Defne's pov:
Ich hätte es ihm gestern sagen sollen.
Nicht aus Pflichtgefühl, sondern aus Respekt—vor uns, vor dem, was wir beide „wir" nennen, wenn niemand zuhört. Und doch stand ich heute Morgen wieder am Fenster des Hotelzimmers, starrte auf die matte Skyline einer deutschen Stadt, die schon zum Hintergrundrauschen unseres Sommers geworden war, und hielt mein Handy so fest, dass meine Fingerknöchel weiß wurden. In meinem Posteingang lag die zweite E-Mail der Agentur mit dem endgültigen Vertragsentwurf. Betreff: „Mandat – Vertraulich". Im Anhang: Zahlen, Bedingungen, Flugvorschläge. Ein paar Sätze, die mein Leben kippen konnten.
Ich hatte die Mail geöffnet, wieder geschlossen, wieder geöffnet, als wäre in der Textur der Buchstaben irgendwo ein Ventil versteckt, das den Druck aus mir rauslassen könnte.
Kenan schlief noch. Sein Rücken war mir zugewandt; ich hatte mich in der Nacht vorsichtig um ihn gelegt, dann wieder gelöst, weil ich nicht wusste, ob Nähe ehrlicher ist als Abstand, wenn man etwas verschweigt. Der schmale Lipgloss lag auf dem Tisch, rosa wie ein kleiner Trotz gegen all das Grau dieses Flurs, dieser Tage. Zuckerwatte. Ja. Aber heute klebte mir jeder Gedanke im Mund.
Ich habe gelernt, Dinge in Kategorien zu denken. Klarheit schaffen, wenn Emotionen alles verwirren wollen: Interessen, Loyalitäten, Zeithorizonte. Ich nenne mir selbst die Begriffe, wie man sie in Lehrbüchern findet: „Rollenkonflikt", „Kognitive Dissonanz", „Selbstkonzept". Ich höre die Stimme meiner Therapeutin, ruhig und warm, wie sie mich durch die Frage führt, die ich immer wieder umgehe: Wem willst du gerade treu sein—ihm oder dir?
Ich weiß, wie unfair diese Frage ist.
Es klopfte an der Zimmertür. Ich schrak auf, steckte das Handy weg, strich das Bett glatt, als wäre das Messbarkeit. Kenan drehte sich nicht um. Sein Atem war regelmäßig, zu regelmäßig, um echt zu sein. Ich kannte seine gespielte Ruhe. Er hatte sie auf dem Platz perfektioniert: die Art, wie er den Raum scannt, ohne den Kopf zu heben. Ich stand da, zwei Meter entfernt, und spürte, wie sich etwas in mir zusammenzog. Noch wusste er es nicht. Ich war die Einzige im Zimmer, die diese Worte in Echtzeit hörte.
Die Nachricht hinter der Tür kam vom Teammanager—ein Reminder für die Medienrunde. Ich nickte, murmelte etwas Unverbindliches. Als die Tür zufiel, blieb ich stehen, mitten im Zimmer, und betrachtete Kenans Schulterblätter im Morgenlicht. Ich wollte ihnen sagen, dass ich bleibe. Dass ich alles absage. Aber Worte sind manchmal wie Spielzüge, die man zu früh andeutet: Das Pressing kommt, sobald du den Kopf hebst.
Ich ging duschen. In der Dusche zählte ich langsam, so wie er es mir beigebracht hatte—vier Sekunden ein, vier halten, sechs aus. Die Übung hatte mich aus Nächten geholt, in denen Erinnerungen wie Stromschläge durch mich fuhren. Heute half sie nur dabei, die Stille zu strukturieren.
—
Der Tag zerrann in Termine. Presse, Analyse, kurze Wege mit langen Gesichtern. Ich fuhr ins Büro, druckte Unterlagen, strich durch Passagen, die mir zu weich erschienen, zu offen für Interpretationen, die man gegen mich verwenden könnte. Mein Name unter einem Mandat der Rivalen würde wie eine Schlagzeile klingen, noch bevor es eine wäre. Und ich wusste: In Turin wäre es keine Zeile, sondern ein Echo.
Am Nachmittag schrieb mir die Agentur: „Wir müssen heute entscheiden. Der Spieler hat eine Offerte aus Spanien, die um 18 Uhr verfällt." Ich sah das „wir" und fühlte mich plötzlich ausgesperrt aus meinem eigenen Leben. „Wir"—das waren sie und der Mann, der morgen womöglich Kenans Gegenspieler sein würde. „Wir"—das war mein berufliches Ich, das nie jemandem Rechenschaft schuldig ist, außer sich selbst. Und doch war da dieses andere „wir", das in meinem Handy als Kontakt gespeichert war, mit einem Herz dahinter, das ich eigentlich albern fand und nie löschen wollte.
DU LIEST GERADE
Ungeplantes Spiel
RomanceNach einer schwierigen Vergangenheit in Deutschland wagt Defne einen Neuanfang in Turin, wo sie kurzfristig als Managerin für den aufbrausenden, türkischen Fußballstar Kenan Yildiz einspringt. Die beiden könnten nicht unterschiedlicher sein: Während...
