Neununddreißig

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Snow

Ich bin mir nicht sicher, wie lange wir in dem leeren Raum an der Bettkannte gesessen und uns umarmt haben. Ich weiß nur, dass es sich gut angefühlt hat, diese Last mit jemandem zu teilen, bei dem ich mir sicher sein kann, dass er mich versteht. Trotz allem ist Lucien schließlich noch immer ein Prinz - und als solcher hat er über Jahre hinweg dieselbe Verantwortung auf seinen Schultern tragen müssen, wie ich es derzeit tue.

Irgendwann ging dann eine Erschütterung durch die Festung, die sogar den Boden leicht vibrieren hat lassen. Das haben Lucien und ich als Zeichen gewertet, dass wir genug Zeit vertrödelt haben.

Neu gekleidet und sauber sind wir also vorsichtig aus dem Raum heraus geschlichen. Während ich die Tür lautlos hinter uns zugezogen habe, hat Lucien seine Flammenfackel zurück in seine Hand geholt, damit sie uns nicht auf zu große Distanz verrät.

Für einen Moment halten wir inne und lauschen, und als sich nichts regt, ergreift Lucien meine Hand und wir schleichen gemeinsam vorwärts. Trotz der Gefahr der Situation geht ein wohliger Schauer von meinem Arm bis zu meinem Rücken und in meinem Bauch erwärmt sich etwas.

An jeder Biegung halten wir inne, spähen in die Dunkelheit hinein und lauschen. Die ganze Zeit über geben wir keinen einzigen Laut von uns. Jeder Hinweis könnte uns verraten - das dürfen wir nicht riskieren.

Wir haben die Zeit aber nicht nur genutzt, um uns gegenseitig Halt zu spendieren - nein, wir haben auch einen Plan aufgestellt, wie wir diese Festung schnellstmöglich und mit der höchsten Effizienz bereinigen können. Um diesen Plan allerdings durchführen zu können, müssen wir bestimmte Punkte innerhalb der Festung passieren. Mein Anteil dabei ist der, der am meisten Konzentration benötigt - was auch daran liegt, dass meine Macht in der kleinen Pause nur zu einem Bruchteil zurückgekehrt ist -, somit müsste ich Lucien im Falle eines Kampfes mein Leben und meine Sicherheit anvertrauen. Ich darf mich von nichts ablenken lassen, wenn dieser Plan funktionieren soll.

Lucien gibt mir ein Zeichen und ich haste durch die Dunkelheit zu ihm hinüber. Wir haben schon einige der Punkte passiert - nun sind wir wieder bei einem angekommen. Es handelt sich dabei diesmal um eine Art runden Innenbalkon, in dessen Mitte eine Bank steht - vermutlich eine Art bequemerer Spähposten.

Ich knie mich auf den Boden und forme meine Hände zu einer Schale. Konzentriert schließe ich die Augen und stelle mir das Bild einer kleinen, ovalen Spiegelfläche vor. Erst, als ich das Kribbeln in meinem Bauch spüre, und Lucien mir eine Hand auf die Schulter legt, öffne ich die Augen wieder. Ich halte einen blanken Spiegel aus Eis ohne Fassung in der Hand. Während Lucien sich wieder angespannt dem Flur zudreht, befestige ich die Spiegelfläche in einem bestimmten Winkel an der Rückseite der Bank.

Dann erhebe ich mich lautlos, nicke Lucien zu und wir schleichen weiter. Einige Flure später halten wir nervös inne. Jemand flüstert panisch vor sich hin - während auf der anderen Seite sich die kreischenden, schrillen Laute eines der Wesen nähern.

Wir haben eigentlich keine Zeit zu verlieren. Sollte auch nur ein einziges der Wesen gegen einen der Spiegel stoßen, geht unser gesamter Plan nicht mehr auf - es ist ein einziges Rennen gegen die Zeit.

Andererseits handelt es sich hierbei um ein Mitglied meiner Truppe. Ich kann meine Kameraden auch nicht einfach im Stich lassen. Unsicher wende ich mich Lucien zu, der mich ebenfalls nachdenklich anstarrt. Ich weiß auch nicht, wieso, aber ich nehme seine Hand automatisch in meine. Es beruhigt mich sofort.

Jede Sekunde zählt. Auch die Sekunden, die wir hier mit einer Entscheidung verbrauchen. Ich atme tief durch und gebe Lucien ein Zeichen. Er neigt ergeben den Kopf - dann huscht er um die Ecke und ist in der Dunkelheit verschwunden.

Storming LightWo Geschichten leben. Entdecke jetzt