Während Paul und sein Vater auf weitere Nachrichten von Seyfried warteten, schlummerte Paul erneut ein und sein Kinn sackte auf die Brust. Er schreckte auf, sah sich halbbewusst um, drehte den Kopf auf die andere Seite und dämmerte weiter. Dieses Spiel wiederholte sich ein paar Male, bis sich ein prägnanter Speichelfleck auf seinem T-Shirt gebildet hatte. Er sah zu seinem Vater hinüber, der den Kopf abgewandt hatte und leise in ein Headset murmelte. Paul konnte nicht verstehen was gesprochen wurde. Er nickte erneut ein und erwachte schlagartig, als jemand gegen die Beifahrertür klopfte. Dort stand ein mittelalter, unrasierter Mann, der ihm signalisierte das Fenster herunterzulassen. Ehe Paul sich besinnen konnte, glitt das Fenster herunter.
"Herr Madorn? Bitte kommen Sie beide mit. Es steht eine Beechcraft für sie bereit."
Pauls Vater nickte seinem Sohn zu und beide griffen zu ihrem Gepäck. Sie folgten dem Mann, der im geduckten Laufschritt durchs Unterholz lief. Nach einigen Minuten kamen sie auf eine Freifläche mit gelbem, sonnenverbrannten Gras. Inmitten einer Ansammlung von aufgeplatzten Betonplatten stand ein winziger weißer Kontrolltower. Sie liefen daran vorbei zur Startbahn, auf der ein Kleinflugzeug mit laufendem Motor stand. Es war eine Beechcraft Bonanza, die zu ihrer Zeit wohl äußerst komfortabel gewesen war. Der Mann öffnete die Maschine mit einer schwarzen Plastikkarte. Es gab sechs Sitzplätze, zwei im Cockpit und vier sich gegenüberliegende Sitze im hinteren Teil. Paul legte seine Box auf den Vierersitz und stieg vorne ein. Er versuchte den Steuerknüppel und die altmodischen Armaturen zu ignorieren, die auf beiden Seiten des Cockpits vorhanden waren.
"Keine Sorge, die Steuerung ist gelockt. Sie wird nur aktiv, wenn ich mich nicht mehr in meinem Sitz befinden sollte.", bemerkte sein Vater sachkundig.
"Na, das ist ja beruhigend", entgegnete Paul.
Der Mann, der ihnen geholfen hatte, deutet auf den Kontrolltower und lief dann darauf zu.
Es dauerte eine Weile, bis sein Vater sich mit den Anzeigen vertraut gemacht hatte, dann setzte er das Flugzeug ein wenig zurück, um die kurze Startbahn optimal ausnutzen zu können. Nach einem weiteren Check holte er sich vom Tower die Starterlaubnis. Das Flugzeug beschleunigte und als Paul die verwitterten Markierungen an sich vorbeiflackern sah, schloss er die Augen. Es gab einen kleinen Ruck und als er die Augen wieder öffnete befanden sie sich im Steigflug. Die Sonne brach durch den bewölkten Morgenhimmel und tauchte die Kabine durch die getönten Fenster in einen angenehmes, orangebraunes Licht. Alles war so unwirklich, dass Paul es kaum glauben konnte. Er flog mit seinem Vater in einem alten Privatflugzeug in den Sonnenaufgang. Wenn er nach rechts aus dem Fenster blickte konnte er die riesigen Parabolantennen des Rectenna-Feldes „Liebenberger Bruch" sehen. Von der Interzonen-Grenze trennten sie nicht einmal zwanzig Kilometer. Das bedeutete sie würden in nicht einmal zehn Minuten mitten über Berlin sein. Eine Kaskade von Funksprüchen prasselte auf sie ein, bis sein Vater kurzerhand die Frequenz wechselte. Zwischen Bergen aus Statik war nun die Stimme von Seyfried zu hören.
"Gehen Sie runter auf 2000 Fuss und dann Kurs Südsüdwest. Wir lotsen sie durch einen blinden Fleck auf dem Radar nach Tempelhof."
Dann war eine Weile nur Rauschen zu hören. Als sie sich einem vorgelagerten Checkpoint näherten, konnten Paul zwei Soldaten sehen, in die plötzlich Leben kam. Einer griff nach seinem Feldstecher, der andere rannte in das Wachhäuschen.
Georg Madorn sah nervös auf die Anzeigen.
"Hatten Sichtkontakt mit Interzone Militär bei 52°45' Nord 13°32' Ost"
"Das jammen wir, kein Problem. Korrigieren Sie Ihren Kurs auf Südwest."
Seyfrieds Stimme war nicht mehr als ein dünnes Frequenzband auf einem Teppich aus Rauschen.
Der Horizont kippte leicht und jetzt flogen sie direkt auf die Befestigungsanlagen der Interzone zu. Von hier oben sahen sie weniger bedrohlich, als lächerlich provisorisch und fragil aus. Paul konnte keine Wachposten entdecken. Anscheinend wussten die beiden Schläger was sie taten. Bis nach Tempelhof waren es noch knapp zehn Kilometer, also weniger als vier Minuten Flugzeit.
"Gehen Sie runter auf 1300 Fuss", knirschte es aus dem Kopfhörer.
"Sollen wir etwa in Tempelhof landen?", rief Paul zu seinem Vater herüber. "Dann können wir uns gleich dem Militär ergeben."
"Wer spricht den von landen?", sagte sein Vater mit einem schiefen Grinsen.
"Sprungpunkt erreicht in Delta - 200 Sekunden", schallte fast gleichzeitig die Stimme von Seyfried aus dem Kopfhörer.
"Besser du ziehst dir schonmal den Fallschirm über", sagte sein Vater, während er mit der rechten Hand auf eine Stelle unter Pauls Sitz zeigte.
„Jetzt schau nicht so verdattert - habt ihr das nicht in der Grundausbildung gehabt?"
„Theoretisch ja", entgegnete Paul säuerlich. „Für die Praxis fehlte Zeit und Geld."
„Mach dir keine Sorgen, die sind mittlerweile so gut, da kannst du einen toten Fisch mit abwerfen."
Während Paul den Fallschirm unter dem Sitz hervorzog und versuchte aus dem Bilderrätsel der Kurzanleitung schlau zu werden, verbarg er seine Nervosität so gut er konnte vor seinem Vater. Sein Herz klopfte und ein Sturzbach aus Schwitzwasser lief die Wirbelsäulenrinne hinunter.
„K-können wir einen Tandemsprung machen? Ich meine, dass ist vielleicht sicherer."
Sein Vater sah ihn erstaunt an.
„Ich werde nicht springen. Glaubst du ich lasse die Maschine einfach abstürzen?"
Das klang logisch, aber Paul hatte instinktiv angenommen, dass sein Vater ihm von nun an nicht von der Seite weichen würde.
„Wie kommst du denn zurück nach Berlin?"
„Nun, ich hab es nicht eilig", grinste sein Vater vieldeutig. „Aber ich nehme an, ich werde einfach mit meinem Wagen durch einen Checkpoint fahren. Ich habe ja kein Einreiseverbot."
"Sprungpunkt erreicht in Delta - 60 Sekunden"
„Jetzt mach mal voran, Paul. Sitzt das Ding richtig?"
Paul drückte den Prüfknopf und drei grüne LEDs signalisierten ihm, dass der Schirm korrekt angelegt war.
„Flughöhe auf 2000 Fuß korrigieren, sonst ist der Sprung zu riskant."
Schön, dass Seyfried auch um seine Sicherheit besorgt war, dachte Paul grimmig.
„Gut. Dann setz' dich jetzt seitlich zur Tür. Ich öffne die Luke zehn Sekunden vor dem Sprung. Dann zähle ich dich runter. Versuche auf eine Grasfläche zuzusteuern und dich so gut wie möglich abzurollen."
Unter ihnen näherte sich der überwucherte ehemalige Flughafen, der von Barracken und Containersiedlungen übersät war.
Paul griff in den hinteren Teil und zog das KryoBag zu sich auf den Vordersitz. Ihm entging nicht, dass sein Vater ihm einen flüchtigen Blick zuwarf.
"Sprungpunkt erreicht in Delta - 10 Sekunden"
Mit einem Zischen glitt die Tür auf und ein harscher Wind ließ Paul jäh zurückzucken. Er griff das KryoBag, doch sein Vater hatte den Schulterriemen fest umklammert.
„Tut mir leid, Paul. Die Box bleibt hier."
Paul sah seinen Vater an und versuchte herauszufinden ob er scherzte.
„Papa, das ist jetzt nicht die Zeit ..."
„Du wirst das verstehen, wenn ich wieder in Berlin bin. Wenn ich das Ding an Ludicorp ausliefere, muss sich unsere Familie nie wieder Sorgen um Geld machen."
Fassungslos starrte Paul ihn an. Alles was sein Vater ihm in den letzten zwölf Stunden gesagt hatte, war mit einem Schlag zunichte gemacht. Georg Madorn war wieder der egozentrische und skrupellose Karrierist, vor dem Paul seit seiner Teenagerzeit geflüchtet war. Er wurde überwältigt von einer Woge von Hass, die noch dadurch verstärkt wurde, dass sein Vater ihm diese Schmierenkomödie von wegen Verletzlichkeit und Fürsorge vorgespielt hatte. Die Angst vor dem Sprung fiel schlagartig von ihm ab. Er griff den Riemen des KryoBags so fest er konnte, stemmte sich mit seinen Knien gegen das inaktive Steuerruder und ließ sich mit seinem ganzen Gewicht nach hinten fallen. Das KryoBag entglitt seinem verdutzten Vater, der nicht mit Widerstand gerechnet hatte. Als Paul aus der Luke kippte, konnte er gerade noch sehen, dass das Flugfeld bereits hinter ihnen lag. Erschreckt schloss er die Augen und spürte wie sich der Fallschirm mit einem Ruck öffnete und ihn scheinbar wieder nach oben zog, zurück in die Fänge seines verräterischen Vaters.
***
Die Landung war turbulent und schmerzhaft gewesen, was weniger an dem High-End-Fallschirm lag, als daran, dass sie bei seinem Absprung das Flugfeld bereits passiert hatten und Paul in die Böschung der alten S-Bahn-Gleise nördlich der Oberlandstrasse geknallt war. Einige Minuten lag er wie ein Käfer auf dem Rücken und versuchte die Luft in seine Lunge zurück zu bekommen, die beim Aufprall schlagartig entwichen war. Das Motorengeräusch des Flugzeugs war noch zu hören, verlor sich aber schnell im allgemeinen akustischen Smog. Der Adrenalinschub, der seit dem Absprung durch seinen Körper flutete, erlaubt es ihm, trotz der Schmerzen schnell wieder in Gang zu kommen. Seine Gedanken rasten. Er hatte einen Freund in Neukölln, der in der Nähe vom Körnerpark wohnte, also nicht mal einen Kilometer entfernt. Dort konnte er duschen und seine Wunden lecken. Dann würde er weiter sehen. Er öffnete das KryoBag, versicherte sich, das das Datafat äußerlich unbeschädigt war, schulterte den Rucksack und hinkte zügig Richtung Osten.
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Welt 3
Ficção Científica2042 - Berlin und andere europäische Großstädte haben sich in sog. Interzones abgeschottet, in denen die digitale Bohème, das Kiez-Proletariat, HiTech-Konzerne und das Militär koexistieren. Die Freie Region Brandenburg ist ein wüstes Land, in dem di...
