#29 - Man sieht sich immer zweimal im Leben

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Ich betrachtete das Bild weiterhin und sah es mir ganz genau an.

Caras Augen-Make-Up war für meinen Geschmack ein wenig zu schwarz, aber okay, das war ja ihre Sache. Und wenn ich mich nicht irrte, hatte Harry schon auf seiner linken Wange einen Lippenstiftabdruck.

Ich versuchte, mit Absicht nicht auf den Teil ihrer Lippen zu schauen, die sich berührten. Wer wusste, was eine halbe Sekunde nach dem Foto geschehen war.

Wer wusste, was er die ganze Nacht sonst noch so getrieben hatte.

„Nee, geht nicht. Du weißt doch, sonst sieht uns jemand..."

Seine Antwort hallte in meinem Kopf tausendmal wider.

„Was soll das bitte? Als ob euch irgendjemand in einem dunklen Club sehen würde!"

„Vielleicht will er auch einfach ungestört nur mit all den übermenschlich schönen Models flirten."

Wieso lag ich eigentlich immer dann richtig, wenn das Endergebnis alles andere als schön oder positiv für mich war?

Ich war nicht den Tränen nahe, ich war auch nicht sauer oder so. Ehrlich gesagt war ich einfach nur enttäuscht. Ich war enttäuscht, dass sich meine größte Angst hiermit bestätigt hatte. Ich war nicht gut genug. Ich war ein Nobody und das hatte Harry wohl gestern Abend – beziehungsweise heute Nacht – selber unter all den Stars und Models und berühmten Menschen gemerkt. Ich war halt einfach nicht genug.

Ich konnte es ihm nicht verdenken.

Wenn man in einer Beziehung war, war eben die Gefahr da, dass man sich irgendwann trennte. Man hatte nirgends einen Vertrag unterschrieben, dass man für immer zusammen bleiben musste. Selbst aus einem Ehevertrag konnte man ungeschoren wieder herauskommen. Wir lebten im dritten Jahrtausend, jeder konnte tun und lassen, was er wollte. Auch Harry. Ich musste eben akzeptieren, dass das jetzt so war und fertig.

Ich machte einen Screenshot von dem Bild und schickte es an Jana, Leo, Caro und Mom. Ich schrieb bei allen den gleichen Text dazu. Dass ich nur enttäuscht war. Nicht sauer. Und jetzt gerade auch nicht verletzt. Aber das würde sich bald ändern... Im Moment war ich wohl noch ein wenig im Schockzustand. Der Schmerz würde später kommen. Das war keine Mutmaßung, das war eine zu einhundert Prozent sichere Voraussage. Ich wusste, dass er kommen würde, der Schmerz. Und wenn er kommen würde und die Realität mich einholte, würde ich in meinem eigenen Tränenbad ertrinken.

Nein.

Nein, stopp.

Das würde ich nicht tun.

Auf keinen Fall.

Ich würde mich jetzt nicht von Harry beirren lassen. Denn ... jetzt in diesem Moment war es mir egal, ob er Cara richtig geküsst hatte oder mit sonst einem der Models was gehabt hatte. Mir war egal, ob ich Single oder in einer Beziehung war.

Ich musste mich konzentrieren.

Ich musste mich auf diese kommende Woche konzentrieren und durfte mich nicht beeinflussen lassen. Mein Privatleben stand jetzt an zweiter Stelle, solange bis ich Fuß gefasst hatte in der internationalen Elite-Tanz-Szene.

Mit Schwung setzte ich mich auf und schlüpfte in meine Kuschelsocken.

Ich nahm mir vor, dass ich heute den Kontakt zu ihm meiden würde. Es hatte keinen Sinn, darüber zu reden, ich musste mich auf meinen Job konzentrieren.

Das war das einzig Vernünftige, was ich tun konnte.

Ich würde es mir niemals verzeihen, wenn Harry mir jetzt meinen Lebenstraum zerstören würde. Wenn er mich anrufen oder mir schreiben würde, würde ich nicht rangehen und es nicht lesen. Ich konnte mich wirklich nicht durcheinander bringen lassen.

HeartdanceWo Geschichten leben. Entdecke jetzt