Als Ninive wieder zu sich kam, lag sie in einem Bett. Obwohl sie sich schwach und noch etwas benommen fühlte, erkannte sie sofort, dass sie nicht in ihrem Abteil war. Zwar sahen die meisten Abteile im Zug gleich aus, hatten die identische Einrichtung, dieselbe Anordnung von Mobiliar und spärlicher Dekoration, doch in ihrem Abteil lagerten keine schweren Waffen. Sie stützte sich mit etwas Mühe auf ihre Ellenbogen und betrachtete die Umgebung. Die Vorhänge vor den Fenstern waren zugezogen, wofür sie sehr dankbar war, denn ihre Augen brannten noch immer. Die Tür zum Bad war einen Spalt geöffnet und sie hörte, wie ein Wasserhahn abgestellt wurde. Kurz darauf trat Lilian durch die Tür und an ihr Bett.
„Ich würde ja fragen, wie es dir geht, aber wir haben nicht die Zeit dafür … was hast du gesehen?“, fragte Lilian und setzte sich auf die Kante des Bettes.
„Wieso? Was ist passiert? Warum … warum fahren wir nicht mehr? Sind wir schon angekommen? Wie lange war ich weg?“ Ninive spürte den Anflug eines Schwindelgefühls und ließ sich auf das Bett zurücksinken.
„Ich gebe dir die Kurzfassung, wenn du mir dann deine Informationen gibst. Und dann schläfst du, wir brauchen dich vielleicht später einsatzbereit. Details müssen warten.“
„Gut … ich habe Gestalten gesehen, am Aéroport“, begann Ninive und rieb sich die Schläfen, „es war nur ein kurzer Augenblick, bevor ich … kollabiert bin.“
„Was für Gestalten hast du gesehen? Konntest du sie erkennen?“
„Nein, keine Details, ich habe auf etwas anderes geachtet und …“, Ninive brach ab. Sie dachte an die Gestalt auf den Felsen, die ihren Blick erst auf den Aéroport gelenkt hatte. Wie glaubwürdig war diese Geschichte wohl? Und vielleicht hatte sie sich auch getäuscht unter dem Einfluss des nie zuvor gesehenen Meeres.
„Ja, ein gewaltiges Schauspiel“, bemerkte Lilian, als würde sie auf Ninives Gedanken antworten, „als ich das erste Mal nach Camaret rausgefahren bin, habe ich auf nichts anderes achten können.“
„Nein, so war das nicht“, entgegnete Ninive und richtete sich erneut auf. „Ich habe eine Person gesehen, unten an den Felsen auf der Landzunge. Deshalb habe ich fokussiert, deshalb habe ich auf nichts anderes geachtet, bis …“
„Eine Person auf den Felsen?“, Lilians Stimme klang wider Erwarten nicht ungläubig, wie Ninive befürchtet hatte, sondern alarmiert. Eigenartigerweise beruhigte sie das ein wenig.
„Sie stand da mitten in der Gischt, und als ich sie endlich richtig im Blick hatte, deutete sie zum Aéroport. Doch bevor ich den richtig fixieren konnte, kam die Erschütterung … was war das eigentlich?“
„Ein technischer Defekt“, entgegnete Lilian etwas zu hastig um Ninive nicht argwöhnisch werden zu lassen. „Das Tech-Team sieht sich das gerade an. Deshalb stehen wir jetzt auch.“ Lilian erhob sich von der Bettkante. „Du ruhst dich jetzt aus, wir brauchen dich später einsatzfähig.“
„Schon okay, ich fühle mich gut“, Ninive schlug die Decke zurück, doch Lilian schüttelte den Kopf und drückte sie mit Nachdruck zurück in die Kissen.
„Für deine Mission ist noch keine Zeit, versuche zu schlafen, ich wecke dich, sobald wir dich brauchen.“
Lilian warf ihr einen langen Blick zu, dessen Bedeutung Ninive nicht einordnen konnte, dann wandte sie sich zur Tür und verließ das Abteil. Ninive rieb sich die Augen und spürte noch immer ein leichtes Brennen. Sie hatte jahrelanges intensives Training zur Anwendung der Sangre-Techniken hinter sich gebracht und war so fokussiert und erfahren wie kaum ein anderer Klon. Das visuelle Fokussieren war nichts Neues für sie und sie hatte schon längere und intensivere Erfahrungen damit gemacht, doch noch nie hatte ihr das so zugesetzt.
Die Intensität ging von der Person unten auf den Felsen aus, das konnte sie spüren. Und je länger sie darüber nachdachte, desto sicherer war sie, dass sie sich diese Person nicht eingebildet hatte. Außerdem war Lilians Reaktion eine deutliche Bestätigung gewesen. Kannte sie die Person auf den Felsen? Wusste sie, was hier wirklich vor sich ging? Ninive hatte ihr den technischen Defekt von Anfang an nicht abgekauft. Allerdings schien es ihr, als wäre es Lilian nicht darum gegangen, sie zu überzeugen. Entweder wollte sie ihr damit einen unmissverständlichen Befehl geben, im Bett zu bleiben und abzuwarten, oder aber sie wollte ihr etwas anderes mitteilen, das sie nicht offen aussprechen konnte oder wollte.
Egal wie es war, Ninive musste etwas unternehmen. Sie kannte Lilian seit dem Frühstück und war sich nicht einmal sicher, ob ihr Dienstgrad überhaupt zuließ, dass sie von ihr Befehle entgegennehmen musste. Und für den Fall, dass Lilian ihr etwas mitteilen wollte, gab es keinen anderen Weg als herauszufinden, was hier wirklich vor sich ging. So schlug sie erneut die Decke zurück. Ihre Beine fühlten sich noch immer taub an. Mit den Knöcheln ihrer Finger massierte sie langsam das Gefühl in ihre Oberschenkel zurück und zog dann die Knie an den Körper.
Etwas spannte sich und zog an ihrem Fußgelenk. Ein schmerzhaftes Kribbeln schoss durch ihr rechtes Bein. Ninive schob mit dem linken Fuß die Bettdecke ganz zur Seite und blickte auf Handschellen, die ihren rechten Fuß am Bettgestell festhielten. Einen leisen Fluch ausstoßend schob sie sich näher an das Fußende des Betts und sah sich die Handschellen an. Es war nicht die Standardausrüstung des Militärs, soviel konnte Ninive erkennen. Es bestanden wenig Zweifel, dass Lilian sie an das Bett gefesselt hatte, aber was hatte sie vor? Gehörte sie gar nicht zum Militär und zur Missionsbesatzung?
Ninive rieb sich erneut die Augen, doch das Brennen hatte nun weitgehend nachgelassen. Und sie hatte andere Probleme. Sie musste sich von den verdammten Handschellen befreien. Sie warf einen schnellen Blick durch das Abteil und analysierte die Möglichkeiten. Sie hatte gelernt Handschellen, Schlösser, Türen und ähnliche Dinge mit allerlei provisorischen Gegenständen zu öffnen. Im Bad waren solche Hilfsmittel vermutlich zu finden, doch bis dahin kam sie nicht. Besser sah es da schon mit der Sammlung an Waffen aus, die Lilian praktisch überall im Abteil deponiert hatte.
Ninive hatte keine große praktische Erfahrung mit Waffen, doch über Funktionsweise, ballistische Eigenschaften und Munitionstypen wusste sie bestens Bescheid. Sie machte eine Pistole auf dem Sessel am Fenster ausfindig, die sich am besten dazu eignete, ein Schloss aufzuschießen, ohne dass Ninive ihren Fuß riskieren musste. Das freie linke Bein schwang sie zur Seite über die Bettkante und lehnte sich dann mit dem Oberkörper soweit vor, dass sie mit ihren Fingerspitzen gerade den Sessel erreichte. Sie kam jedoch nicht weit genug, um diesen näher ans Bett zu ziehen.
Ruckartig schob sie sich ein Stück weiter nach vorne und bereute es sofort, als der metallene Ring der Handschelle in die Haut an ihrem Fußgelenk einschnitt. Ninive biss sich auf die Unterlippe und blendete den Schmerz aus. Immerhin war sie jetzt so nah an den Sessel herangekommen, dass sie ihre Finger in den altmodischen Polsterstoff krallen konnte. Mit einer weiteren Kraftanstrengung zog sie den Sessel näher zum Bett, doch dabei rutschte die Pistole herunter und über den Boden zurück in Richtung Fenster.
Seufzend griff Ninive zur anderen Waffe, die noch auf dem Sessel lag. Es war eine schwere, unhandliche Shotgun. Die Handschelle am Fußgelenk aufzuschießen war nun keine Option mehr, wenn sie das Abteil noch mit allen Zehen verlassen wollte. Also blieb nur das andere Ende der Fessel, das um das Bettgestell geschlossen war. Ninive schwang mit Mühe den Lauf der Shotgun herum und setzte an.
Der Knall war ohrenbetäubend. Ninive hatte ihre gesamte praktische Erfahrung mit Waffen am Schießstand gesammelt, in optimaler Position mit einfach zu beherrschenden Waffen. Jetzt hatte sie sich weit zurückgelehnt, um mit dem langen Lauf die richtige Stelle anvisieren zu können, und den Rückstoß völlig unterschätzt. Die Waffe entglitt ihr und der Lauf der Shotgun schlug zurück und prallte gegen ihre Schläfe. Wimmernd ließ sie sich aufs Bett sinken, während die Waffe geräuschvoll zu Boden fiel. Immerhin hatte der Schuss sein Ziel nicht verfehlt. Sie rollte sich auf die Seite und zog die Beine eng an den Körper, gegen das Flackern vor ihren Augen ankämpfend.
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Solheim 01 | EUROPA
Science FictionWenn du vor der Wahl stehst die Zukunft der Menschheit oder deine eigene Vergangenheit zu retten, wie würdest du dich entscheiden? Vor diesem Konflikt steht Ninive Solheim, als sie im Jahr 2113 zu einer Reise aufbricht, die schon bald alles andere...