Emigration

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Paul fluchte leise vor sich hin. Diesmal sollte es nicht ganz so leicht sein die Interzone zu verlassen. Die Stimme aus dem Lautsprecher unter der Kamera bat ihn, sich zu gedulden, bis ein menschlicher Operator sich zugeschaltet hatte. Er war nervös, schließlich war er jetzt Teil der klandestinen Operation „wwoofer connect", die sich sein Vater ausgedacht hatte. Natürlich hatte sein Vater es wieder Dr. de Boniño überlassen ihm die unangenehmen Details mitzuteilen. Trotz seiner miesen Stimmung fühlte sich Paul irgendwie wohl in der Transferzone zwischen den Stahljalousien. Ein leichtes Gefühl von Euphorie schlich sich in seine Eingeweide. Als Kind hatte er immer auf dem Außenklo seiner Oma gesessen, ein gefliestes Kabuff mit drei Quadratmetern Grundfläche und einem kleinen Milchglasfenster, das immer geschlossen war. Er hatte sich vorgestellt, dass außerhalb der vier Wände nichts existierte. Keine Eltern, keine Oma, kein Garten, keine Schule. Alles würde in Schockstarre sein, bis er wieder auftauchte. Dann würden die Personen wieder zum Leben erwachen und mit ihm interagieren. Als er seine Oma einmal gefragt hatte, wie das sei, im Nichts zu sein, hatte sie ihn einen Moment besorgt angesehen und dann milde gelächelt.
"Was du nur für eine Phantasie hast, Paul."
Hatte sie gewusst wie es war auf dieser Toilette zu sitzen? Wußte sie es jetzt?
Nun war Paul allein in der Transferzone. Zusammen mit den Graffito, der Ölkanne, der Kamera und der abgewetzten Sprechstelle. Er überlegte auszusteigen, aber die Stimme mahnte ihn sich ruhig zu verhalten. Als sich Pauls Augen ein wenig an die Dunkelheit gewöhnt hatten, konnte er eine verrostete Stahltür erkennen, die aus der Schleuse hinausführte. Sie war sicherlich ein paar Jahre lang nicht geöffnet worden. Rechts über der Tür drehte sich langsam ein rostbrauner Ventilator. Wo diese Rohre wohl hinführten? Existierte jetzt irgendwas außer ihm und dieser Schleuse? Befand er sich wirklich im Niemandsland zwischen der Interzone und Brandenburg? Oder hatte er schon immer hier gesessen, hingehalten von einer synthetischen Stimme, die ihn überzeugte immer länger zu warten? War das nicht sogar ein bisschen wie das Leben? Die Hoffnung auf etwas, das kommen würde, aber nie gegenwärtig war. Ein Knall ertönte, als sei etwas großes, massives umgekippt. Die Jalousien resonierten metallisch. Paul konnte eine weitere Raumdimension wahrnehmen, gebildet durch das akustische Ereignis. Er fragte die Kamera wie lange er noch warten sollte. Ein Schwarz-Weiß-Monitor flackerte auf, den Paul bisher für eine Verblendung gehalten hatte. Ein blasser Mann mit einem schwarzen Beret erschien.
"Paul Madorn?"
"Ja, das bin ich."
"Sie haben die Interzone vor einer Woche für 48 Stunden verlassen und nun einen weiteren Antrag gestellt. Welcher Art sind Ihre Unternehmungen in der FRB?"
"Geschäftlich. Ich arbeite für die Firma Ludicorp."
"Das kann ich sehen", entgegnete der Soldat barsch. "Welcher Art sind die Unternehmungen der Firma Ludicorp in der FRB?"
"Dazu kann ich Ihnen leider keine Auskunft erteilen. Ich bitte Sie sich an die PR-Abteilung der Firma zu wenden. Schauen Sie, ich möchte keine Probleme machen, aber wenn ich meine Befugnisse überschreite, dann kann ich echt Ärger bekommen. Soweit ich weiß müsste der Papierkram ordentlich erledigt worden sein."
"Diesbezüglich gibt es keine Probleme. Trotzdem möchte ich Sie bitten ihren Wagen zu verlassen und sich mit dem Gesicht zur rechten Wand aufzustellen. Die Hände legen sie bitte auf die schwarzen Markierungen."
"Was haben Sie vor?"
"Routinekontrolle. Es wird nicht mehr als eine Stunde Ihrer Zeit kosten."
Aus dem Mund des Soldaten klang diese freundliche Floskel kalt und hohl. Er musste wohl eine Kommunikationsschulung absolviert haben. Paul beruhigte das ein wenig. Wenn das Militär sich um so etwas Gedanken machte, waren sie vielleicht nicht mehr ganz so brutal wie die Gerüchteküche verhieß. Er öffnete die Wagentür und ging mit einem Seitenblick auf die Kamera, die hinter ihm her surrte, auf die Wand zu. Am Boden und an den Wänden waren eindeutige Markierungen angebracht und so stellte sich Paul in Position und wartete. Er presste die Hände an die kühle, raue Ziegelsteinmauer. Die Fugen waren teilweise von dicken Spinnweben überzogen. Seine Augen glitten über die Steine direkt vor ihm. Im spärlichen Licht der Schleuse erschienen sie in einem blassen Grau, das die Erinnerung an den Farbton Terrakotta in sich trug. Was war das wirkliche Wesen dieses Steins? Ziegelfarben, grau oder schwarz? Wenn er die Augen schliessen würde, wäre niemand mehr da um das zu beurteilen. War Terrakotta dann eine Qualität des Steins oder ein Phänomen in seinem Kopf? Vielleicht flutschte die Farbe des Objekts in dem Moment herunter in dem er die Augen schloss. Er versuchte es probeweise. Jetzt, in der Dunkelheit, spürte Paul die angenehm sandige Beschaffenheit des Ziegelsteins. Er kratzte probeweise mit dem Finger daran und ein Stück Fugenmörtel rieselte auf den Boden. War die Oberfläche des Steins eine Eigenschaft die irgendwie mehr zu dem Stein gehörte als seine Farbe? Und wenn er fünf Meter große Hände hätte? Würde ihm der Stein dann glatt erscheinen? Für wen war die Welt gemacht, wenn nicht für ihn, Paul? Er fühlte den Drang seinen Darm zu entleeren, der mit einer leichten Euphorie einherging. Nichts ist wahr, alles ist nur für mich. Und das macht mir keine Angst. Nein, ich fühle mich großartig.
Eine kräftige Hand fasste ihn unsanft an der Schulter.
„Paul Madorn?", das war offenbar mehr rhetorisch gemeint. „Wir müssen Sie bitten einer Leibesvisitation zuzustimmen ..."
Paul öffnete die Augen und drehte den Kopf soweit zur Seite wie es ihm möglich war ohne die Hände von der Wand zu nehmen. Hinter ihm stand ein junger Soldat in olivgrünem Drillich. Sein Gesichtsausdruck war am ehesten mit einfältig-brutal zu umschreiben, auch wenn es den Augen nicht gelang eine Spur Milde zu verstecken.
„In Ordnung!", willigte Paul ein.
Der Soldat tastete ihn ab und befahl seinem Kameraden den Wagen zu untersuchen. Paul dirigierte er durch die verrostete Stahltür in einen Gang, dessen grün-grau-schwarz gesprenkelter Linoleumboden gepflegter aussah, als man vermutet hätte. Zwei parallele Reihen meterlanger Neonröhren spiegelten sich darin. Im Abstand von circa zwanzig Metern war jeweils ein absurd großer Plastikknopf und ein Sprechgitter an der Wand angebracht. Nachdem sie etwa fünf Minuten gegangen waren, kamen sie an eine Tür, die der Soldat mit Codekarte und Tastenkombination öffnete. Dahinter befand sich ein einfacher Raum mit einem Tisch, vier Stühlen, einem Wasserspender, einem Feldbett und zwei Fressautomaten. Der Soldat bat Paul sich auf einen Stuhl zu setzen und setzte sich ihm gegenüber. Dann warteten sie. Der Soldat starrte ins Leere und gab sich dabei solche Mühe, dass Paul unwillkürlich grinsen musste. Nach einigen Minuten piepte ein altmodischer Apparat an der Wand neben der Tür. Der Soldat sprang auf und nahm den Hörer ab. Er hörte eine Weile lang zu, nickte dabei und beendete das Gespräch mit einem barschen „Verstanden!". Dann setzte er sich wieder zurück an den Tisch. Er schwieg eine Weile und sah Paul dann direkt an.
„Sie haben eine enorme Anzahl WiMax-Router und -antennen in dem Wagen. Die Ausfuhr solcher Güter aus der Interzone ist mit Anordnung des Bezirkskommandanten vom 13. August nicht erlaubt. Die Ware wird beschlagnahmt. Die Einreise in eine Interzone der GMWS ist Ihnen bis auf Weiteres untersagt. Bei Beschwerden wenden Sie sich bitte an eine Vertretung der GMWS . Ein Soldat wird Sie zurück zu Ihrem Wagen bringen. Wir wünschen einen angenehmen Aufenthalt in der Freien Region Brandenburg."
Nachdem der Soldat den letzten Satz beendet hatte, öffnete sich die Tür und sein Kamerad erschien. Mit einem Kopfnicken bedeutete er Paul ihm zu folgen. Paul hielt es für unpassend irgendwelche Fragen zu Stellen. Die bisherige Erfahrung mit dem Interzone-Militär hatte ihn gelehrt, besser den Mund zu halten.
Wenige Minuten später saß er wieder in seinem Auto und blickte in den blinden Schwarz-Weiß-Monitor. Die Soldaten waren spurlos verschwunden. In dem Lautsprecher unter der Kamera knackte es kurz, dann knirschte die Stahljalousie vor ihm und gab allmählich den Blick auf eine verregnete Weidelandschaft frei. Paul startete den Wagen und fuhr langsam aus der Schleuse, seinem ursprünglichen Ziel entgegen. Was er dort jetzt eigentlich sollte, darüber konnte er sich unterwegs Gedanken machen.

Welt 3Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt