#2 Zielperson

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Logan

Abgehetzt sprintete ich die Stufen zu der Wohnung meines Bruders, Jamie, hinauf. Böse schaute ich den defekten Aufzug an, als ich die richtige Etage erreichte. Ein letzter Blick auf mein Handy verriet mir, dass ich bereits zehn Minuten zu spät war. Mit einem genervten Gesichtsausdruck machte Jamie mir die Wohnungstür auf, nachdem ich geklingelt hatte. Anstatt mich zu begrüßen, deutete er mir mit einer Handbewegung, dass ich eintreten sollte. Schweigend betrat ich die kleine Küche, wo Dad bereits am Esstisch saß. Er und Jamie hatten bereits mit dem Essen angefangen, aber das störte mich nicht.

„Denkst du, dass ich den ganzen Tag Zeit habe?", fragte er nach, als ich mir etwas von dem Auflauf einen Teller machte. „Du möchtest etwas von mir und ich nicht von dir, also solltest du dir die zehn Minuten mehr nehmen", antwortete ich. Obwohl ich nicht hier sein wollte, zog ich mir einen Stuhl, welcher mit unechten Leder bezogen war, nach hinten, um mich darauf zu setzen. „Dad hat wahrscheinlich wirklich den ganzen Tag Zeit, aber ich nicht", setzte Jamie sich ebenfalls zu uns.

Nachdem unser Vater einen Schluck von seinem Wasser genommen hatte, kramte er in seiner Aktentasche herum, die auf dem Stuhl neben ihm lag. Zum Vorschein kamen zwei Notizbücher, welche er vor sich ablegte. Jamie wollte schon nach einem greifen, aber bekam einen warnenden Blick, wodurch er seine Hand zurückzog. Ich traute mich gar nicht etwas zu sagen, da ich Angst hatte, dass es unangebracht wäre. Dad aß das letzte bisschen seines Auflaufs, bevor er sich räusperte, damit wir ihm zuhörten. Am liebsten hätte ich ihn ignoriert, aber das wäre schlecht. Mein Bruder hatte mich bereits vorgewarnt, dass weder er noch Dad mir alles nochmal erklären würden.

„Wie ihr beide wisst, ist die Auktion in einem Monat. Ich habe euch beide angemeldet, wie ich es euch angekündigt habe. Jeder bekommt ein Notizbuch, in dem Informationen über eure Zielpersonen stehen", jedem reichte er eins der Bücher, bevor er weitersprach, „Ihr werdet alles auswendig lernen, damit nichts schief geht."

Der Instinkt zu flüchten stieg stetig. Mit einem schlechten Gewissen blätterte ich einmal durch das Heft, was mit viel zu vielen Informationen gefüllt war. Ich hatte sowieso nicht vor alles auswendig zu lernen, da ich authentisch wirken wollte. Nur den Namen, der Zielperson las ich. Jordan Zambrano. Überrascht hob ich meine Augenbrauen an, da Dad mir tatsächlich einen Mann anstatt einer Frau gesucht hatte. Die Auktionen fanden nur alle drei Monate statt, aber nur jedes zweite Mal gab es einen gesonderten Bereich für queere Menschen.

„Blond und blöd", schmunzelte Jamie, als er das Bild seines Opfers betrachtete. „Dezent beleidigend", deutete ich auf meine Schulterlangen Haare. „Intelligenz ist etwas anderes, als das, was du vorweist", neckte er mich. „Seid leise, wir sind noch nicht fertig", unterbrach Dad uns. „Ganz ehrlich, ich gehe Dusche, denn ich habe das alles schon zwei Mal hinter mir", stand mein Bruder auf und ließ uns alleine. „Logan, es ist nicht schwer. Du hast maximal ein halbes Jahr, bis du heiraten musst. Bemüh dich es nicht zu versauen", fasste er sich kurz.

Nachdem ich genickt hatte, nahm er seine Aktentasche und stand auf, um die Wohnung zu verlassen. Tief atmete ich durch, da ich es schon längst aufgegeben hatte mich rauszureden. In den letzten Wochen hatte ich das bereits versucht, aber war kläglich gescheitert, wie man sah. Nochmal durchblätterte ich das Notizbuch, um schließlich bei einem Bild hängen zu bleiben.

Vom Aussehen her war er auf jeden Fall kein Griff ins Klo. Die dunkelbraunen Haare waren in einen Mittelscheitel geteilt und reichten bis zu seinen Ohren. Wenn ich mich nicht täuschte, besaß er braune Augen, die einem Teddybären glichen. Mehr konnte ich leider erstmal nicht ausmachen, da das Bild nur von seinem Gesicht war. Mit 23 Jahren war er nur ein Jahr jünger als ich.

Trotzdem fragte ich mich, ob die Auktion das ganze Geld wert war. Es war viel zu gefährlich, aber das schien weder Jamie noch unseren Vater zu interessieren. Bei meinem Bruder verwunderte mich das nicht, da er so gut wie nichts fühlte. Selten bahnten sich Freude, Reue oder Schuldgefühle an die Oberfläche. Als Arzt hatte er sogar bereits ein Gespräch mit seinem Chef aufgrund dessen gehabt, da es ihm egal war, ob seine Patienten überlebten oder nicht. Bei Benachrichtigung, dass jemand verstorben war, konnte er keine Empathie aufbringen, was schon häufig zu Beschwerden geführt hatte. Manchmal fragte ich mich, wie er es schaffte seinen Job zu behalten, wenn diese Probleme bestanden und sich nicht besserten.

„Logan, ich habe noch etwas zu erledigen", Jamie signalisierte mir indirekt, dass ich seine Wohnung verlassen sollte, als er nur mit einem Handtuch um der Hüfte die Küche betrat. „Wir sehen uns", verabschiedete ich mich von ihm. „Spätestens bei der Auktion", rief mein Bruder mir noch hinterher.

***

Am Abend hatte ich es mir in einer Schwulenbar bequem gemacht, da ich mir das in einem Monat nicht mehr erlauben konnte. Bitter stieg mir dieser Gedanke auf. Ich wurde in meiner Freiheit beraubt, um zwei Menschen zu unterstützen und einen um sein Geld zu bringen. Irgendwo musste ich in meinem Leben falsch abgebogen sein. Diese irgendwo musste das Ende meiner letzten Beziehung gewesen sein, denn erst danach band mich Dad mit in seine Machenschaften ein. Zumindest hatte er mir ein halbes Jahr Zeit gelassen, damit ich mit dem Aus abschließen konnte. Er brauchte mich vollkommen konzentriert bei der Sache, damit ich nicht abbrach.

„Hey, Süßer. Darf ich dir einen Drink ausgeben?", wurde ich auf einmal gefragt. Mit müden Augen betrachtete ich ihn und ekelte mich bereits. Die fettigen Haarsträhnen fielen in seine Stirn. Der Geruch von Schweiß konnte man nicht ignorieren. „Kein Interesse", winkte ich mit einem aufgesetzten Lächeln ab. „Aber du siehst so alleine aus", federleicht fuhr er mir mit seinem Zeigefinger über den Unterarm, welcher auf dem Tisch abgelegt war. „Verschwinde", böse funkelte ich ihn an, was anscheinend endlich reichte, da er aufstand.

Was war daran so schwer zu verstehen, dass jemand kein Interesse hat, fragte ich mich. Eine einfache Ablehnung wurde nur noch selten akzeptiert, was absolut nicht in Ordnung war. Nach einem kurzen Kopfschütteln nippte ich an meinem Bier, welches vor dem Gespräch noch eindeutig besser geschmeckt hatte. Anstatt es vollständig leer zu trinken, brachte ich mein Glas zur Theke und bestellte mir einen Sex in the Beach, womit ich wahrscheinlich falsche Signale aussendete. Schmunzelnd überreichte der Barkeeper mir das süße Getränke, womit ich mich zurück in die Nische setzte, wo ich meine letzte Stunde bereits verbracht hatte.

Grübelnd, ob ich mich auf einen One Night Stand einlassen sollte, ließ ich meinen Blick durch die kleine Bar schweifen. Überrascht blinzelte ich mehrfach, als ich einen Mann sah, der dem Bild von Jordan Zambrano sehr nahekam. Vielleicht ist er das, überlegte ich. Egal, ob er es war oder nicht, er sah nicht glücklich darüber aus hier zu sein. Wenige Worte tauschte er mit dem Barkeeper aus, bevor er sich mit einem Drink an einen Tisch setzte. Auf einmal wurde mir die Sicht von einem jüngeren Kerl genommen, als dieser sich mit dem Unterleib gegen die Tischplatte lehnte.

„Entschuldige, darf ich mich eventuell mit hier hin setzen? Ich bin das erste Mal hier und habe ein wenig Angst mich irgendwo alleine hinzusetzen", sprach er mich schüchtern an. „Hier wird dich keiner beißen, aber ja du kannst dich gerne hier hin setzen", antwortete ich mit einem Lächeln auf den Lippen. „Das dachte ich nicht. Ich war mit jemanden verabredet und wurde sitzengelassen. Als ich ihm geschrieben habe, hat er mir gedroht, deswegen dachte ich, dass Gesellschaft nicht schlecht wäre", erzählte er mir mit einem panischen Ausdruck, was mich weich werden ließ. Er wollte nur durch die Anwesenheit eines anderen Schutz haben, was ich durchaus einrichten konnte. Vielleicht wurde ich dann auch von niemand anderem mehr angesprochen, überlegte ich mir. „Logan", hielt ich ihm lächelnd meine Hand hin. „Marek."

Zum ersten Mal seitdem Anfang unseres Gespräches betrachtete ich den jüngeren. Die Seiten seiner Naturroten Haare waren kurz geschnitten, während die oberen Haare zu einem sehr kurzen Zopf gebunden waren. Als zweites fiel mir sein schwarzes Piercing an der rechten Augenbraue auf. Seine Augen hatten unterschiedliche Farben. Blau und Braun. Fast wäre ich ihm vor Faszination näher gekommen, aber davon konnte ich mich abhalten. Ich darf mit niemandem etwas anfangen, ermahnte ich mich. Elegant wickelte ich eine meiner Haarsträhnen um meinen Zeigefinger, denn gegen etwas einmaliges sprach nichts.

„Warum sitzt du hier alleine, wenn ich fragen darf?", weichte Marek auf. „Man braucht nicht immer Gesellschaft, wenn man trinken möchte", antwortete ich neutral. „Störe ich?", fragte er vorsichtig nach. „Nein, ich habe mich wohl ein wenig blöd ausgedrückt. Ehrlich gesagt, war mein Besuch hier sehr spontan", erklärte ich. „Wenn ich dich störe, sag mir Bescheid und ich verschwinde", bat er mich, wodurch ich verstehend nickte.

Zwei Cocktails später und um eine Handynummer reicher machte ich mich auf dem Weg nach Hause. Die Dunkelheit sowie der kalte Herbstwind umhüllten mich sofort, als ich die Straßen entlang schlenderte. Ich war froh, dass ich mir eine Bar ausgesucht hatte, die nicht weit von meiner Wohnung entfernt lag, da die geringen Temperaturen ohne Jacke sehr unangenehm war. Meine Hände hatte ich in die Vordertasche meines Pullovers geschoben.

Zeit ist GeldWo Geschichten leben. Entdecke jetzt