Snow
Es ist schon ein eigenartiges Gefühl, wenn man zum ersten Mal einem Mann nackt gegenübersteht, das Nötigste nur bedeckt durch Handtücher.
Ich versuche mit aller Kraft den Teil in mir zu unterdrücken, der bei dem Gedanken, alleine mit einem Mann, für den ich tiefe Gefühle zu hegen scheine, in der Dunkelheit in einem privaten Raum zu sein, erregt ist.
Während ich mit einer Hand das Handtuch, welches ich um meinen Körper geschlungen habe, zusammenhalte, wühle ich durch Schubladen, auf der Suche nach sauberer Kleidung. Lucien tut es mir auf der anderen Seite des Zimmers gleich.
Zuerst habe ich mich geduscht und dabei seinen Rücken derart intensiv taxiert, als würde ich durch ihn hindurch starren wollen.
Anschließend hat auch er eine Dusche genommen, da seine Kleidung und sein Körper vor Staub und Schmutz und Blut geradezu umhüllt war. Zwar hat er mir zwinkernd erlaubt, ihn "gerne mit sabberndem Blick und glühenden Augen zu begaffen", aber kaum hat er diese Worte ausgesprochen, habe ich ihm trotzig den Rücken zugekehrt.
Jetzt suchen wir also beide nach etwas, mit dem wir uns besser bedecken können, als mit engen, kleinen Handtüchern, die jede Sekunde verrutschen könnten.
"Wie kommt es eigentlich, dass ein unbewohntes Zimmer trotzdem Kleidung beherbergt?", fragt Lucien, als er mir eine Hose zuwirft, die er soeben gefunden hat.
"Die Festung war früher bewohnt", beginne ich zu erzählen. "Es war der wohlgehütete Geburtsort meiner Mutter - niemand außer ihr, meiner Großmutter und ihren Bediensteten wusste von dieser Festung. Ich kenne nicht einmal annähernd die gesamte Geschichte - niemand hat sich je die Mühe gemacht, mir allzu viel über meine Mutter zu erzählen -, aber offenbar gab es schon damals einige Streitigkeiten zwischen dem König und der Königin von Luna, die eng mit der Familie meiner Mutter befreundet waren. Meine Großeltern väterlicherseits hatten wohl kein allzu inniges Verhältnis, das irgendwie im Konflikt mit meiner Familie mütterlicherseits stand, weshalb auch immer meine Großmutter mütterlicherseits sich gezwungen sah, meine Mutter zu beschützen und versteckt aufzuziehen, und diese hat mir einen Brief hinterlassen, in dem sie von diesem Ort als potenzielles Versteck geschwärmt hat. Früher war jedes dieser Zimmer belegt."
"Ich verstehe", murmelt Lucien. Dann dreht er sich wieder zu mir um und grinst übermütig, in seiner Hand baumelt Spitzenunterwäsche. "Wie wäre es damit, liebste Snow?", schnurrt er.
Ich stemme die Arme in die Hüften und schnaube lautstark. "Und wovon träumst du nachts?", brumme ich. Nichtsdestotrotz lösen seine Worte in meinem Inneren ein kribbelndes, warmes Gefühl aus.
Unschuldig legt er den Kopf schief. "Nachts träume ich von viel bedeutenderen, intensiveren Dingen, als Spitzenunterwäsche, die du für mich trägst." Er grinst schief - er weiß ganz genau, was für Fantasien seine Worte in meinem Kopf auslösen.
Während ich mir stark auf die Lippen beiße, um mich konzentrieren zu können, schüttele ich über seinen Übermut den Kopf. Wir befinden uns in Lebensgefahr - und er redet von nächtlichen, privaten Aktivitäten, als seien wir schon ewig ein Liebespaar!
Ich stolpere über beide Gedanken.
Erstens: Jetzt wird mir klar, dass Lucien auch damit versucht, mich abzulenken. Aber nicht auf die paranoide Weise, um mir Schaden zuzufügen, wie ich es normalerweise immer in einer solchen Situation vermuten würde - nein, er will mir helfen, indem er mich die Schrecken vergessen lässt, indem er mich neckt und harmlose Wortgefechte mit mir austrägt, damit ich die Situation nicht mehr als ganz so absurd und furchterregend wahrnehme.
Zweitens: Ich liebe Lucien, trotz allem, was er getan hat, und was wir durchgestanden haben. Mein Herz sehnt sich nach ihm, wenn er nicht da ist - und wenn er da ist, kann ich das Gefühlskarussell in meinem Inneren nur schwer deuten. Ich möchte bei ihm sein, und eben weil ich das so sehr will, bekomme ich es mit der Angst zu tun, ziehe innere Mauern hoch und stoße ihn von mir.
Aber jetzt ist leider weder die Zeit noch der Ort passend, um über solche Dinge in Ruhe zu sprechen. Stattdessen muss ich andere Fragen stellen - wichtigere Fragen.
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Storming Light
Fantasi↬ Wenn Leben und Tod kollidieren...↫ ...Ich will nicht sterben. Das ist alles, woran ich denken kann. Als er mich ansieht, fährt ein schmerzhafter Stich durch mich hindurch. Ich kenne ihn. Ein einziges Gefühlskarussel dreht sich in mir, so plötzlich...
