Kapitel 17
Nachdem ich Samstagnacht todmüde und fast ebenso verwirrt in mein Bett gefallen war, stand mein Sonntag ganz im Zeichen von Ratlosigkeit.
Ich schlief sehr lange und sehr tief und wachte erst gegen Mittag aus diesem Dornröschen-Schlaf auf. Als ich ins Bad tappte und dort in den großen Spiegel schaute, erschrak ich mich fast vor mir selbst.
Ich hatte noch immer das zerfetzte T-Shirt an, das zudem deutliche Dreck und Blutspuren hatte, ebenso wie mein Hemd. An meiner Jeans konnte ich erkennen, dass ich meine blutigen Finger anscheinend daran abgewischt hatte - ich zog alles aus und stopfte es in die Wäsche.
In meinem Gesicht konnte man fast noch immer die dreckigen Finger des düsteren Typs erkennen und an meinem Hals hatte ich ein paar Blaue Flecken davon, wie er mich fest gehalten hatte. Ich fuhr die Konturen nach und schauderte einen Moment bei der Erinnerung daran, aber ich wusste, dass ich es in ein paar Tagen locker weggesteckt hätte. Für Traumatisierungen war ich nicht der Typ - und ich hatte schon schlimmeres durch gemacht.
Am schlimmsten sah wohl die ungefähr fünf Zentimeter lange Schnittwunde in meinem Gesicht aus. Meine gesamte Gesichtshälfte war noch immer mit verkrustetem Blut verklebt, das ich nur mühsam mit einem Waschlappen lösen konnte, um weniger wie ein Zombie aus zu sehen.
Nachdem meine Haut sauber war, sah ich allerdings, dass die Wunde glücklicherweise nicht sehr tief war - wahrscheinlich bekäme ich nicht einmal eine richtige Narbe.
Trotzdem konnte ich diese deutliche Spur von letzter Nacht wohl kaum verbergen und ich würde Fragen gestellt bekommen. Sollte ich die Wahrheit sagen?
Ich stellte mir vor, wie mein Vater reagieren würde. Oder Damien. Beide würden sich Vorwürfe machen und einen Kerl anzeigen wollen, der wahrscheinlich schon über alle Berge war. Jolie müsste ich ohnehin anlügen, denn einem Kindergartenkind wollte ich auf keinen Fall die böse, kalte Welt aufzeigen.
Vor allem aber konnte ich niemandem sagen, wer mich wie gerettet hatte.Nein, ich würde lügen. Ich würde sagen, dass ich mich verlaufen hatte, soweit wollte ich bei der Wahrheit bleiben, und mich an einem vorstehenden Metallhaken die Wange aufgeschlitzt hatte. Das klang plausibel, denn in den Gassen war es düster gewesen und so einen Haken hätte man schnell mal übersehen, das konnte jedem passieren.
Man würde lachen, mich als Tollpatsch abstempeln und nicht weiter nachfragen.
Das merkwürdigste war allerdings, dass ich trotz meiner vielen Blessuren kein negatives Gefühl verspürte, wenn ich an den letzten Abend dachte.
Denn jedes Mal, wenn ich meine Augen schloss, konnte sie Harry's Lippen auf meinen schmecken und jedes Mal hatte ich ein Kribbeln im Bauch und gleichzeitig ein leichtes Ziehen im Herzen.Noch immer konnte ich nicht begreifen, dass ich mich tatsächlich so wenig unter Kontrolle hatte und ihn einfach geküsst hatte.
Aber wenn man mich einfach so, rein theoretisch, gefragt hätte, dann würde ich zugeben, dass ich diesen Kuss nicht bereute. Und ich würde ihn niemals bereuen, denn trotz aller offensichtlicher Falschheit hatte sich bisher wenig in meinem Leben so richtig angefühlt.
Natürlich wusste ich, dass es falsch war. Das hatte ich von der ersten Sekunde an gewusst, schon seit dem Moment, in dem mein kleines dummes Herz den ersten Hüpfer gemacht hatte. Wie oft hatte ich mich selbst vorgebetet, dass Harry zu alt war, mein Trainer war, mein Lehrer war? Dass diese merkwürdige Anziehungskraft zwischen uns alles andere als real war? Dass ich womöglich einfach nur so sehr davon überrumpelt war, von einem Erwachsenen wahr genommen zu werden, dass ich es vollkommen überinterpretierte?
Tausende Male hatte ich mir das alles gesagt.
Aber die Anziehungskraft konnte ich nicht mehr bestreiten. Und ich hielt mich für geistig gesund genug, dass ich sehr wohl zwischen Verliebtsein und bloßer Geltungssucht unterscheiden konnte.

DU LIEST GERADE
Liebe kennt keine Grenzen (Abgeschlossen)
FanfictionMan dachte, man würde Belle einen Gefallen damit tun, sie zu ihrem Vater in die Sonne zu bringen, nachdem sie in ihrem alten Zuhause so viel Hässliches miterleben musste. Doch niemand hatte Belle nach ihrer Meinung gefragt und niemand schien sich au...