Fest umklammerte ich den großen Koffer in meiner Hand. In ihm bewahrte ich all meine Sachen auf, die ich in dem Internat benötigen würde; Klamotten, Schulsachen, Zahnbürste. Selbst den Traumfänger hatte ich dazugelegt, um mein eigenes Unbehagen zu mäßigen.
Ich hielt den Koffer in meiner linken Hand, auch wenn er schwer war. Den rechten, von einer dunklen Schicht verkrusteten Arm verbarg ich in dem Ärmel eines langen, dicken Mantels. Inzwischen konnte ich ihn ganz normal bewegen, aber die Krallen am Ende meiner verformten Finger waren mir zu unheimlich, als dass ich ihn gewöhnlich einsetzen würde.
Ms. Crow überwand meine Bedenken, indem sie mir lauter Schachteln mit vorgekochtem Essen aufzwang, die ich nur mit meinem freien Arm balancieren konnte. „Man weiß nie, wie gut die Schulkantine kochen kann", hatte sie mit finsterer Miene prophezeit.
Ms. Crow stand neben mir und meiner Mutter im Eingangsbereich des Hauses und drückte mir zum Abschied einen schnellen Kuss auf die Wange. Auch Mama wirkte bedrückt, als sie sich abwandte um ihre Schuhe zuzubinden.
„Ich werde nicht für immer weg sein", versuchte ich die beiden aufzumuntern, wobei ich mich selbst nicht optimistisch fühlte. „Mrs. Raven hat gesagt, dass ich euch jedes Wochenende besuchen darf. Fürs Erste, damit ich mich an den Schulalltag gewöhne."
Mama öffnete die Tür und nahm mir die Schachteln ab.
„Natürlich, Callie. Lass uns gehen."
Ms. Crow schloss die Tür hinter uns lautlos, wie es sich für eine Anstaltsdame gehörte, und meine Mutter und ich machten uns schweigend auf den Weg zur Stonegrave High.
„Warum hast du es mir nie erzählt?", traute ich mich letztendlich zu fragen.
„Dass deine Großmutter eine Hexe war? Und dass sie ihr Leben einer Schule gewidmet hat, auf der Engel und Hexen gemeinsam lernen?" Sie seufzte. „Eigentlich wollte ich, dass du mit dieser Welt nie in Berührung kommst. Genau wie ich hast du keine magischen Kräfte geerbt. Sich als Normalsterbliche in diesem Metier aufzuhalten, ist gefährlich. Es gibt nichts Waghalsigeres, als sich in ihre Leben einzumischen."
Die Krallen meiner rechten Hand bohrten sich in den Mantel.
„Hast du aus diesem Grund Stonegrave hinter dir gelassen? Wegen der Schule und Oma Rosaline?"
Mama besah mich mit einem liebevollen Blick. „Es ist wahr, dass ich mit diesem Teil von Mom nichts mehr zu tun haben wollte. Aber hauptsächlich habe ich es für dich getan. Ich habe gehofft, dass du ein normales Leben führen könntest. Ohne den Druck, der hexischen Seite unserer Familie zu entsprechen."
Ich ließ den Kopf hängen.
Mir ging auf, dass meine Mutter mich nur hatte beschützen wollen, vor etwas dem ich nicht gewachsen war und dank meiner fehlenden Fähigkeiten auch nie gewachsen sein würde. In meiner Unbedachtsamkeit hatte ich meine eigenen Nachforschungen angestellt, ohne ihrem Urteil zu vertrauen. Ich dachte zurück an die rothaarige Hexe Medea, die mich im Schlaf töten wollte. An den Dämon Astaroth, der meine Hand gepackt hatte und sie mit seiner Berührung verbrannte. Sie, Ms. Crow und sogar Joeline hatten Recht behalten, als sie mir immer wieder sagten, dass diese Schule mit seinen Schülern nichts für mich wäre.
Wir standen vor dem eisernen Eingangstor, das seitlich von Steinsäulen mit schaurigen Kreaturen auf deren Spitzen flankiert wurde. Dahinter lag die Stonegrave High, eine in Schuss gehaltene, massive schottische Festung mit einem Pentagramm als Wappen, dem lateinischen Spruch und flammenden Flügeln.
Wir befanden uns an dem Ort, von dem meine Mutter mich immer fernhalten wollte.
Und auf einmal bekam ich es mit der Angst zu tun.
Schaurig langsam schwangen die Torhälften nach innen auf, ganz von selbst.
Ich griff instinktiv nach der Hand meiner Mutter und tat peinlich berührt so, als würde ich nach dem Koffer greifen. Sie übergab ihn mir und schaute mir tief in die Augen.
„Es ist nicht für immer. Du hast keine magischen Kräfte. Moss's Vorstellung von dir stimmt nicht mit der Callie überein, die ich kenne. Du musst nur so lange hierbleiben, bis die Dämonenkralle verheilt ist", rief sie mir in Erinnerung. „Aber für die Zeit hinter diesen Mauern musst du mir etwas versprechen."
Ich nickte folgsam. „Was denn?"
„Sei mutig, tapfer und gelassen. Konzentriere dich auf das Lernen und verhalte dich freundlich, aber schließe keine Freundschaften. Du kannst niemanden vertrauen, außer Mrs. Raven und den übrigen Lehrern. Und am wichtigsten: Mische dich nicht in Belange der Engel und Hexen ein."
Ich rekapitulierte die genannten Anforderungen in meinen Gedanken und hoffte, dass meine Mutter mit ihrer extremen Abneigung gegenüber meinen zukünftigen Mitschülern übertrieb. Wenn es genauso wäre, wie sie es indirekt ausdrückte, dann würden die nächsten drei Monate nicht angenehm werden. Denn laut Ms. Raven würde es so lange mindestens brauchen, bis mein Arm verheilt war.
„Ich verspreche, dass ich ausschließlich lernen, niemanden vertrauen und mich nicht in die Angelegenheiten von Engeln und Hexen einmischen werde."
Zum Abschied drückte mir Mama ganz aufgelöst einen schmierigen Kuss auf die Wange. Das hatte sie zuletzt bei meiner Einschulung gemacht.
Ich nahm sie in den Arm und schritt langsam auf das geöffnete Tor zu. Kurz vor der Schwelle drehte ich mich ein letztes Mal zu meiner Mutter um, die versuchte ihr Lächeln aufrecht zu erhalten und zaghaft winkte. Sie konnte mich nicht nach drinnen begleiten. Die Grenze zwischen dem Grundstück und der Außenwelt konnte nur von magischen Kreaturen überschritten werden.
Deswegen solltest du dich freuen, einen Teil von mir an deiner Seite zu haben, kicherte Astaroth und ich bog die Finger meiner Kralle zusammen und ignorierte ihn beflissen. Er hatte mich erst in diesen ganzen Schlamassel gebracht.
Ohne weiteres Zaudern überwand ich die Grenze und stiefelte über einen Kiesweg und zwischen hoch gewachsenen Eichen und Tannen zu dem dunklen, hölzernen Haupttor des Gebäudes.
Mrs. Raven wartete dort bereits auf mich, die Arme vor ihrem schwarzen Gewand verschränkt. Die kurzen, weißen Haare standen vom Kopf ab, als hätte sie ein Schlag getroffen oder wäre von einem Gespenst berührt worden. Auf den bemalten Lippen in einem braunen Umbra fixierte sich ein schales Lächeln.
Sie schaute auf eine Uhr an ihrem Handgelenk.
„Endlich."
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Stonegrave: Schule der Engel und Hexen
FantasyCallie Newsland zieht mit ihrer Mutter aus dem schönen London zurück in das alte Haus ihrer Großmutter in einer schottischen Kleinstadt. Doch ihre Großmutter scheint mehr Geheimnisse gehütet zu haben, als es Callie lieb ist. Was hat es mit dem selts...
