Irgendwann wurde ich von einem Klingeln geweckt. Kurz darauf erinnerte ich mich, dass Ezra ja noch vorbeikommen wollte.
Ich schlürfte zur Tür und öffnete sie. Ezra hatte tatsächlich keinen Anzug an und war in einem Hoodie und einer Jeans hergekommen. Ich bat ihn herein.
„Wie war dein Termin?" fragte ich ihn, um ein Gespräch anzufangen. „Nicht sonderlich spannend. Wie geht es dir? Warst du nochmal bei Vincent?" wechselte Ezra direkt das Thema und wir setzten uns auf mein Sofa.
„Anscheinend hat er mich belogen oder so, auf jeden Fall war Claudia wieder da und ich denke das bleibt auch erstmal so. Du hast damit aber nichts zutun oder?" fragte ich ihn und schaute ihn böse an.
„Schön wär's, aber nein. Ich hab damit nichts zutun. Das gefällt mir allerdings um einiges besser." seufzte er und ließ sich bequemer in mein Sofa sinken.
„Wieso das denn?" fragte ich ihn und musste leicht schmunzeln. „Ich finde solche Typen sind ja einer der schlimmsten. Hier... ich hab dir hier die Adresse aufgeschrieben." er zog einen Zettel aus seiner Hosentasche und gab ihn mir „Danke.".
„Ich wollte dich noch zwei Dinge fragen..." setzte Ezra an und schien eine Zeit lang über die richtige Formulierung seiner Fragen nachzudenken. Ich konnte mir in dem Moment nicht vorstellen, was er von mir wollte und wurde durch die Stille leicht nervös.
„Ich würde mich gerne öfter mit dir treffen... Können wir uns nicht auch mal privat treffen? Ich kann leider nicht so viele ‚offizielle' Treffen mit dir haben." erzählte er mir und wartete dann schweigend auf eine Antwort von mir.
Wie kam er denn auf sowas? Ich war immernoch am zweifeln daran, warum er sich überhaupt unbedingt mit mir treffen wollte und jetzt wollte er sich noch öfter treffen? Was war sein Ziel?
„Ich versteh das alles nicht. Ich meine wir sind aus zwei komplett unterschiedlichen Welten. Was willst du von mir?" es sprudelte teilweise einfach aus mir raus, da er mich ständig so verwirrte.
Ezra seufzte „Ich weiß es auch nicht genau, aber ich verbringe einfach gerne Zeit mit dir. Ich will auch nicht das du für mich arbeitest oder so, versprochen." gab er zu und ich nickte langsam „Wir können es ja mal versuchen. Ich möchte aber mehr über dich wissen." und so stimmte ich, ohne groß drüber nachzudenken, Ezra zu.
„Wenn du es für dich behältst, dann kann ich ja mal darüber nachdenken." lachte er und wirkte deutlich zufriedener als vorher.
„Was wolltest du noch?" „Hmm, ich wollte dich fragen, ob du mir eine Kopie von deinem Haustürschlüssel anfertigen lassen kannst? Ich geb dir auch das Geld dafür." „Wieso das denn?" ich schaute ihn verwirrt an.
„Ich hab überlegt, falls du einen Rückfall haben solltest oder irgendwie wieder Alkohol in diese Wohnung gelangt, dann könnte ich ihn wieder mitnehmen. Ohne das wir uns vorher treffen müssen, ich würde auch nur vorbeikommen, wenn du auf der Arbeit bist." und irgendwie versuchte Ezra mich wirklich zu überreden, ihm auch hier zuzustimmen.
Jetzt war ich der, der seufzte „Ich bin diese ganze Aufmerksamkeit nicht gewohnt." gab ich zu und ich konnte sehen, wie Ezra unter seiner Maske schmunzelte.
„Aber von mir aus. Irgendwas sagt mir, dass ich sonst regelmäßig mein Türschloss reparieren müsste." ich weiß nicht, ob es die Müdigkeit war, welche mich zustimmen lassen hat oder ob ich ihm nicht einfach viel zu sehr vertraute. Was komisch war, da ich manchmal das Gefühl hatte ihm garnicht vertrauen zu können.
„Du wirst dich dran gewöhnen." sagte Ezra und stand auf. „Allerdings werde ich für heute gehen, damit du noch genug Schlaf hast." setzte er fort und machte sich eigenständig auf den Weg zu meiner Küche.
Jetzt hieß es Abschied nehmen von meinen Alkohol. Auch wenn ich Angst hatte, wusste ich das es der richtige Schritt war.
Ich holte Ezra schnell eine Tüte, ehe ich zu ihm in die Küche kam. „Soll ich dir den Schlüssel auch per Post schicken?" fragte ich und hielt die Tüte offen, während Ezra eine nach der anderen Flasche vorsichtig hineinlegte, er nickte.
„War das alles?" fragte er und schaute sich suchend in meiner Küche um. „Müsste alles gewesen sein." seufzte ich und ging im Kopf nochmal meine Wohnung durch.
Ezra nahm mich plötzlich fest in den Arm und legte seinen Kopf auf meinen ab. Ich brauchte mehrere Sekunden um zu verstehen, was er gerade tat, bevor ich auch meine Arme um seine Taille legte. Er roch so... angenehm?
„Denk dran, dass es okay ist Rückfälle zu haben. Du kannst mir jeder Zeit schreiben, wenn was ist. Ich weiß wie hart sowas ist." seufzte er und hielt mich noch eine Weile fest. Vorsichtig legte ich meinen Kopf auf seiner Schulter ab.
War es okay ihm so nahe zu sein? Sollte ich was dagegen tun? Vielleicht hätte ich es tun sollen, aber ich entschied mich dagegen. Die Grenze zwischen richtig und falsch verschwamm immer mehr und ich wusste nicht, ob ich Ezra nicht doch vertrauen sollte.
„Warst du auch mal abhängig?" fragte ich ihn vorsichtig und drehte meinen Kopf zu ihm. „Nein, aber jemand Bekanntes von mir. Ich erzähl dir ein anderes Mal davon, okay? Ich werde jetzt gehen." nuschelte Ezra und ließ mich los.
„Bis bald." verabschiedete er sich und war dann weg. Erschöpft lies ich dir Tür ins Schloss fallen und ging zurück in mein Bett.
Ich war so erleichtert und frustriert zu gleich, ich wusste garnicht wohin mit mir. Schon jetzt spürte ich den Drang etwas zu trinken. Ich wollte mir keine Gedanken über mich und Ezra machen oder wie auch immer er jetzt eigentlich hieß.
Aber das konnte ich auch garnicht, da mein Kopf schon dabei war die schnellsten Wege zu finden, um an Alkohol ran zu kommen und ihn vor Ezra zu verstecken.
Nach einer Weile ging ich ins Bad, um mir die Zähne zu putzen. Wenn ich nicht bald schlafen gehen würde, dann würde ich wahrscheinlich durchdrehen. Wie konnte ich meinen Kopf nur dazu bringen sich mit anderen Dingen zu beschäftigen?
Fürs Joggen gehen war es zu spät, ich könnte ein Buch lesen. Allerdings hatte ich keins, was ich noch nicht gelesen hatte.
Ich schmiss mich wieder in mein Bett und starrte an die Decke. Nach einer Weile kreisten meine Gedanken wieder um Ezra.
Erst jetzt wurde mir so richtig klar, dass ich durch diese ganze Scheiße meinen Job verlieren könnte. Wie blöd war ich denn, dass ich mich einfach so darauf eingelassen hatte?
Es verwirrte mich immer noch so sehr, dass ausgerechnet er mir mit meinem ‚Problem' half. Trotzdem war ich sehr dankbar dafür.
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Ein Leben ohne Gesetze (BoyxBoy)
Short StoryMarlon ist Polizist und gerät eines Tages zufällig in eine Geiselübergabe. Dort trifft er auf einen gesuchten Schwerverbrecher, welcher ein gewisses Interesse an ihm pflegt. Gleichzeitig ist er einer der wenigen Menschen, die ihn selber nicht nur al...