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Sie summte, strich ihm durchs Haar, tätschelnd, wie bei einem Hund.

Itona wog zu viel für einen Arm.

Gakushú hielt sie trotzdem fest, ließ nicht los, egal wie sehr sein Körper protestierte. Vom brennenden Gift aufrecht gehalten zu werden half wahrscheinlich auch, selbst wenn es der Grund für sein erbärmliches Auftreten war.

Das Glas füllte sich quälend langsam, ein Tropfen nach dem anderen. Sein anderer Arm fühlte sich taub an, gefangen in ihrem federleichten Griff. Er wollte schreien. Laut und schrill, für alle zu hören. Er blieb still, ließ es zu, ließ sie ihr Lied summen, ihren Zorn in Noten umwandeln.

"Und?", fragte sie schließlich, ließ ihn los, "ist es deinen Erwartungen entsprechend? Dein wunderbaren kleines Königreich?"

"Wo ist K-" Sein Mund schloss sich, die Blonde schnalzte mit der Zunge. "Wenn du nicht antworten willst, bleib einfach still. Du elender Narr wärst da draußen beinahe in kleine Stücke zerrissen worden, hast dich von Nagisa getrennt, Rió am Leben gelassen und wagst es mit diesem Vieh vor mich zu treten." Itona fauchte. Gakushú legte den anderen Arm ebenfalls um sie, drückte sie fester an sich. "Nichts davon wäre tragisch, wenn du schon eine Krone tragen würdest", fuhr die Vampirin fort, tappte mit langen Nägeln gegen ihr Glas. "Tust du aber nicht. Du bist immer noch zerbrechlich wie dünnes Glas und schwach wie ein Blumenstängel. Was bitte hast du dir dabei gedacht?"

Auch mit beiden Händen war die Katze zu schwer für ihn. Er weigerte sich dem Gift nachzugeben, behielt sie trotzdem im Arm, schwieg, auch nachdem er wieder sprechen durfte. Es würde nichts bringen. Weder nach Karma zu fragen, noch ihr vor Augen zu führen wieso er überhaupt in diesem erbärmlichen Zustand war. Die Wunde an Gakushús Handgelenk war mittlerweile völlig verheilt, ließ den Drang die neue Haut wieder aufzureißen zurück.

"Aber genug davon", Irina trat zum Fenster, stieß es auf um zum Balkon zu gelangen und seine Füße folgten ihr ganz automatisch bis zum Geländer, egal wie sehr er sich dagegen sträubte, das Herz in seiner Brust viel zu laut, viel zu schnell, er wollte nicht, er wollte nicht!

Gakushú stoppte neben ihr, versuchte seine Atmung unter Kontrolle zu halten, nicht ohnmächtig zu werden. Sie würde ihn runter stoßen, man würde ihn auseinander reißen, wieder und wieder-

Itona schnurrte durch die Stille hindurch.

Stille.

Der große Platz unter ihnen, grau und staubig im trüben Licht, war leer. Da war keine Armee die auf ihn wartete, sich auf ihn stürzen wollte. Ein Springbrunnen war in der Mitte des Platzes platziert, aber da war kein Wasser in ihm, nur die selbe Staubschicht, die auch auf allen anderen Dingen zu sein schien. Die Vampire der unteren Generation verwandelten sich in einfachen Staub wenn sie mit Silber in Berührung kamen. Vampire aus staubigen Blut hatten keinen Verstand mehr, keinen Funken Menschlichkeit fernab der Hülle. Die Vampire die in seiner Heimat ständig attackierten, waren alle höherer Generationen gewesen; Bronze, Silber, manchmal Gold und es hatte nicht viel an deren Verstand geändert. Rió blutete Goldstaub, war völlig in der Lage, Mensch zu spielen.

Katzen in Menschengestalt, wenn man so wollte.

Gakushús Herz beruhigte sich Stück für Stück, bis es gleichmäßig zu dem der Katze schlug, ihn nicht weiter in Panik versetzte. Er war hier. Er atmete. Es gab momentan wichtigeres als seine persönlichen Panikattacken.

"Es ist schon ironisch, nicht wahr? Die ganzen Farben sind weg, alles was bleibt ist der Staub, der nicht enden will."

"Du hast mir eine Sonne gezeigt", er sah auf die trübe Landschaft herab, atmete ein, "Dennoch ist weit und breit kein einziger Strahl zu sehen." Und erst recht kein Licht, in das er hätte gehen können. Die Königin lachte auf, trank einen Schluck aus dem Glas. "Keines das sich sehen lässt, nein. Zeit und Wetter spielen verrückt an diesem seltsamen Ort; immerhin wurde er von verrückten, gar wahnsinnigen erschaffen. Wenn du schon Teleportation für Magie hältst, dann freue ich mich auf dein Gesicht sobald du ein paar Wochen hier verbracht hast. Der Umschwung von Nacht auf Tag und die Klagelieder der wahnsinnigen Bewohner dieses Reiches wird dich sofort in den Bann ziehen."

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