Das Büro der Farmverwaltung war ein schmuckloser Raum mit vergilbten Kacheln. Paul hatte so eine Ahnung was früher die Funktion des Raumes gewesen war, aber er wollte nicht genauer darüber nachdenken. Da die wwoofer allesamt Vegetarier oder Veganer waren, wurde so etwas wohl nicht mehr benötigt. Das Zentrum des Büros bildete ein riesiger Fotokopierer und ein grotesk anachronistischer Laptop aus den späten 2010er-Jahren. Strom bezogen die Geräte von einem ohrenbetäubend lauten Dieselgenerator im Nachbarraum.
Er verbrachte die Tage damit Lieferzettel zu erstellen, Kisten im Versandlager zu überprüfen und die korrigierten Listen zu vervielfältigen. Der scharfe, zitronige Geruch der durch die Ozonreaktion entstandenen Gase machte ihm Kopfschmerzen, aber er beschwerte sich nicht. Wenn die anderen wwoofer von der Feldarbeit kamen, stand er rauchend vor dem Büro und blickte wichtigtuerisch auf die Planwagen. Zum ersten Mal seit er auf der Farm aufgetaucht war, hatte er das Gefühl nicht unsichtbar für die Anderen zu sein. Und noch etwas war ihm aufgefallen. Es gab einen Bereich auf dem zentralen Hof, den nur Szymon und seine Funktionäre betraten. Die Tür war durch eine mächtige Eisenkette gesichert und ein bulliger Kirmesboxer namens Jonas patrouillierte mehr oder weniger unauffällig vor dem Gebäude.
Abends beim Essen versuchte Paul das Gespräch auf die versperrten Räumlichkeiten zu lenken.
"Sagt mal, gibt es eigentlich so eine Art eisernen Vorrat für harte Winter? So was wie die Senatsreserven in der Interzone?"
"Nich' dat ich wüsste", raunte ein Mann, der offenbar aus dem ehemaligen Ruhrgebiet stammte. "Wieso meinste?"
"Naja, wegen dem Sperrbereich dahinten auf dem Hof ... "
„Ach so. Soweit ich weiß treffen sich da die Chefs. Wenn die Sekretäre von den anderen Farmen kommen, dann verschwinden die alle dadrin und stecken die Köppe zusammen."
„Und dich interessiert nicht was darin vor sich geht?"
„Nöö, wieso? Danach is' ja sowieso immer Versammlung und alles wird abgestimmt."
Paul beschloss es hier gut sein zu lassen, bevor der Mann noch Verdacht schöpfte. Entweder er verheimlichte ihm etwas oder es war ihm wirklich egal. Wenn die Versammlungen öffentlich waren, dann mussten die Chefs auch nicht im Geheimen tagen. Außerdem gab es keinen ersichtlichen Grund die Räumlichkeiten ständig verschlossen zu halten.
***
Am nächsten Tag versuchte Paul einen Frontalangriff. Er verließ gegen Mittag einfach das Büro und lief mit einem Stapel Zettel unter dem Arm in Richtung der Sperrzone. Bevor er an der Tür angekommen war, stand der stiernackige Kirmesboxer vor ihm und fragte in erstaunlich freundlichem Ton, ob er ihm helfen könne.
„Ich muss dringende Papiere da rein liefern. Hat dir Szymon nichts gesagt?"
„Nein, hat er nicht. Außerdem hält sich in den Räumen derzeit niemand auf. Für wen sollen die Papiere denn sein?"
„Keine Ahnung. Das sagen die mir ja nicht ... Gut, dann gehe ich noch mal nachfragen, vielleicht habe ich ja irgendwas falsch verstanden."
Er trotte zurück in Richtung Büro. Der Wächter lehnte sich an eine grün gestrichene Holzkiste und zündete sich eine Zigarette an.
***
Am frühen Abend bat Szymon Paul in sein Arbeitszimmer. Es war - wie alles auf der Farm - ein karger Raum mit geringem Komfort. Allerdings lag eine Packung Filterzigaretten auf dem Tisch und in der Ecke stand eine robuste Kaffeemaschine. Außerdem besaß Szymon offenbar ein Slate, von dem er aufsah als Paul den Raum betrat.
„Hallo Paul. Setz dich doch bitte!"
Er deutete auf einen Bürostuhl, der seine besten Tage lange hinter sich gelassen hatte. Was war los? Szymon hatte ihn noch nie in sein Arbeitszimmer gebeten. Warum also ausgerechnet heute? Paul beschloss die Flucht nach vorne anzutreten.
„Was versteckt ihr in dem verschlossenen Gebäude?"
„Um das zu erfahren versuchst du dich am hellichten Tag an der Wache vorbei zu schmuggeln? Paul, ich hätte dir schon mehr Cleverness zugetraut."
„Nun, ich fand es eben merkwürdig, dass es in eurem wwoofer-Sozialismus Geheimnisse gibt. Ist das nicht ein bisschen widersprüchlich?"
„Ich glaube nicht, dass du dir ein Urteil über unsere Organisation erlauben kannst. Was wäre, wenn wir in der Gemeinschaft beschlossen haben diese Sperrzone einzurichten? Glaubst du eine sozialistische Utopie muss nicht wehrhaft und gut organisiert sein? Die Geheimhaltung dient ausschließlich dem Schutz der wwoofer."
Paul schnaubte verächtlich.
„Dem Schutz der wwoofer. Ein Ironie, dass du solche Dinge gerade auf dem Gebiet der ehemaligen DDR von dir gibst. Ich glaube es ist noch kein Despot unter der Sonne gewandelt, der nicht behauptet hat zum Wohle und Schutz der Bevölkerung zu handeln."
Jetzt war es an Szymon sarkastisch zu werden. Sein Gesicht verzog sich zu einer grotesken Fratze, die wohl ein Lächeln darstellen sollte.
„Und wer bist du, dass du solche Reden schwingst? Ein Bewohner einer militärisch kontrollierten Zone des relativen Wohlstandes in der die ärmsten Bewohner in verfallenen Ghettos vor sich hin vegetieren - mühsam verdeckt von riesigen Werbeplakaten. Ihr braucht gar keine Ideologie mehr, das ist schon klar. Außer dem hohlen Mantra, dass jeder es schaffen kann, wenn er redlich sich bemüht. Protestantischer Arbeitsethos ohne Glauben, geronnen zu autoregulativer Biopolitik."
„Wenigstens haben wir es nicht nötig Informationen zu verheimlichen und unsere Bürger zu manipulieren", sagte Paul.
„Und warum bist du dann hier? Ausgestoßen von deinem Stadtstaat und vom Militär mit einem Sack über dem Kopf in der Prignitz ausgesetzt?"
Das hatte gesessen. Paul sah ein, dass er wohl nicht in der Lage war den moralischen Zeigefinger zu schwingen. Szymon, der die Veränderungen in Pauls Gesicht bemerkte, schaltete einen Gang runter.
„Glaub nicht, dass uns diese Entscheidung keine langen Diskussionen gekostet hat. Wir sind nicht davor gefeit dieselben Fehler zu machen wie andere utopische Bewegungen vor uns. Aber wir sind auch nicht naiv. Jede konkrete Situation erfordert eigene Strategien. Und ein Gemeinwesen, sei es auch noch so klein, braucht eine organisierte Struktur. Wir befinden uns faktisch im Krieg mit den Interzones der Europäischen Union. Wir können nicht riskieren, dass jeder Erntehelfer unsere Verteidigungsstrategien kennt."
Paul winkte müde ab. Das alles hatte er auch schon gewusst, bevor Szymon es ihm erklärt hatte. Ziel seiner Provokation war es lediglich gewesen dem Farmsekretär ein paar Geheimnisse zu entlocken. Und jetzt war seine Strategie aufgegangen, ohne dass es sich wie ein schmutziger Sieg anfühlte. Wem sollte er auch sein Wissen verraten? Er war isoliert und gebrandmarkt. Wenn er je wieder in die Zone zurückkehrte, würde er sich unterhalb des Radars aufhalten müssen. Andererseits konnten Informationen über die wwoofer und ihre Farmen sich in einer solchen Situation auch als nützlich erweisen.
„Es wird die Zeit kommen, in der du mehr in die Geheimnisse der wwoofer eingeweiht werden wirst", unterbrach Szymon seinen Gedankengang. „In der Zwischenzeit möchte ich dich aber bitten es dabei zu belassen."
Das war mehr ein Befehl als eine Bitte.
Paul nickte ernst und schüttelte Szymon die Hand.
„Klingt fair! Wie stehen wir jetzt zueinander?"
Szymon klopfte ihm auf die Schulter.
„Wir sind cool, Paul!"
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Welt 3
Science Fiction2042 - Berlin und andere europäische Großstädte haben sich in sog. Interzones abgeschottet, in denen die digitale Bohème, das Kiez-Proletariat, HiTech-Konzerne und das Militär koexistieren. Die Freie Region Brandenburg ist ein wüstes Land, in dem di...
