Bah, dieser Regen regte mich echt auf. Das war eindeutig ein Grund, wieso London eher weiter nach unten wanderte auf der Liste der Orte, wo ich meine Tanzausbildung machen konnte. Dieses Wetter brachte mich um, damit kam mein sonniges, italienisches Blut nicht zurecht. Hier würde ich wahrscheinlich eingehen wie ein armes kleines Pflänzchen ohne Licht und Wärme.
Niall schloss hinter uns die Tür ab.
„Auf einer Skala von eins bis zehn – wie scheiße sehe ich aus?", fragte ich ihn gerade heraus und er drehte sich zu mir um, den Schlüsselbund noch in der Hand.
„Was ist was?", hakte er nach.
„Eins ist ‚du siehst gut aus' und zehn ist ‚du solltest dich besser nicht aus dem Haus trauen, du Zombie'", erklärte ich.
Paul hupte ungeduldig.
„Drei", sagte Niall und stürmte durch den Regen zur geöffneten Autotür.
Drei?! War das ernst gemeint oder war das ein Scherz?! Ich hatte sicher Tränensäcke bis hinunter zu den Knien, einen verkniffenen Mund, Augenringe bis zur Nase und kleine Augen wie Murmeln.
Naah, ich war sicher keine Drei heute, ich war eher eine drei Milliarden irgendwas. Mindestens.
Aber andererseits glaubte ich nicht, dass Niall mich in der Beziehung anlügen würde. Das sah ihm nicht ähnlich und er wusste, wann man ehrlich sein sollte.
Oder... er flunkerte mit Absicht, damit ich mich nicht so schlecht fühlte.
Ich hatte, um genau zu sein, nicht in den Spiegel geschaut. Bewusst nicht.
Vielleicht hätte ich es doch tun sollen. Naja. Auch schon zu spät.
Ich schlüpfte neben ihn auf die hinterste Bank im Van und sagte nichts. Ich hielt den Blick gesenkt und murmelte nur ein kurzes Hallo, als Paul Niall und mich begrüßte.
Ich sah nicht auf. Ich konnte nicht. Ich konnte ihn nicht ansehen.
Ich hörte, dass die anderen Jungs sich unterhielten, aber ich hatte einen so lauten Tinnitus im Ohr, dass ich nicht mitbekam, worum es ging. Alle beteiligten sich am Gespräch, nur er und ich nicht. Ich wusste nicht einmal, wo genau er saß. Saß er am Fenster und blickte nach draußen? Saß er mit dem Rücken zu mir? Oder andersherum, sodass er mich anschauen konnte, wenn er wollte? Wie sah er heute aus? Was trug er? Hatte er einen Pferdeschwanz oder nicht? Hatte er Augenringe, weil er kaum geschlafen hatte? Oder strahlte er wie ein Honigkuchenpferd, weil endlich die Last dieser – unserer – ehemaligen Beziehung von ihm abgefallen war?
Ich blickte nicht auf.
Ich wollte es einfach nicht wissen. Nichts auf der Welt würde mich dazu bringen, mir extra selber noch mehr Schmerz hinzuzufügen. Und das würde passieren, wenn ich ihn ansah.
Wenn er traurig aussah, würde es mir das Herz zerreißen. Und wenn er glücklich aussah und lächeln würde, würde es mir das Herz genauso zerreißen.
Dann blieb ich lieber unwissend.
Manchmal stirbt man lieber dumm.
Den Spruch hatte meine Oma schon immer oft gesagt und ich hatte ihn bisher nie verstanden, sondern immer nur für einen Quatsch gehalten. Jetzt kapierte ich das erste Mal in meinen knapp neunzehn Lebensjahren, was er für einen zweiten Sinn hatte.
Selbstschutz. Reiner Selbstschutz war die zweite Bedeutung.
Ich sollte einfach nicht aufschauen, das war das Beste. Dann musste ich in dieser Hinsicht aber dumm sterben.
Ich sollte nicht aufsehen.
Meine Lider hoben sich und ich starrte nicht mehr hinunter auf meine Hände.
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Heartdance
Hayran Kurgu~ ღ Das 3. Buch der Hearts-Trilogie. ღ ~ Er war es, der meinem Leben wieder einen Sinn gegeben hatte. Er hatte mir gezeigt, dass es sich lohnte, dass man für etwas kämpfte. Für etwas kämpfte, das einen beinahe umbrachte, aber es war es wert. Er war...
