"Hast du es mitbekommen, Liebling?"
Es war schon ein paar Wochen her, seit sie das Letzte Mal hier war, der Staub hatte bereits eine leichte Schicht auf dem Boden hinterlassen, sie konnte ihre Fußspuren sehen. Langsam trat sie näher, leicht, als würde sie fliegen.
Er saß auf seinem weichen Gefängnis, genau wie sie ihn zurückgelassen hatte, starrte mit leeren Blick auf die graue Wand.
"Dem Kind, das du vor 17 Jahren gezeugt hast, geht es gut, ich hab es nicht angerührt."
Keine Reaktion. Sie unterdrückte ihre Irritation, strich ihm sanft über die gar schon dunkle, doch auch gleichzeitig so blasse Haut. So rau, doch auch so weich. Früher hätten die goldenen Ketten um seine Hand- und Fußgelenke ihn noch zurückhalten müssen - jetzt saß er einfach nur da, wie eine leere Hülle von dem Mann, der er mal war. Selbst die Krone von ihm, gemacht aus Silber und Rubinen, feinste Handarbeit, perfektioniert bis ins kleinste Detail - war zu Boden gefallen und lag nun dort wie wertloser Müll.
"Auch, wenn ich ganz außer mir vor Zorn war, als ich bemerkt habe, dass du mir untreu geworden bist. (Als hätte sie es nicht selbst getan. Sie wollte ihn provozieren, zu einer Antwort bringen.) Ich hätte die Schlampe, die dich mir weggenommen hat sofort umgebracht - aber ich kannte ihr Gesicht nicht und du hast mich angefleht es auf sich beruhen zu lassen, erinnerst du dich?"
Das waren so süße Zeiten gewesen, sie hatte zwei der besten Männer für sich ganz alleine gehabt, ihr Reich hatte geblüht.
Zu schade, dass jede Blume früher oder später verwelken musste.
Sie strich ihm die schwarzen Haare aus dem Gesicht - sie waren länger als letztes Mal. Ein Mann der sich nicht um sein Äußeres kümmerte war ihr normalerweise zuwider - aber bei diesem einen würde sie es ignorieren, immer und immer wieder, wenn es sein musste.
"Natürlich erinnerst du dich. Wie könntest du diese Zeit auch je vergessen? Du hast dieser Stadt schließlich kurz darauf alle Farbe gestohlen und versucht mich mit Langeweile umzubringen."
Ein interessanter Mann würde wohl früher oder später immer versuchen, sie umzubringen. Ob mit einer Waffe oder seinen Worten, am Ende jeder Verliebtheit wartete eine Klinge auf sie, bereit sie aufzuspießen, sollte sie den letzten törichten Schritt gehen. Es lag wohl in der Familie.
"Ich hab mich revanchiert, deinen gelben Diener zu seiner Herrin gesperrt, den Schlüssel in Gold verschmelzen lassen."
Gold, so tödlich für Dämonen wie Silber für Vampire. Aber für vollwertige Dämonen führte der Kontakt damit nur zu höllischen Schmerzen, die sich langsam vom Körper in den Geist hineinarbeiteten. Aus diesem Gold waren seine Ketten angefertigt worden. Aber wie langweilig ihn das doch gemacht hatte...
"Ach übrigens, dein Kind ist auf dem Weg hier her -", ein Gedankenstrang in ihrem Kopf veränderte sich, zeigte ihr Nagisa, die die Hand des Hybriden hielt als ob sie ein junges Menschenpaar wären, brachte ihre Nerven zum kochen. Das konnte nicht sein. Das durfte nicht sein! Sie stand auf. "Es ist sogar schon hier, wartet mit der Königin aus Unterland und dem Prinzen, angemessen empfangen zu werden."
Da, ein Zucken in seinem rechten Auge, der Hauch eines Funken von Leben. Vielleicht sollte Sie Vater und Sohn vor der eigentlichen Prozedur noch einmal zusammenführen?
"Ich würde dir gerne sagen, dass ich mein Versprechen von damals halten und es nicht anrühren werde. Aber die Zeiten haben sich geändert... und dein Kind ist ein Junge."
Sie küsste ihn auf die Lippen, sprang weg bevor sein Arm ihr das Genick gebrochen hätte. Da war es, das leidenschaftliche Funkeln pures Hasses, der ihr ganz alleine galt.
"Ah, wie schön, du lebst ja doch noch. Bis später mein Liebling, wir sehen uns bald schon wieder. Bleib schön brav, dann lass ich dich noch einmal zu ihm, ja?"
"Lass den Jungen... lass den Jungen... bitte..."
Aber sie drehte sich schon zum Ausgang, übertönte summend die Worte die sie froh machten aber gleichzeitig auch irritierten. Er konnte noch sprechen, er hatte mit ihr gesprochen, trotz seines Schwures vor 17 Jahren. Sein Kind war ihm wichtiger als sein Stolz.
Aber warum war ihm sein Kind wichtiger, als sein Stolz?
Sie schloss die Tür des Thronsaals hinter sich, lief durch die langen, grauen Gänge, in Gedanken versunken.
Sie hatte selbst mal ein Kind aufgenommen, sogar eines zur Welt gebracht, wartete sehnsüchtig auf seine Hochzeit und Krönung, war auch mehr als stolz darauf was aus dem kleinen Bündel, dass aus ihrem Bauch geschossen kam, geworden war - aber sie würde niemals irgendwas tiefliegendes für es aufgeben, nie und nimmer.
Sie hatte Gakkuhó grinsend zugehört als er ihr seine Schlussfolgerungen erzählte - sie hatte nicht damit gerechnet, dass er mit einem Gold-Schwert auf sie losgehen würde, (dieser Mann war wirklich so verdammt schlau gewesen, kein Wunder, dass ihr Sohn ein solches Prachtexemplar abgab) da hatte er sie tatsächlich überrascht.
Auch als er ihr versprochen hatte, er würde Gakkushú nicht zum Monster, sondern zum Menschen erziehen, denn er war trotz allem sein Sohn - es hatte sie komplett weggehauen, einige große Diamanten gekostet.
Warum würde dieser Mann, der stolzer als alle anderen war, sowas riskantes für ein Kind in Kauf nehmen? Warum würde der andere um das Kind flehen, obwohl er versprochen hatte nie wieder mit ihr zu sprechen?
War das so eine Sache, die man besaß, wenn man einmal ein Mensch gewesen war?
Sie hatte das Ende des Ganges fast erreicht, da sprang ein Vampir plötzlich vor ihre Füße, verneigte sich.
"Meine Königin, sie sind da."
Irina verwarf ihre Gedanken, lächelte.
"Dann verlasse ich mich darauf, dass du dem Prinzen ein gebührendes Festmahl vorbereitest - vergiss nicht, einer nach dem anderen, nicht überstürzen. Und stell sicher, dass er sich der Farben bewusst wird."
"Verstanden. Aber sagt Hoheit, braucht ihr den rot Haarigen wirklich? Ich würde ihn sonst-"
Aber sie schickte ihn mit einer Handbewegung weg, ließ ihn verstummen und verschwinden.
"Ich glaube, auch du hast die Chance dein Versprechen halten zu können vertan, Gakkuhó. Ich brauche nur einen Tropfen, dann hab ich unser letztes kleines Spiel gewonnen."
Es würde nicht viel am Endergebnis ändern. Aber um die Genugtuung zu spüren war es das mehr als nur Wert.
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ASSASINATION CLASSROOM
Fanfiction"Und du dachtest wirklich, du könntest einfach verschwinden? Wie soll man so eine Person denn nur bestrafen, hm?" "H-hilfe... T-tu mir nicht weh." Langsam kam Karma näher, das Messer bereit zum Angriff, als er die zwei Gestalten endlich sehen konnte...
