Die ganze Nacht habe ich überlegt, woran es liegen kann. Bin ich das Problem oder hat er ein riesiges Problem mit Gefühlen? Ist er ein Mensch, der Beziehungsunfähig ist? So habe ich es aber in all den Monaten nicht erlebt. Kann man sich so täuschen? Liebe ist da... Warum passt der Rest nicht? Ist es Unsicherheit? Warum kann er nicht mit mir darüber reden? Mein Verstand ist überlastet und ich komme nicht hinterher. Selbst eine Nachricht an Alex war nicht mehr möglich.
Als es morgens an meiner Tür klopft, schluchze ich noch immer in mein Kissen. Noch immer ist eher viel gesagt. Vielmehr weine ich wieder. Kurz bin ich eingeschlafen, nur um von Chris zu träumen und heulend wieder aufzuwachen. So ist es auch jetzt. Leise geht die Tür auf und bevor ich Mama sehe, merke ich, wie sich sich zu mir legt und mich in den Arm nimmt. Genau das brauche ich jetzt und lasse mich nur allzu gerne in ihre Umarmung fallen. ,,Ach mein Schatz, Liebe ist nicht einfach", flüstert sie weise und damit hat sie verdammt Recht. Wenn nichts mehr hilft, ist wenigstens Mama da und steht mir bei.
Der Schmerz sitzt so tief und am liebsten würde ich rausgehen und Chris noch einmal anschreien, dafür was er mir antut. Doch das schaffe ich nicht. Ihn zu sehen, wär mein Ende. Es schmerzt nur an ihn zu denken. Sein Anblick würde mich schwach machen, wie so oft. ,,Warum tut es nur so weh?", frage ich sie weinerlich und werde nur noch fester gedrückt. Es tut so gut und natürlich kann das Einbildung sein, doch dadurch ist der Schmerz erträglicher. Erträglicher, als in der ganzen Nacht zusammengefasst.
,,Das kann ich dir leider nicht sagen. Wir Menschen sind einfach dazu bestimmt in regelmäßigen Abständen zu leiden. Zumindest in der Jugend. Doch es wird leichter. Wenn du den Richtigen hast und ihr euer Schicksal akzeptiert, dann ist die Zukunft ein Geschenk." Das entlockt mir ein kurzes Lachen und ich schaue zu Mama hoch, die mich auch lächelnd anschaut.
,,Du machst mir keine Hoffnung", entgegne ich. Das hat sie sich sicherlich gedacht, doch ich muss es auch mal gesagt haben. ,,Wieso kann ich nicht so eine Liebe haben, wie Papa und du?" Auch wenn ich Papa oft kritisiere und denke, wie Mama an ihn geraten ist... So beneide ich die beiden auch. Natürlich liebe ich Papa und finde, er ist ein toller Typ. Sticheleien gehören halt zum Tochter Alltag.
Mama richtet sich etwas auf und setzt sich quasi aufs Bett, legt ihre Füße übereinander und zieht mich zu sich, damit ich mich an sie kuscheln kann. Die Geschichtsstunde kann losgehen. ,,Dein Papa und ich hatten es nicht leicht. Es hat Jahre gedauert, bis wir uns entschieden, dass wir zueinander gehören. Mal war ich es, die ihn abserviert hat, dann war es dein Vater... So ging es eine ganze Weile, bis wir uns unsere Liebe gestanden haben. Doch damit war es nicht besiegelt. Wir haben uns danach auch noch getrennt...", erzählt Mama grob, doch ich will Details.
,,Warte, wie kam es dazu?", hake ich also nach.
,,Vielleicht weißt du noch, dass du die ersten Jahre ohne deinen Vater aufgewachsen bist", erinnert sie mich und ich nicke. Ja, das wusste ich, aber habe nicht weiter nachgefragt. Irgendwie habe ich nie richtig nachgefragt, wenn es meine Eltern betraf. ,,Deine Tante ist gestorben und das war eine sehr schwierige Zeit, in der ich dachte, dass mich niemand verstehen und dass ich deinen Vater unmöglich glücklich machen könnte. Solche Gedanken hatte ich, als ich eben Anfang zwanzig war und bin dann eines Nachts abgehauen. Ich habe einen Neuanfang gewagt." Oh okay, das ist mir neu. So konkret habe ich das nie gehört. ,,Doch ein paar Jahre später hat dein Vater mich gefunden. Er hat nie aufgehört mich zu lieben und ich habe all die Jahre gehofft, dass er eines Tages vor meiner Tür steht. Wir waren beide so stur, dass wir drei Jahre auf unser Glück warten mussten. Doch letztendlich haben wir geheiratet und die Liebe hat ihren Weg gefunden." Wow, ja das höre ich wirklich zum ersten Mal. Die Neugier packt mich. ,,Damit will ich sagen", fährt Mama fort. ,,Es gibt Tiefschläge im Leben, aber wenn ihr zueinander gehört, dann wird sich ein Weg finden und Chris kann sich noch dagegen sträuben wie er will." Warte, woher weiß Mama...? Ach, es liegt doch auf der Hand. Als ob ich mich plötzlich wegen einem anderen Mann in mein Unglück stürze. Mama ist ja nicht blöd.
,,Heißt das, ich soll Chris Zeit lassen?", frage ich vorsichtig und sehe Mama an. Ihre Augen funkeln so schön.
,,Das heißt, dass du den Richtigen findest, selbst wenn es nicht Chris ist. Die Zeit wird vergehen, du machst deinen Weg. Du bist stark und unabhängig, vergiss nicht, du wirst 18 und machst bald deinen Abschluss. Du hast dein Leben noch vor dir. Mach dich nicht von jemandem anhängig, der dich verrückt macht. Möchte er dich, kommt er und zeigt es dir. Bis dahin gibst du deinem Seelenverwandten die Chance dich zu finden, okay?" Oh man, ich liebe meine Mama. Ich drücke sie ganz fest. Der Schmerz ist da, doch ihre Worte sind wie Balsam auf meiner Wunde. Es ist schwer zu glauben, dass ich mich so geirrt habe und Chris vielleicht nicht der ist, den ich mir so sehr wünsche... Doch Mama hat recht. Ich bin jung und habe noch einiges vor mir.
,,Erzählst du mir, wie ihr, also Papa und du, euch kennen gelernt habt?" Mamas Augen leuchten direkt heller und sie schaut an die Decke, als würde sie dort ablesen können.
,,Ich habe für deinen Vater geputzt, weißt du?", fängt sie an und ich bin direkt überrascht. Papa hat schon früh die Firma meines Opas übernommen, das wusste ich bereits. Anscheinend gab es mehr Angestellte, die für Papa geputzt haben und ich kann mir durchaus vorstellen, wie Mama da rausgestochen ist. Die hübscheste und klügste im ganzen Haus. ,,Dein Vater war direkt vernarrt in mich. Das kann ich ihm bis heute nicht verübeln." Da müssen wir beide lachen. Oh Gott, Mama ist einfach in sein Büro geplatzt. Den Starrsinn habe ich dann wohl von ihr. Das war wohl ein reines Katz und Maus Spiel bei den beiden und jetzt kann ich schon verstehen, wieso Mama so verliebt ist in Papa.
Mama erzählt, wie Tante Lis in Papa verliebt war und Mama auf keinen Fall dazwischen stehen wollte. Nun, eigentlich entscheidet ja Papa. Naja und als Papa seinerseits Mamas Liebesbekundung nicht erwiderte, hat sie gekündigt. Dann war Papa wegen irgendwas sauer und Mama war dran Wiedergutmachung zu leisten. Das nächste schockiert mich aber. ,,Du hast was?", frage ich und denke, ich habe mich verhört.
,,Ich habe für deinen Papa gesungen", wiederholt sie, als wär das mega normal. Oh Gott, das würde ich niemals machen.
,,Mit Publikum?", hake ich weiter nach. Oh, sicher nicht... Oder? Mama lacht einfach und schüttelt ihren Kopf.
,,Doch klar, er wusste ja nicht, dass ich da war. Wär keiner Anwesend gewesen, dann wär er direkt gegangen, sobald er den Braten gerochen hätte. So stur war er eben", erklärt sie. Ich schlage meine Hände vor mein Gesicht. Würde ich mich das trauen? Puh, keine Ahnung.
,,Du bist mir ja eine", meine ich und bekomme große Augen von Mama zu sehen.
,,Bitte?", fragt sie und kitzelt mich durch.
,,Hey!", schimpfe ich und muss lauthals lachen. Das bleibt natürlich nicht unbemerkt, weswegen meine Tür direkt aufgeht und Papas Kopf zu sehen ist. Mama lässt von mir ab, sodass wir ihn beide anschauen können.
,,Steigt die Party hier? Gibt es noch Platz für mich?", fragt Papa und ich nicke ganz eifrig. Mama rollt gespielt genervt mit ihren Augen.
,,Wenn es sein muss, dann rücken wir etwas auf." Ich muss lachen, als Papa sich auf die andere Seite schmeißt und mich Mama klaut, um mich in den Arm zu nehmen.
,,Hey, ich wusste, ich hätte dich nicht reinlassen sollen", schimpft Mama und kuschelt sich nun an mich. Jetzt bin ich von beiden Seiten umklammert. Das ist so schön. Letztendlich kann man sich doch nur auf seine Eltern verlassen. Die Wahrheit ist... ich bin glücklich. In diesem Moment bin ich glücklich, obwohl eine gewisse Leere in mir lebt. Das kann nicht lange halten, oder? Die lustige Stimmung verändert sich und mir kullern wieder Tränen meine Wangen runter. Ich schluchze in Papas Brust und klammere mich fester an ihn.
,,Mein Schätzchen, was ist los?", fragt Papa und fährt über mein Haar. Um bloß keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, schüttle ich übertrieben meinen Kopf.
,,Ich liebe euch einfach so sehr", presse ich heulend aus und bekomme einen Kuss auf mein Kopf.
,,Wenn du nur wüsstest, wie sehr deine Eltern dich lieben", flüstert Papa.
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Ich will Dich!
Roman d'amourIch hoffe, Chris gesteht sich seine Gefühle ein. Ich glaube nämlich, ich habe mich verliebt. In Chris. Meinen Leibwächter. Leseprobe: „Ist dir kalt?" Mein Mut sinkt und das urplötzlich. Ob mir kalt ist? Das kann nicht sein Ernst sein. Ich sehe doch...
