1. Die Arbeit eines Polizisten

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Marlon Eiden, so heißt der Mann der mir gegenüberstand und mit trübseligen Augen sein Spiegelbild begutachtete. Richtig, ich führe manchmal Gespräche mit mir selbst, aber solange es in meinem Kopf passiert, konnte es mir auch egal sein. Was mir allerdings nicht so egal sein konnte, war der Aspekt, dass ich bald zur Arbeit musste.

Ich bin Polizist und eigentlich auch noch recht neu dabei, ich bin schließlich erst 24 Jahre.

Ich putzte mir gerade die Zähne und hatte nur noch 15 Minuten bis ich los musste. Wie fast jeden Morgen hatte ich mal wieder verschlafen und musste mich jetzt beeilen. Schnell richtete ich mir meine Haare, was zum Glück nicht lange dauerte, da ich leichte Locken hatte und sie deshalb meist wenig Styling brauchten.

Schnell frühstückte ich noch etwas, bevor ich mich auf dem Weg zur Haltestelle machte und auf die Straßenbahn wartete.

Erleichtert schmiss ich mich auf eine Bank und holte meine Kopfhörer raus. Mich sollte am besten jetzt niemand stören, damit ich wenigstens mit halbwegs guter Stimmung zur Arbeit gehen konnte.

Als die Straßenbahn kam, schulterte ich meinen Rucksack und stieg ein. So wie jeden Morgen war sie komplett überfüllt und ich musste mich zu irgendwelchen fremden Menschen quetschen.

Vielleicht war es die Arbeit bei der Polizei oder einfach meine Persönlichkeit, welche mir so ein Misstrauen gegenüber fremden Menschen aufdrückte.

Erleichtert stolperte ich aus der Straßenbahn und atmete die Stadtluft ein, welche zumindest besser war also die in der Bahn.

Meine Haltestelle war zumindest nicht weit von meiner Polizeistelle entfernt, wodurch ich auch hier auf eher weniger Menschen traf. Schon komisch, dass ich einen so sozialen Beruf gewählt hatte, aber ich würde mich auch eigentlich nicht unbedingt als antisozial bezeichnen. Trotzdem hatte ich häufig lieber meine Ruhe, vor allem morgens.

An meinem Arbeitsplatz angekommen, zog ich mir meine Uniform an und ging daraufhin meine Kollegen begrüßen. „Guten Morgen, Marlon. Bereit für die Streife heute?" begrüßte mich mein Arbeitskumpel, Daniel. Er war das reinste Energiebündel und hatte meiner Meinung nach viel zu gute Laune. „Schon wieder?" fragte ich entsetzt und Daniel nickte grinsend.

„Morgen kannst du doch auf der Wache bleiben, nicht?" „Schön wär's. Übermorgen aber erst." seufzte ich und ich begab mich mit ihm in Richtung unseres Streifenfahrzeuges. „Hast du morgen auch Spätschicht?" fragte Daniel mich, während er auf der Fahrerseite einstieg. Immerhin musste ich erst später fahren. „Ja, wieso?" „Na dann, fahren wir morgen wohl wieder zusammen!" grinste er und lächelte mich fröhlich an.

Aber um ehrlich zu sein, war es mir am liebsten mit ihm zu fahren. Er war immerhin etwas erfahrender, somit aber auch älter als ich. 39 um genau zu sein. Es erleichterte mir die Arbeit um einiges, mit ihm zu arbeiten und er war immer bereit mir zu helfen, wenn ich denn Hilfe benötigte.

Die erste Beschwerde, die uns erreichte war eine Lärmbelästigung. Daniel fuhr also zu der genannten Adresse. Dort angekommen hörten wir bereits ziemlich laute Musik. Trotzdem klingelten wir erstmals beim Melder.

„Guten Morgen, gut dass Sie endlich da sind! Können Sie bitte irgendwie dafür sorgen, dass diese Musik aufhört oder wenigstens leiser wird!" begrüßte uns ein Mann mittleren Alters. Wir nahmen also seine Personalien auf und machten uns dann auf dem Weg zum Nachbarhaus, aus welchem die Musik zu kommen schien.

„Wo essen wir gleich zu Mittag?" fragte Daniel mich. Es war endlich Mittag und wir konnten demnächst Pause machen. Zumindest war heute ein ruhiger Tag gewesen. „Such ruhig aus." antwortete ich und Daniel seufzte. Daniel fragte mich immer wo ich gerne hin wollte, er konnte einfach nicht verstehen warum es mir so egal war. Das war es mir eigentlich auch nicht, aber ich passte mich ihm lieber an. Vielleicht machte ich mir so viel zu viele Dinge leichter.

„Chinesische Nudeln?" ich nickte. Nicht mein Favorit, aber eindeutig Daniels. Ihn munterte das Essen meist auf, weshalb ich es ihm nicht wegnehmen wollte. Das einzige was mich in diesem Moment interessierte war mein Feierabend, welcher mal wieder auf sich warten ließ.

Manchmal bereute ich es Polizist geworden zu seien. Viel lieber hätte ich eine eigene Detektei eröffnet, aber da hätte ich wahrscheinlich noch weniger verdient. Hier verdiente ich immerhin nicht zu schlecht, allerdings war auf der anderen Seite die Miete in der Stadt ziemlich hoch.

Ich verwarf diese Gedanken wieder. Es machte keinen Sinn über solche Sachen nachzudenken. Ich muss mich einfach auf die Arbeit konzentrieren, irgendwann würde sie mir schon Spaß machen. Nicht?

„Ach Marlon, ich hab die Pausen mit dir vermisst." seufzte Daniel, als er mit dem Essen wiederkam. „Wir waren doch nur 5 Tage unterschiedlich beschäftigt." lachte ich und Daniel grinste, während er mir mein Essen reichte. „Na, dann erzähl mal was in diesen 5 Tagen alles passiert ist." forderte er mich jetzt auf. Was gab es schon groß zu erzählen? „Ich hab 4 mal meinen Wecker verschlafen." gab ich zu, woraufhin Daniel nun lachte. „Tja also bei mir Zuhause steht gerade alles auf dem Kopf. Meine Tochter hat bald eine Theateraufführung und ist ständig am proben. Sie hört garnicht mehr auf, es sei denn man zwingt sie." erzählte Daniel und übernahm den aktiven Part im Gespräch.

Langsam schlurfte ich zu meiner Haltestelle. Endlich hatte ich Feierabend und konnte Nachhause gehen. Ich holte wieder meine Kopfhörer raus und genoss die Ruhe, welche eintrat als ich sie aufsetzte. Aber auch sie verschwand, als ich meine Musik anschaltete.

Ich öffnete meine Wohnungstür und sah in meine traurige Wohnung. Alles an ihr wirkte so erdrückend, warum eigentlich? Sie war nicht wirklich groß, aber als ich sie besichtigt hatte, war sie irgendwie fröhlicher. Ich beschloss mir etwas bequemeres anzuziehen, dann machte ich mir etwas schnelles zu essen.

Kurz daraufhin verließ ich die Wohnung wieder. Ich joggte durch den Park und genoss das kleine Gefühl an Freiheit, welches dadurch entstand. Ein kurze Zeit, in welcher ich die Arbeit und mein Leben vergessen konnte. Aber was war eigentlich so schlecht an meinem Leben? Nicht einmal das wusste ich, trotzdem rannte ich von ihm davon.

War es die Unsicherheit meiner Zukunft, die Einsamkeit oder war es die Langeweile? Ich spielte tatsächlich ein wenig mit dem Gedanken zur Kripo zu gehen, aber sicher war ich mir nicht. Eigentlich wollte ich nichts mit der Grausamkeit der Menschen zutun haben, trotzdem hatte ich das Gefühl, dass ich ihnen etwas schuldete. Ich denke das ich deshalb diese Berufslaufbahn gewählt hatte. Was hätte ich schon groß erreicht als Detektiv?

Irgendwann setzte ich mich auf eine Parkbank und starrte in den Himmel. Immerhin hatte ich morgen mit Daniel Spätschicht, dann musste ich wenigstens nicht so früh schlafen gehen.

Ein Leben ohne Gesetze (BoyxBoy)Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt