magazin. Nichts weltbewegendes."
„Zeigst du ihn mir, wenn er fertig ist?"
„Mal sehen", nuschelte Zara gelangweilt.
Es war genau dieses zur Schau getragenen „je suis fatigué", das Alisa so unwiderstehlich anzog. In den letzten Wochen war es zum Zentrum ihres Lebens geworden ein Lachen auf das blass-graue Gesicht ihrer Geliebten zu zaubern. Etwas von dem Eis zu zerbrechen, das sie beide umgab. Zara war sich bei allem so sicher, ihr Dogmatismus ließ keinen Raum für Zweifel. Schon hatte sie sich eine neue Zigarette angezündet und lies sie im Aschenbecher verglimmen, während sie ihr Notizbuch vollkrakelte. Konnte sie vor ihr Schwäche zeigen? Sollte sie ihr von ihren Besuchen bei Dr. Jakob erzählen? Sie beschloss es zu versuchen.
„Wusstest du, dass ich gerade beim Gynäkologen war? Ich hatte ein paar Probleme. Haarausfall. Unterleibsschmerzen. Unregelmäßigkeiten."
Zara starrte sie an.
„Sag nicht du hast dir ne STD zugezogen."
Alisa spürte Ärger in sich aufsteigen. Wie konnte Zara nur so brutal sein?
„Das hätte ich dir wohl vorher mal mitgeteilt. Nein, ich war dort, weil der Verdacht auf ein PCO-Syndrom bestand."
„Ein was? Klingt eklig."
„Mit vollem Namen klingt es noch viel ekliger. Jedenfalls besteht bei dieser Krankheit der Verdacht, dass man keine Kinder bekommen kann ..."
Zara zuckte mit den Schultern und blickte sie stumm an.
„Mittlerweile steht fest, das ich mit 95%iger Wahrscheinlichkeit keine Kinder bekommen kann."
„Und? Ich meine, ich weiß, das du nur Bi-curious bist, aber warum hängst du ausgerechnet mit mir rum, wenn du Kinder willst?"
„Ich will ja keine Kinder ... also nicht unbedingt ..."
Alisa spürte wie ihr Tränen in die Augen schossen. „Aber jetzt kann ich auf keinen Fall welche bekommen ..."
Zara war nicht abgefuckt genug um nicht einen Moment zu schweigen und Alisa eine Zigarette anzubieten.
„Naja. Komm. Wenn du dir eh nicht sicher bist. Ist doch sowieso nur Narzissmus. Sich selbst in die Zukunft fortpflanzen. Jetzt brauchst du dir halt nicht mehr den Kopf zu zerbrechen."
„Wahrscheinlich nicht. Ich habe nie viel über das Thema nachgedacht, bis ... Ich weiß nicht ... ist das nicht traurig, wenn man ganz allein auf der Welt ist ...?"
„Pffft!", machte Zara.
„Ja klar, für dich ist das alles scheißegal. Du bist blutjung. Du feierst und vögelst halt noch ein paar Jahre rum und denkst dann mal drüber nach ..."
Alisa war jetzt stinksauer. Warum trieb sie sich mit einer verzogenen und anhedonischen Göre Anfang Zwanzig herum, die glaubte die Welt verstanden zu haben, weil sie Žižek und Nick Land gelesen hatte? Die ganze Welt ein Text, ein Narrativ, das nur dekonstruiert werden musste. Aber wusste diese blöde Pute, wie es sich anfühlte, wenn eine Erzählung jäh an ihr Ende gekommen war? Sie würde nun nie das Baby haben, von dem sie erst wusste, dass sie es immer gewollt hatte, nachdem Dr. Jakob ihr mit diesem blöden Syndrom gekommen war.
Zara hörte nicht auf sich Notizen zu machen und Nikotin zu inhalieren.
„Ich geh' heute Abend mit Lea und Jana auf die Party hier im Komplex", sagte sie beiläufig.
Alisa fiel unsanft ins Dasein zurück.
„Ach so? Ich dachte wir machen was zusammen?"
„Kannst ja mitkommen. Oder zuhause auf mich warten. Ich bin so abgefuckt, ich muss unter Leute. Heute spielt Anthony Soukal. Könnte dich auch interessieren."
„Mal sehen."
Alisa schien dieses Partygequatsche so fern wie niemals zuvor. Aber sie wusste, dass es nichts brachte jetzt beleidigt zu reagieren. Zara hielt es für ihr Geburtsrecht sich nicht an Konventionen und Verabredungen halten zu müssen. Das war doch bourgeois. Wie wohl ihre ideale Gesellschaft aussah, in der niemand bereit war einen Kompromiss einzugehen? Die Welt ein riesiges Spielzimmer von narzisstisch-verzogenen Ego-Monstern? Ihr wurde klar, dass Zara selber noch ein Kind war. Vielleicht hatte sich ja die pubertäre Phase einfach um zehn Jahre verlängert. Schließlich wurden die Menschen ja auch immer älter ... Sie würde jetzt taktisch handeln. Sie trank - wie sie hoffte geduldig - ihren Moscow Mule und verabschiedete sich dann beiläufig.
„Vielleicht bis später, dann!"
Zara sah nur kurz auf und nickte. Dann zündete sie sich eine neue Zigarette an.


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