Die Nacht war nicht so schwarz, wie Ninive erwartet hatte. Sie dachte an die Fahrt im Zug nach Camaret zurück. Das Land außerhalb des Waggons war ihr tiefschwarz vorgekommen, mit nur wenigen Abstufungen der Dunkelheit. Der klare Nachthimmel war durchzogen gewesen von Sternen, deren Licht jedoch gerade als Nachweis ihrer Existenz reichte. Hier über Jütland waren keine Sterne zu sehen, doch es war, als reflektiere die Decke aus Sturmwolken das von der Erde zurückgeworfene Licht und konserviere das Spiel aus Licht und Schatten der Dämmerung bis tief in die Nacht hinein.
Der Wind schnitt eisig landeinwärts, als sie die Flanke am Nordende des großen Walls umrundeten und linker Hand die offene Nordsee sahen. Ein gutes Stück über ihnen hatten sie den Schienentruck zurückgelassen. Am Ende des Walls war ein breites Plateau, auf dem die Gleise in einer engen Schlaufe verliefen und ankommenden Schienenfahrzeugen so eine Wendemöglichkeit gaben. Von dort aus hatte sie ein schmaler Pfad hinab in die Senke geführt, die sie nun durchquerten. Der aufziehende Sturm hatte die See schon weit über den Stand und den niedrigen Dünenkamm gedrückt, und immer wieder rollten hohe Wellen landeinwärts und reichten ihnen bis zur Hüfte.
„Bleibt dich zusammen", rief Isaak, der die Gruppe anführte, durch den Wind nach hinten. „Wenn euch die Füße vom Sog der Wellen weggerissen werden, müsst ihr in der Reichweite eines Begleiters sein, um nicht davongespült zu werden."
Ninive sah unwillkürlich nach hinten. Solvejg folgte direkt hinter ihr, konzentriert darauf, nicht aus der Reihe zu tanzen. Ninive erkannte die Sehnsucht in den Augen des Klons. Solvejg wollte im Wind baden, die Wellen umarmen und sich von den Fluten treiben lassen. Sie kannte diese Gefühle, auch wenn bei ihr nie die Gefahr bestanden hatte, dass sie sich diesen hingab. Ninive hatte immer sehr viel Wert auf Rationalität und Selbstbeherrschung gelegt. Einen großen Teil ihres Lebens hatte sie sogar geglaubt, dass die unterdrückte Lust des Kontrollverlusts eine Abnormität war, die sie als Klon disqualifizierte. Erst als sie durch Isaak erfahren hatte, dass sie nie Neurohemmer bekommen hatte, änderte sie langsam diese Meinung. Und dennoch kam ihr dieser innere Drang sich dem Rausch der Natur hinzugeben so unangemessen vor, wie Sex in der Öffentlichkeit. Sie musste an Solvejg und Eva denken, als sie und Isaak die beiden in dem dunklen Container gefunden hatten. Solvejg hatte diese Zwänge und Grenzen nicht. Ninive beneidete sie darum.
Eva folgte auf Solvejg und im Gegensatz zu ihrer Freundin waren ihre Nerven offenbar zum Zerreißen gespannt. Ninive konnte nicht sagen, ob der Umstand, dass sie immer wieder hüfthoch in den Fluten stand, schlimmer war oder die Tatsache, dass sie sich am anderen Ende der Senke in die Basis des Feindes einschlichen. Auch Gallea war angespannt, jedoch war ihm anzusehen, dass er in den letzten Tagen viel schlimmere Situationen durchlebt hatte.
Sequana schließlich bildete den Abschluss der kleinen Gruppe. Sie war schweigsam geworden seitdem sie sich der Senke genähert hatten. Ninive wusste warum. Sequana war auf der Suche nach ihrem Ursprung. Nach ihrer Vergangenheit. Und nachdem sie Doignac gefunden und verloren hatte, blieb nur noch eine letzte Spur zurückzuverfolgen: die Spur zu Sasha Bréa. Es war ein Gefühl wie vor einem Gewitter, die Luft elektrisch geladen, und niemand weiß, ob sich das Unwetter entlädt oder nicht. Ninive hatte sich erst nach dem Besuch der Korridore mit Isaak dazu entschieden, dass ihr Ziel in der Vergangenheit der drei Klone lag und nicht bei der Verfolgung der Children of Chou. Und dennoch wartete auf sie nach dem Finden von Sasha die Aufgabe, die Korridore zu dem Ort zu finden, an den Lilian und der Rest der Crew Zervett und seine Leute verfolgt hatten. Aber für Sequana war es eine Suche mit einem klaren Ende. Und dieses Ende war endgültig.
Der Pfad stieg schließlich wieder an. Die Wellen leckten erst noch hin und wieder über den Sand zu ihren Füßen, doch schließlich blieben die vom Sturm schäumenden Wellenkämme unter ihnen zurück. In einem weiten Bogen führte sie der steile Weg immer höher auf die künstliche Anhöhe, die einst nur als Zwischenetappe auf dem Weg nach Norden zum Skagerrak gedacht war.
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Solheim 01 | EUROPA
Science FictionWenn du vor der Wahl stehst die Zukunft der Menschheit oder deine eigene Vergangenheit zu retten, wie würdest du dich entscheiden? Vor diesem Konflikt steht Ninive Solheim, als sie im Jahr 2113 zu einer Reise aufbricht, die schon bald alles andere...